Susanne Viktoria Haupt
21. November 2011

Zu wahr, um nur Phantasie zu sein

Seitenansicht: „Tattoogeschichten“ von Edo Popović

Brilliante Milieu-Studien, die wie Nadeln stechen: Edo Popovićs „Tattoogeschichten“, Buchcover

Sex, Alkohol, gemeinsame Einsamkeit, Resignation und ein schräges Künstlerdasein: Mit seiner Kurzgeschichten-Sammlung „Tattoogeschichten“ beschwört Edo Popović, der gemeinhin als die literarische Stimme Kroatiens gilt, ein Gefühl herauf, das einen glauben lässt, man stünde irgendwo im Nirgendwo an einem eiskalten Bahnhof mit einer Flasche Wodka in der einen und einer verzweifelten und hungrigen Frau an der anderen Hand. Aber so sehr sie im ersten Augenblick nach Klischee klingen mögen, so weit sind seine poetischen Beobachtungen schlussendlich doch davon entfernt. Mit einer tiefgehenden, aber dennoch fast naiven und weichen Sprache berichtet Popović von Segeltouren mit einem Freund, der Wahrheit und Imagination nahezu gleichsetzt und auch die offensichtlichen Unterschiede gekonnt übergeht. Oder er schreibt über sich selbst, über das Treffen mit schwierigen neuen Bekannten, die ihn als Spielzeug für ihre zwischenmenschlichen Machtspielchen missbrauchen wollen und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen.

Ausgedacht klingt bei Popović so gut wie gar nichts, sind seine Milieu-Studien doch viel zu abtrünnig-menschlich, viel zu wahrhaftig und ernst gezeichnet, als dass sie bloße Hirngespinste auf dem kroatischen Literatur-Parkett sein könnten. Zum Lachen ist einem beim Lesen der Kurzgeschichten nicht zumute, und die Illustrationen von Igor Hofbauer setzen den Storys das visuelle Sahnehäubchen auf. Popović schreibt von ausgemergelten Menschen am Rande der Gesellschaft, die sich nicht mal mehr in ihrer eigens kreierten Welt zurecht finden und dennoch einfach leben, weil es eben so sein muss.

Edo Popović, geboren 1957 im ehemaligen Jugoslawien, war Mitbegründer einer der wichtigsten kroatischen Literatur-Zeitschriften, „Quorum“. Sein erster Roman „Mitternachtsboogie“ gilt als das wichtigste Werk zur Zustandsbeschreibung der kroatischen Jugend der 1980er-Jahre. Zu Beginn der 1990er-Jahre machte Popović sich einen Namen als Kriegsreporter. Ohne ideologische Ansätze, schonunglos offen und ohne jede Furcht, versorgte er die Medien mit Augenzeugen-Berichten über die Kälte des Krieges und ihre Opfer. Dagegen wirken seine Kurzgeschichten fast wie eine Bettlektüre, von der man allerdings nur maximal zwei vor dem Schlafengehen konsumieren sollte. Unbedingt leicht sind seine Beobachtungen nicht, denn das innere Nachbeben lässt einen frösteln. Und so lassen sich die unter die Haut gehenden „Tattoogeschichten“ gut auf einen längeren Lese-Zeitraum verteilen, bevor man dann wieder alleine dasteht – Irgendwo im Nirgendwo, mit einer Wodkaflasche in der einen und einer verzweifelten, hungrigen Frau an der anderen Hand. Während einem der eisige kroatische Wind um die Nase weht.

Edo Popović: „Tattoogeschichten“, Illustrationen von Igor Hofbauer, Kurzgeschichten, 170 Seiten, Volant & Quist, ISBN-13: 978-3863910020, 16,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel