Susanne Viktoria Haupt
19. Dezember 2011

Der rote Kalender 19

Kultur, Christmas und Krimskrams – langeleine.de hat bunte Tipps zur Adventszeit. Heute: das Buch „Gilles‘ Frau“ von Madeleine Bourdouxhe

Beeindruckt durch Direktheit und Nüchternheit: „Gilles‘ Frau“ von Madeleine Bourdouxhe

Gilles‘ Frau, das ist eigentlich Elisa. Elisa und Gilles haben zwei wunderschöne Zwillingstöchter und ein drittes Baby ist bereits unterwegs. Elisa liebt Gilles mehr, als sich ein Mensch vorstellen kann. Sie liebt seinen großen und starken Körper, seine Arbeiterhände, die Art, wie er im Bett liegt, wie er ihre Hüfte umgreift und wie er mit den Mädchen tobt. Elisa liebt Gilles und ihre kleine Welt, mit dem kleinen Haus, dem Garten, ihrem Mann, den beiden Mädchen und dem kommenden Baby. Alles ist perfekt. Bis zu dem Tag, als Victorine, Elisas jüngere und von Schwangerschaften bisher verschonte Schwester sich Gilles an den Hals wirft. Getrieben von wilder Begierde beginnt Gilles eine Affäre mit seiner Schwägerin. Elisa ist nicht auf den Kopf gefallen und merkt schnell, dass sich zwischen den beiden eine gefährliche Bindung entwickelt. Sie steht vor der Entscheidung, ob sie Gilles wütend zur Rede stellt und damit ihre Ehe und ihr Dasein riskiert, oder ob sie schweigen und weiterhin die unwissende Ehefrau und Mutter mimen soll. Aus Liebe und Angst, ihren Mann zu verlieren, hält sie den Mund und schluckt den Schmerz. Selbst als sich Gilles ihr öffnet und seine Affäre gesteht, zeigt Elisa Verständnis. Sie beginnt ein waghalsiges Spiel, um ihre kleine perfekte Welt wieder herzustellen…

„Gilles‘ Frau“ ist der Debüt-Roman der belgischen Schriftstellerin Madeleine Bourdouxhe. Geboren 1906 in Lüttich, lebte Bourdouxhe während des ersten Weltkrieges mit ihren Eltern in Paris, danach zog sie zum Studium der Philosophie nach Brüssel. Während der deutschen Invasion 1940 flüchtete sie mit ihrer Tochter nach Frankreich, wurde aber von der Exil-Regierung wieder nach Belgien geschickt. Dort engagierte sich die Autorin für die Résistance. „Gilles‘ Frau“ erschien 1937, verschwand allerdings durch den Ausbruch des zweiten Weltkrieges schnell von der Bildfläche. Ohnehin fiel es der jungen und begeisterten Schriftstellerin schwer, in diesen Zeiten einen Verlag für ihre Werke zu finden. Nach dem zweiten Weltkrieg las Bourdouxhe das Buch „Das zweite Geschlecht“ von Simone de Beauvoir. Sie war überrascht, in de Beauvoirs Werk Bezug zu „Gilles‘ Frau“ zu finden und reiste nach Paris, um sich mit der Französin zu treffen. Die beiden freundeten sich schnell an und auch Jean Paul Sartre veröffentlichte Kurzgeschichten von Bourdouxhe in der von ihm mitbegründeten Zeitschrift „Les Temps Modernes“.

„Gilles‘ Frau“ ist durch die wenigen handelnden Personen eine klassische tragische Komödie, die durch Direktheit und Nüchternheit beeindruckt, die den Lesern den Atem stocken lassen. Wiederentdeckt wurden Bourdouxhes Werke in den 1980er-Jahren von der feministischen Bewegung, was zu einer Neuauflage und Übersetzung ihres ersten Romans führte. Noch heute stellt dieser Roman, der bis zu ihrem Tode ihr liebster war, kühn dar, wie unterwürfig und sich selbst verlierend Frauen sich innerhalb einer Beziehung verhalten können und welch grausames Ende das nach sich ziehen kann.

„Gilles‘ Frau“
Roman von Madeleine Bourdouxhe
Piper, 166 Seiten, 9 Euro
ISBN-13: 978-3492226059

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Kategorien: Literatur

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