Marc Mrosk
15. Dezember 2011

Die Königin im Affenland

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 13: Wenn Träume in Rauch aufgehen

Wir saßen zusammen bei ihm im Wohnzimmer. Ich möchte seinen richtigen Namen nicht preisgeben, deshalb nenne ich ihn James. James bekam während unserer Unterhaltung Lust auf einen Joint. Während ich schon seinen nächsten Schritt zum Schrank antizipierte, wo er die oberste Schublade herausziehen sollte, überraschte er mich mit einem Vorschlag. James hatte eine Quelle entdeckt, die jedes andere Kraut in ganz Hannover, wenn nicht gar in ganz Deutschland, als schlecht parfümierter Oregano dastehen lassen würde. Er sprach von „Königskräutern“, vom „Tor zum Jah“, und sollten uns nach einem feingedrehten Thai-Stick stimmungsvolle Violinen in den Ohren ertönen, würden wir in Kürze einem Revival-Auftritt von Beethoven samt Orchester lauschen. Ich fragte nur nach dem Wo. Die Antwort lautete: im Zoo.

Der Weg in den Garten

Wir durchquerten das labyrinthartige Zoo-Viertel, beobachtet von Zäunen und faden Häuserwänden. Anwälte, Notare, ein ehemaliger Bundeskanzler. Ein Polizeiwagen mit schnarchendem Kommissar, der von Undercover-Arbeit in der Kiffer-Szene und bezahltem Joint-Rauchen träumt, während seine Beförderung nur noch zwei Festnahmen entfernt ist. Wir gingen weiter, wechselten bald wieder die Straße und James wurde nervöser. Unser Ziel schien nicht mehr weit zu sein. „Sie hat unheimlich viel Kohle. Ich weiß nicht, wo sie das Zeug herbekommt, aber es ist der Wahnsinn. Ich habe so etwas noch nie geraucht und ich kenne mich mit Pflanzen ganz gut aus.“ Seine Worte machen mich neugierig. Er versprach einen exklusiven Szene-Treff gutsituierter Raucher mitten in Hannover. Hier sollte sich kubanischer Zigarren-Qualm mit dem Dampf von exquisitem Übersee-Grass vermischen. Exotische, botanische Schätze fernab jeder Titten-und Koks-Bonzen-Partys.

Der Palast, der uns verzauberte

Schließlich erreichten wir ein eher unscheinbares Haus mit weißer Fassade und schwarzem Spitzdach. Der Vorgarten bestand aus zwei schmalen Wiesen, umgrenzt von Büschen. James bat mich, im Hintergrund zu warten, während er die Türglocke betätigte. Die Tür öffnete sich. Ich stand ungünstig und konnte die Hausherrin nicht erkennen. James tuschelte etwas in den Häusereingang hinein und kurz darauf winkte er mich zu sich. Ich befand mich schnell in einem Wohnzimmer und lauschte den Vogelstimmen aus dem anderen Zimmer. Die Hausherrin, dezent schick gekleidet, beäugte mich misstrauisch. Als ich wenig später, nachdem wir Platz genommen hatten, einen Notizblock zückte, schaute sie mich an wie eine Raubkatze, kurz vorm Zerfleischen der Beute. Das Haus war ein Palast. Eine eigene Welt, in der ganz eigene Regeln herrschten. Ich war in meinem Leben in dem ein oder anderen großen Haus gewesen, aber keines von denen war auch nur ähnlich imposant wie dieses hier.

Dort, wo Träume in Rauch aufgingen

Ich betete meinen idiotischen Text vom jungen Journalisten hinunter, der etwas über die exzentrischsten Hannoveraner schreiben wollte, und die Hausherrin begann doch tatsächlich zu erzählen von diesen ganzen inoffiziellen Partys und von Menschen, die sich Träume kaufen konnten. James und ich bekamen eine zerbrechlich wirkende Pfeife aus Keramik mit einem vergoldeten Mundstück. Ein Stück kitschiger Prunk. Das, womit sie gestopft war, überstieg alle Erwartungen. Was gut war, wurde besser, um schließlich in die pure Perfektion überzugehen. Klassische Musik ertönte und ein Projektor strahlte Murnaus „Sonnenaufgang“ an die Wand. Der Rauch flog durch den Raum wie in Zeitlupe. Auf meinem Notizblock stand nur ein Wort: „Queen“. Es war wundervoll. Du könntest in Deiner eigenen Pisse schwimmen und würdest Dich trotzdem wie ein König fühlen.

Die Königin in ihrem Palast

Die Queen erzählte von ihren zahlreichen Patenschaften im Zoo, von ihren Affen und Gorillas, und wie sie da so saß und von den Tieren berichtete, verwandelten sich ihr Gesicht und ihre Kleider. Ihre Bluse war verschwunden und auch die dunkle Stoffhose. Ihre Affenfratze stierte mich an. James schlief mittlerweile auf dem Sessel und lachte sich dabei halb kaputt. Er hatte wahrscheinlich den lustigsten Traum seines Lebens. „Ihr beiden Jungs müsst bald gehen. Der Kiff-Garten schließt in ein paar Minuten, dann muss ich mich wieder um andere Dinge kümmern. Wenn du irgendjemand von dem hier erzählst, dann werde ich dich von einem meiner Affen totschlagen lassen.“ Ich nickte und kippte vornüber vom Stuhl.

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur

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