Jörg Smotlacha
19. Dezember 2011

Großartiges Verwirrspiel

Seitenansicht: „Das Dritte Reich“ von Roberto Bolaño

Voller Anspielungen auf Geschichte, Kunst und Literatur: Roberto Bolaños endlich in deutscher Sprache veröffentlichter Debüt-Roman „Das Dritte Reich

Udo Berger spielt leidenschaftlich gerne Kriegsspiele. Er ist gerade Landesmeister geworden, als er mit seiner Freundin Ingeborg in den ersten gemeinsamen Urlaub an die Costa Brava reist. Die beiden wohnen im Hotel Del Mar, in dem Udo als Jugendlicher mit seinen Eltern die Sommerferien verbracht hat, und freunden sich in einer Diskothek mit einem weiteren deutschen Pärchen an, Charly und Hanna aus Oberhausen. Während die lebenslustige Ingeborg auf Unternehmung drängt, verbringt Udo die meiste Zeit im Hotelzimmer, wo er sich mit dem Strategiespiel „Das Dritte Reich“ befasst, welches den Zweiten Weltkrieg simuliert. Dennoch lernen die Urlauber mehrere zwielichtige Gestalten aus dem Ort kennen, unter ihnen „El Lobo“ und „El Cordero“, mit denen sie kräftig feiern, und der mysteriöse „Verbrannte“, der in einer Festung aus Tretbooten am Strand wohnt. Kurz darauf kehrt Charly vom Surfen nicht zurück und bleibt spurlos verschwunden. Während Hanna und auch Ingeborg bald abreisen, verstrickt sich Udo immer mehr in „Das Dritte Reich“, das er nun mit dem Verbrannten spielt, den er aufgefordert hat, die Rolle der Alliierten zu übernehmen. Nachdem anfänglichen Siegen der Deutschen wendet sich jedoch auf einmal das Blatt und der „Verbrannte“ übernimmt mehr und mehr die Kontrolle über das Spiel…

„Das Dritte Reich“ ist das posthum veröffentlichte Debütwerk des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño, der als surrealistischer Lyriker begann und mit seinen Romanen „Die wilden Detektive“ und „Lumpenroman“ auch in Deutschland einige Bekanntheit erlangte, vor allem aber durch das ebenfalls erst nach seinem Tode veröffentlichte Buch „2666“, das als sein literarisches Vermächtnis gilt, weltberühmt wurde. In seinem ersten, 1989 entstandenen Roman lässt Bolaño seine Leser nicht zur Ruhe kommen, denn die scheinbar harmlos beginnende Urlaubsgeschichte driftet immer mehr ins Unheimliche. Bolaño hat spürbar Laune, politische Tabus zu verletzen und mit dem Bösen zu spielen, ohne dabei seinen Humor zu verlieren. So sind einige Kapitel voller urkomischer Ausführungen, während andere beinahe surreal anmuten. Dabei bleibt der Autor, der nach eigener Aussage das ausschweifende Leben eines wilden Poeten mit Drogenkonsum und tiefer Leidenschaft für die Literatur führte und im Alter von nur 50 Jahren starb, als er auf eine Leber-Transplantation wartete, stets Moralist und Kritiker unserer Zeit. „Das Dritte Reich“ ist ein großartiges Verwirrspiel. Voller Anspielungen auf Geschichte, Kunst und Literatur vermengt der Roman Urlaubs-Anekdoten und Traum-Sequenzen mit Aufzeichnungen zur Strategie des Spiels zu einer grandiosen Erzählung, unter deren Oberfläche Tod, Bedrohung und Gewalt lauern, die ihre Wurzeln in der europäischen Geschichte haben.

Roberto Bolaño: „Das Dritte Reich“, Roman, 320 Seiten, Carl Hanser Verlag, ISBN-13: 978-3446236103, 21,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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