Matthias Rohl
30. November 2011

Filmgeschichte(n): „Sein oder Nichtsein“

Wie man über Nazis lacht: Von Ernst Lubitsch könnten heutige Comedians viel lernen

Polen, August 1939. Am Warschauer „Theater Polski“ proben die Schauspieler „Gestapo“, eine Hitler-Parodie. Doch aus Angst, die Nationalsozialisten könnten sich provoziert fühlen, verbietet die polnische Regierung das Stück. Zeitgleich steht Shakespeares „Hamlet“ auf dem Spielplan, in dem die beiden prominenten Hauptdarsteller Joseph Tura (Jack Benny) und seine Frau, Theaterleiterin Maria (Carole Lombard) brillieren dürfen. Während Joseph allabendlich den berühmten Monolog „Sein oder Nichtsein…“ intoniert, empfängt seine Frau in ihrer Garderobe den jungen polnischen Fliegerleutnant Stanislav Sobinski (Robert Stack), der verliebt für sie schwärmt. Am Tag nach der zensierten Gestapo-Satire überfallen Hitlers Truppen das Land und Bombenterror legt die Stadt in Trümmer.

Eine der intelligentesten „Sophisticated Comedies“ der Anti-Nazi-Filmgeschichte: „Sein oder Nichtsein“, Filmplakat

Die Nazis haben die Regie übernommen – und Polen ist ihre weltpolitische Bühne. Vor dieser Szenerie spielt das Theater-Ensemble in Ernst Lubitsch‘ Sein oder Nichtsein“ um sein Leben: Um den Nazi-Spion Professor Siletsky (Stanley Ridges) auszuschalten, legen die polnischen Schauspieler SS-Kostüme an und lassen ein Hitler-Double (Tom Dugan) auftreten: Der Schauspieler Joseph Tura spielt die Rollen seines Lebens, den gefürchteten SS-Gruppenführer „Konzentrationslager-Ehrhardt“ und – nach dessen Erschießung – Professor Siletsky, der zuvor seine Frau Maria erotisch und politisch bedrängt hatte. Im realen Hauptquartier der Gestapo trifft Tura in Gestalt Siletskys auf den leibhaftigen SS-Ehrhardt, und das abgründige Spiel mit falschen Uniformen und angeklebten Bärten nimmt seinen buchstäblich haarsträubenden Lauf…

Das Grauen als Farce

Als Regisseur Ernst Lubitsch „Sein oder Nichtsein“ im Winter 1941 drehte, war der Holocaust zwar noch nicht Realität, doch in den USA waren die Nazi-Gräuel und der „Rassen“-Vernichtungs-Irrsinn schon seit Jahren bekannt. Ein Jahr zuvor hatte Charlie Chaplin in seinem ersten Tonfilm „Der große Diktator“ den faschistischen Terror satirisch demaskiert, 1942 beschlossen die Nationalsozialisten auf der berüchtigten „Wannsee-Konferenz“ die Vernichtung der Juden in Europa. Schon bei Erscheinen provozierte das meisterliche Lichtspiel die Frage, wie weit Satire gehen darf – eine Frage, die bis heute nichts von ihrer vibrierenden Aktualität verloren hat. Die medial überhitzten Debatten über den „Fall Sarrazin“ und die „Zwickauer Zelle“ haben einmal mehr deutlich gemacht, wie perfide sich die Fratze des faschistoiden Geistes unter dem hauchdünnen Firnis der (Pseudo-)Liberalität noch immer zu tarnen versteht. Für Lubitsch war es Anfang der 1940er-Jahre völlig logisch, das Grauen als Farce zu entlarven, doch sah er sich heftigen Angriffen ausgesetzt.

Großmeister des US-amerikanischen Komödien-Kinos: Ernst Lubitsch

In der „New York Times“ entgegnete Lubitsch 1942 seinen schärfsten Kritikern mit souverän selbstironischer Geste: „Ich habe drei Todsünden begangen, so scheint es – ich habe die üblichen Genres missachtet, als ich Melodrama mit komischer Satire und sogar mit Farce verband, ich habe unsere Kriegsziele gefährdet, weil ich die Nazi-Bedrohung verharmloste, und ich habe außerordentlich schlechten Geschmack bewiesen, weil ich das Warschau von heute als Schauplatz für eine Komödie wählte.“ Und fünf Jahre später notierte er in einem Brief an Herman G. Weinberg: „‚Sein oder Nichtsein‘ hat viel Polemik herausgefordert und ist meiner Meinung nach unberechtigterweise angegriffen worden. Dieser Film mokiert sich nicht über die Polen; er war nur eine Satire über Schauspieler, Nazi-Geist und bösen Nazi-Humor. Obwohl dieses Bild des Nazismus als Farce gemeint war, zeigte es ihn doch ungeschminkter als viele Romane, Artikel und Filme, die sich mit dem selben Gegenstand beschäftigen.“ Zweifellos gelang Lubitsch nicht nur eine der intelligentesten „Sophisticated Comedies“ der Anti-Nazi-Filmgeschichte, sondern zudem eine sehr persönlich gefärbte Theater-Hommage.

Kannibalismus im KZ

Wo stehen wir nazi-humoristisch heute? Sind Bruno Ganz, Helge Schneider und Martin Wuttke veritable Hitler-Darsteller? Sind faschistische Ästhetiken nicht längst in die Poren der Populär-Kultur eingesickert – und damit zur Gewohnheit geworden, wie die jüngste Studie „Nazi-Chic und Nazi-Trash“ (2011) des Film-Wissenschaftlers Marcus Stigleggers materialreich nahelegt? Soll man sich heute noch aufregen über Trash-Filme im Geiste von „Ilsa: She Wolf OF The SS“ (1975)? Hatte der legendäre Theatermacher George Tabori nicht bereits einen Grenzpunkt erreicht, als er 1969 in Berlin ein Bühnenstück über Kannibalismus im KZ inszenierte? Brachte nicht der Künstler Zbigniew Libera 1996 mit seinem Konzept-Kunstwerk „Lego Concentration Camp Set“ die Idee ins Spiel, die Unmöglichkeit einer Identifikation mit Nazi-Tätern sei nur zu entlarven mit der Geste der Über-Affirmation („Baue dein eigenes Konzentrationslager!“)? Oder hat erst der Schriftsteller Jonathan Littell die Demarkationslinie des Tabus verschoben, als sein skandalumwitterter Roman „Die Wohlgesinnten“ (2006) über den fiktiven SS-Offizier Maximilian Aue erschien?

Grenzüberschreitung oder genial-provokatives Kunst-Konzept? Zbigniew Liberas „Lego Concentration Camp“, 1996

„In seinen furchtbaren Nahaufnahmen von Gewalt und Greuel zitiert Littell die Horror-Literatur ebenso wie den Splatter-Film der Gegenwart. Diese Anleihen begründen die moralisch inkorrekte Haltung der Erzählung, die sich mit kalt-unbeteiligtem Blick auf die physischen Details des Kriegsschreckens richtet. Gerade weil die Darstellung indifferent wirkt, unterläuft sie die Regeln des guten Geschmacks und der Moral“, brachte der Literaturwissenschaftler Peter-André Alt in seiner „Ästhetik des Bösen“ (2010) die Wirkung dieses „ästhetischen Monstrums“ präzise auf den Punkt.

Ghandi radikaler als Hitler?

Vielleicht ist dies tatsächlich die derzeit überzeugendste künstlerische Strategie im Umgang mit Faschismen jeder Couleur: In der aggressiv-satirischen Über-Affirmation mit der dunklen Kehrseite jeder Ideologie tritt die Möglichkeit zur intelligenten Kritik ans Licht. Stiglegger konstatiert: „Erst in der Über-Identifizierung offenbaren sich die Abgründe der Ideologie, denn nun ist die Distanzierung unmöglich … Erst durch diese Provokation wird das Publikum immer neu zu einer Positionierung und Hinterfragung der eigenen Position aufgefordert.“ Bei näherem Hinsehen entdeckt man überzeugende Beispiele dieser Strategie – so unterschiedliche Köpfe wie der Theatermann Tabori („Der kürzeste deutsche Witz ist Auschwitz“), der Philosoph Slavoj Žižek („Hitler war nicht radikal genug – Ghandi war radikaler.“) oder der begnadete Bühnenkünstler Serdar Somuncu („Man muss nicht jedes Arschloch mit Hitler vergleichen.“) schwimmen im Kielwasser dieser provokativen Strategie.

Was würde Lubitsch heute denken? Filmszene aus „Sein oder Nichtsein“

Wie gefährlich diese Strategie indes immer noch werden kann, lässt sich eindrucksvoll in Somuncus Tournee-Tagebuch „Auf Lesereise mit Adolf“ (2009) nachlesen – Mord-Drohungen und Personenschutz inklusive. Somuncus Auftritte sind stets ein Ereignis ersten Ranges und lassen erahnen, welch subversive Kraft im humoristischen Umgang mit faschistischen Ideologien noch immer stecken kann, wenn man die Fesseln einer heuchlerischen „political correctness“ kompromisslos abstreift und das Provokations-Pedal bis zum Anschlag durchtritt. Von Tabori, Somuncu und Lubitsch könnten heutige „Comedians“ viel lernen.

Postskriptum: Apropos Kannibalismus – in „Dead Snow“ (2009), der herrlich überdrehten „Braindead“-Splatter-Zombie-Hommage des norwegischen Regisseurs Tommy Wirkola, stapfen verweste Nazi-Zombies in SS-Uniformen durch die verschneiten Berge Norwegens auf der Suche nach „Nahrung“. Die Gegend war in den 1940er-Jahren ein strategisch-militärischer Nazi-Operationspunkt. In einer abgelegenen Waldhütte wollen acht vergnügungshungrige Medizin-Studenten mal wieder richtig abfeiern – Suff und Sex inklusive. Als die SS-Zombies die Hütte aufspüren, kann der Spaß beginnen: „Eins, Zwei, Die!“ Was hätten wohl Lubitsch und Tabori zu diesem Splatter-Spaß gesagt?

nächste Folge:
„‚The Fly‘, ‚Crash‘, ‚A History Of Violence‘ und Co.“
Konzeptkunst-Kino zwischen Genre und Avantgarde: die Obsessionen des David Cronenberg

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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