Susanne Viktoria Haupt
5. Dezember 2011

Daddy’s little boy

Seitenansicht: „Lean on Pete“ von Willy Vlautin

Lesenswerte Odyssee durch die Trostlosigkeit: Willy Vlautins „Lean on Pete“, Buchcover

Charlie ist gerade einmal 15 Jahre alt, aber sein Leben ist so trostlos und voller Sorgen wie das eines gebeutelten 50-Jährigen. Mit seinem Vater ist er nach Portland gezogen, fernab von seinen Freunden, der angestrebten Schulsport-Karriere und allem, was ihm vertraut und wichtig war. Der Kühlschrank ist meistens leer, sein Vater selten zu Hause und die Nächte sind unbequem, dunkel und einsam. Obwohl das Kind noch tief in ihm steckt, versucht Charlie sich nach außen als angehender Erwachsener zu geben. Als er versucht, für die kommende Football-Saison seiner neuen Schule fit zu werden, entdeckt er eine nahegelegene Pferderennbahn. Fasziniert von den Pferden und auf der Suche nach einem Job, um den Kühlschrank zu füllen, trifft er den griesgrämigen Alkoholiker Del, der sich mit illegalen Wetten etwas dazuverdient. Charlie geht mit Del zu den Rennen und schließt dabei den alternden Hengst „Lean on Pete“ in sein Herz. Von nun an fungiert der Vierbeiner als Vertrauter, mit dem der Junge seine Sorgen und Ängste teilt. Als sein Vater bei einem Zusammenstoß mit dem Mann einer heimlichen Affäre stirbt und „Lean on Pete“ zu einem mexikanischen Schlachthof abgeschoben werden soll, packt Charlie allen Mut und all seine Hoffnung zusammen und begibt sich mit dem Pfred auf eine Odyssee durch die Trostlosigkeit, um seine vermisste Tante wiederzufinden…

Willy Vlautin, Songschreiber und Leadsänger der Alternative-Country-Band Richmond Fontaine, beweist mit „Lean on Pete“, seinem dritten Roman, einmal mehr ein unglaubliches Talent, emotionale und tiefgreifende Geschichten zu erzählen, ohne dabei Mitleid zu erwecken. Schon in Vlautins 2005 erschienen Debüt „The Motel Life“ war die Sprache schlicht und präzise gehalten, während die Story rund um das Schicksal zweier Brüder länger fesselte, als es so manch anderer Roman vermag. Ebenfalls mit einer Mischung aus Resignation und letzter Hoffnung kam drei Jahre später der Nachfolger „Northline“ daher, in dem der Autor seinen Lesern die Protagonistin Allison Johnson präsentierte – eine Anfang-Zwanzigjährige, der so ziemlich alles Miese widerfahren ist, was man sich ausmalen mag. Vlautins neues Werk „Lean on Pete“ könnte man nun als Abschluss einer der wohl gelungensten Trilogien über zerstörte Träume bezeichnen – natürlich nicht ohne Hoffnung, dass der Autor bitte noch ganz viele weitere Bücher schreiben möge. Ernste und realistische Geschichten ohne nervige Happy Ends, aber mit der Message, dass das Ende einer Vlautin-Story auch immer einen Anfang für seine Charaktere bedeutet.

Willy Vlautin: „Lean on Pete“, Roman, 313 Seiten, Berlin Verlag, ISBN-13: 978-3833306891, 10,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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