Susanne Viktoria Haupt
19. August 2019

Seitenansicht: „Wir sind nicht wie Eidechsen“ von Erika Bianchi

Erika Bianchis Debüt kommt mit einigen Schwächen, aber auch ebenso vielen Stärken daher: „Wir sind nicht wie Eidechsen“, Buchcover

Zaro ist tot. Dieser Umstand hat für Erika Bianchis Debüt-Roman „Wir sind nicht wie Eidechsen“ eine große Bedeutung. Denn Zaro war der Familien-Patriarch. Ein Mann, der ein großes Faible für Fahrräder hegte und in dem kleinen toskanischen Dorf Ponte a Ema eine Fahrradwerkstatt besaß. Das klingt nun nach dem Beginn einer schönen, von Nostalgie durchtränkten italienischen Retrospektive zugunsten Zaros, aber Bianchi hat mit ihrem Figuren-Pool andere Dinge geplant.

Zaro war ein Mann, der keine Verantwortung übernehmen wollte. Ein Mann, der sich nahm, was er haben wollte, und es wegwarf, wenn er keine Lust mehr darauf verspürte. Deswegen schwängerte er auch bereits in jungen Jahren die Französin Lena. Anstatt aber für sie und das Kind Verantwortung zu übernehmen, ließ er sie alleine. Und Lena wurde von ihrer bretonischen Umgebung fortan verachtet. Denn ein uneheliches Kind war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Skandal. Für die Frauen der Familie wurde damit gleichzeitig ein Schicksal besiegelt, das sie so nicht hatten kommen sehen. Die kleine Isabelle lernte ihren Vater Zaro erst mit rund elf Jahren kennen. Erst dann erfuhr sie, dass er eigentlich eine andere, eine eigene Familie besitzt. Das nützt aber nichts, denn ihre Mutter ließ sie dennoch einfach alleine zurück in der Toskana. Mit Zaro und ihrem Halbbruder Nanni, der ganz anders ist als sein Vater. Irgendwie liebevoll, zugänglich und auch etwas naiv.

Fortan sollen sich alle Frauen dieser Familie unvollständig fühlen. Isabelle eilt durchs Leben wie ein orientierungsloser Welpe. Es zieht sie überall hin und es stößt sie von allem wieder weg. Die Gründe dafür spart sich die Autorin bis zum Schluss auf. Isabelle gibt diese Ruhelosigkeit an ihre eigenen beiden Töchter, Marta und Cecilia, weiter. Marta erscheint wie ein Sonnenschein, aber man merkt, dass ihr Wunsch nach Liebe und der Zuneigung anderer ein Stück weit ihre eigene Persönlichkeit kostet. Cecilia wiederum hat die Ruhelosigkeit und Abwesenheit ihrer Mutter sogar krank gemacht. Sie bestraft ihre Mutter und sich mit Hungern und weiterem selbstzerstörerischen Verhalten. Alle diese Frauen leben irgendwie zwischen den Welten und auch zwischen Frankreich und Italien. Sie alle leben größtenteils mit nur einem Elternteil. Und vor allem mit jeder Menge Geschichten, die man sich irgendwann zusammengesponnen hat, um die Realität erträglicher zu machen.

„Wir sind nicht wie Eidechsen“ ist ein Roman, der einige Schwächen aufweist. Es braucht eine Zeit, bis man den Faden der Geschichte aufgreifen kann. Phasenweise muss man Durchhaltevermögen beweisen und darauf vertrauen, dass Bianchi noch Erklärungen für die Löcher liefert, die sie zunächst in ihrer Geschichte lässt. Und auch, wenn es sich hier um einen überschaubaren Roman von 384 Seiten handelt, wäre es für den ein oder anderen sicherlich leichter gewesen, wenn es wie bei Elena Ferrante ein Personenverzeichnis gegeben hätte. Der Fokus liegt klar auf Zaro und den Frauen, die aus seinem Leben entstanden sind. Alle anderen Männer, ihre Namen und Funktionen sind keineswegs irrelevant, aber sie gehen nur allzu schnell unter. Das sind typische Mankos in einem Debüt, die man Erika Bianchi aber nicht weiter übelnehmen muss. Zum einen, weil sie mit ihrem Debüt eine kompakte und zeitlose Familiensaga aufgebaut hat, die man ihr so schnell nicht nachmachen kann. Und zum anderen, weil das Ende des Romans, das Finale der Geschichte noch sehr lange in den Knochen stecken bleibt. Es bleibt daher zu hoffen, dass sich die italienische Autorin, die eigentlich Alte Geschichte und Archäologie lehrt, an einen zweiten Roman herantraut und uns erneut überrascht.

Erika Bianchi: „Wir sind nicht wie Eidechsen“, 384 Seiten, btb Verlag, ISBN-13: 978-3442758050, 20 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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