Barbara Mürdter
25. Juli 2006

Mit Gottvertrauen und Rock’n’Roll

Woven Hand im Café Glocksee / Interview mit David Eugene Edwards

Woven Hand

Wanderprediger in Spiellaune: David Eugene Edwards

Volles Haus trotz Hitze

Der Meister rief und seine Leute kamen. Und die hannoverschen Fans zeigten sich treu: Während das Konzert in der Berliner Passionskirche am Tag zuvor nur halb besetzt war, drängte sich das Publikum am Freitagabend bei Woven Hand im Café Glocksee dicht an dicht, trotz deutlich über 30 Grad Außentemperatur.

Wenige Stunden vor Beginn des Auftrittes hatte Mastermind David Eugene Edwards noch mit schweißtriefendem freien Oberkörper einen schon vielversprechenden Soundcheck absolviert. Jetzt präsentierte er sich mit einem Strohhütchen, buntem Kurzarmhemd, lustig geflickten Jeans und hellbeigen Wildleder-Sneakern. Neben elektrischer und halbakustischer Gretsch-Gitarre kam ein hölzernes Banjo, das optisch an einen Mandolinen-Gitarren-Verschnitt erinnerte, zum Einsatz. Das Patek-Akkordeon aus 16 Horsepower-Tagen hingegen schien leider schon ebenso in Rente gegangen zu sein wie Edwards legendäre alte Band. Dafür gehört deren ehemaliger Bassist Pascal Humbert wieder zur neuen Tourbesetzung, begleitet von Ordy Garrison am Schlagzeug und Peter van Laerhoven an der Gitarre.

Woven Hand

Gewohnt manisch: David Eugene Edwards und sein alter Weggefährte Pascal Humbert

Ekstatische Songs für den Herren

Edwards begann mit dem beindruckenden „Winter Shaker“, dem Opener des aktuellen Albums „Mosaic“. Hier pries er wie immer den Herren mit solcher Inbrunst und Demut, dass es auch nichtreligiösen Menschen in Leib und Seele fuhr. Andere neue Songs wie „Whistling Girl“ und „Dirty Blue“ bewiesen ihre Konzerttauglichkeit, druckvoller und härter gespielt als auf dem Album, wie überhaupt das ganze Set. Edwards sang sich dabei so in Ekstase, dass die Halsadern bis zum Platzen schwollen, seine Bewegungen fast spastisch wurden. Seine Augen waren meist geschlossen oder ein entrückter Blick ging in die Ferne.

Trotz Schwächen ein großes Konzert

Leider hielt Woven Hand diesmal nicht lange durch: mit zwei Zugaben gerade mal eineinhalb Stunden. Für die Band sprach allerdings, dass man trotz der eher unangenehmen Nähe hunderter klebriger Körper an diesem Abend unbedingt gerne ein Stündchen länger gelauscht hätte.

Woven Hand

Ausnahmsweise mit offenen Augen und dennoch entrückt: Edwards gibt alles

Zur Feier des Tages war auch das Team von Edwards Label Glitterhouse kollektiv im Kleinbus aus dem Weserbergland angereist, um ihre Schützlinge live zu sehen. Label-Vize Rembert Stiewe freute sich vor allem über die Verstärkung durch den neuen alten Bassisten: „Es ist schön, dass Pascal wieder dabei ist. Er bringt ein bisschen das in die Band zurück, was ich bei 16 Horsepower so mochte.“ Viele Fans hingegen fanden das Konzert im Vergleich zum letztjährigen Auftritt weniger intensiv und etwas lahm. Doch auch an einem Profimusiker, der sich jeden Abend auf der Bühne körperlich verausgabt, geht die Hitze nicht spurlos vorbei. Und selbst mit halber Kraft war Edwards so gut, dass man sich jetzt schon auf sein nächstes Konzert in Hannover freut.

„Ich bin kein Prediger“
Interview mit David Eugene Edwards, Sänger von Woven Hand

langeleine: David, wie hast Du den Rock’n’Roll entdeckt?

David Eugene Edwards: Durch Freunde in der Schule. AC/DC, Motorhead. Das gefiel mir. Das ganze Zeug, das im Radio lief, mochte ich nicht. Ich mochte harte Musik, aber gleichzeitig auch Musik mit Folkeinflüssen. Das ist bis heute so. Hartes steht neben Songs von Bob Dylan, Leonard Cohen oder Appalachenmusik.

ll: Fällt es Dir leicht, vor Leuten aufzutreten und Dich auf eine Bühne zu stellen?

Edwards: Überhaupt nicht. Ich spiele gern Musik, aber ich sehe mich nicht als Bühnenkünstler, sondern als Musiker, noch eher, als ich mich als Songschreiber betrachte. Ich machs halt einfach. Und einiges wird mit der Zeit auch einfacher. Ich bin aber auf der Bühne noch immer nervös und unsicher, wie ich spiele.

Woven Hand

David Eugene Edwards wirft einen skeptischen Blick in sein Publikum

ll: Deine Liveshows klingen immer härter und druckvoller als die Platten. Wie kommt das?

Edwards: Ich mag harte Musik, aber keine, bei der es um Lautstärke geht. Also versuche ich, Musik zu machen, der Du in der Stille zuhören kannst, die aber trotzdem hart ist. Live ist es völlig anders und manchmal touren wir auch akustisch. Ich will, dass die Musik dem Ort angemessen klingt, wenn wir sie live spielen. Viele der Parts, die ich auf Platte akustisch spiele, spiele ich live elektrisch. Weil mir das besser gefällt. Aber auch, weil man mit vielen der Instrumente, die ich während der Aufnahmen benutze, schlecht reisen kann. Außerdem passen viele auch einfach nicht so in Rockclubs, die sind nun mal für laute Musik gemacht.

ll: Was für Musik hat dich geprägt?

Edwards: Mein Großvater war Priester. Ich habe mit ihm viel Zeit verbracht. Er hatte ein paar Platten, hat nur Johnny Cash gehört und außerdem nur Kirchenmusik. Mein Vater starb, als ich noch klein war. Er hörte solche Sachen wie Buddy Holly, Hank Williams, Johny Cash und Merle Haggard.

Woven Hand

David Eugene Edwards, im Hintergrund Peter van Laerhoven an der Gitarre

ll: Das neue Album „Mosaic“ hat für mich einen ganz eigenen Klang. Hast Du Dich mit arabischer Musik beschäftigt?

Edwards: Nein, auf dem neuen Album sind ganz verschiedene Klänge. Vor allem indianische Sachen. Ich habe viele Bücher darüber gelesen. Und da, wo ich wohne, gibt es die Stämme der Ute und Cheyenne. Ihre Tänze faszinieren mich und ich gehe da hin, so oft ich kann. Ich benutze meist alle Instrumente, die ich spielen kann, und ich mag Mittelaltermusik, das prägt das neue Album mehr als die anderen.

ll: Wie entstehen Deine Texte?

Edwards: Texte sind für mich Bilder. Vielleicht eine Erinnerung, eine Anordnung oder eine bestimmte Stimmung. Wenn ich die Worte zusammenfüge, geht es nicht um ein bestimmtes Thema, sondern ein Wort handelt von etwas anderem als das nächste, und ich füge das wie ein Puzzle zusammen. Nachdem der Song dann fertig ist, geht es um etwas ganz anderes als ursprünglich beabsichtigt. Und es bedeutet etwas anderes für jeden, der es hört. Es ist meistens ziemlich abstrakt.

Woven Hand

„Ich nehme meinen Job sehr ernst“ – David Eugene Edwards

ll: Deine Texte sind oft sehr religiös. Was heißt Religion für dich?

Edwards: Ich bin kein Prediger, aber ich glaube an die Bibel. So hat sie mit allem zu tun, was mit mir passiert, allen Menschen, denen ich begegne, alles was ich mache, denke und ersehne.

ll: Du bewegst dich aber in einem Umfeld, wo die Mehrheit der Leute deinem Glauben wahrscheinlich ziemlich verständnislos gegenübersteht. Wie gehst du damit um?

Edwards: Ich kann Leute nicht dazu bringen, so zu glauben wie ich. Ich rede da nur drüber oder singe davon und versuche, interessante Musik zu machen. So einfach ist das. Ich bin auf keiner spezifischen Mission, außer ein Musiker zu sein. Ich mache Musik, um mit Menschen zu kommunizieren. Ich versuche, das, woran ich glaube, zu erklären, weil ich es für wichtig halte. Ich sehe das auch nicht als Meinung, sondern als die absolute Wahrheit, ob man daran glaubt oder nicht.

ll: Was bedeutet musikalischer Erfolg für Dich?

Edwards: Da denke ich nicht drüber nach. Ich kann von meiner Musik leben und meine Familie ernähren, das ist aus meiner Sicht Erfolg. Ich versuche meine Sache so gut zu machen, wie ich kann, versuche, auf Tour mit mir verantwortlich umzugehen, nicht, dass ich auf der Bühne so fertig bin, dass man die Show vergessen kann. Ich nehme meinen Job sehr ernst.

Das Interview mit David Eugene Edwards ist in voller Länge zu hören bei Radio Flora in den Sendungen „Musik am Vormittag“ und „Crossroads“:

  • „Musik am Vormittag“ – Donnerstag, 27. Juli, 10-11 Uhr
  • „Crossroads“ – Samstag, 29. Juli, 21-22 Uhr

weiterlesen:
Um sein Leben (Konzertankündigung)

  • Woven Hand, aktuelles Album: „Mosaic“, Glitterhouse Records

(Interview: Barbara Mürdter, Carsten Tomasch)
(Fotos: Barbara Mürdter)

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Kategorien: Musik

3 Kommentare

  1. schweinchen schlau sagt:

    die performance war gold wert, aber der sound definitiv keine 14€.

    der beschissenste sound, den ich in der glocksee seit langem gehört habe. ärgerlich. außerdem hat der „meister“ nur zwei stücke gespielt, die ich hören wollte.

    *grmpf*

  2. nebelherz sagt:

    also vorne war der sound schon ganz gut, fand ich.
    und wenn man mit bestimmten erwartungen, was das set betrifft, in ein konzert geht, gerade wenn es die tour zur neuen platte ist, ist man ein bisschen selber schuld.
    (waren doch überraschend viele 16 hp stücke dabei!)

  1. […] 5. Christliche Popmusik ist Quatsch Will man Lieder über Jesus machen, die für Leute sind, die an Jesus glauben – fair enough. Will man Künstler sein, dann sollte man es um der Kunst willen machen. Hat man dann das Gefühl, man soll Lieder über Jesus machen, die für Leute sind, die an Jesus glauben, cool. Ansonsten soll man vor allen Dingen eins: Sich treu bleiben. Wie das geht kann man bei Sufjan Stevens hören, oder bei David Eugene Edwards. […]

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