Susanne Viktoria Haupt
2. Januar 2012

Von Außenseitern und Sonderlingen

Seitenansicht: „Nerds. Wo eine Brille ist, ist auch ein Weg“ von Jörg Zittlau

Spiel mit dem Klischee: Jörg Zittlaus „Nerds. Wo eine Brille ist, ist auch ein Weg“, Buchcover

Vor mir liegt ein Buch über Nerds, jene belächelte Randgruppe, die in den vergangenen Jahren immer mehr an Beliebtheit gewann und die Mode-Industrie mit ihren Plastik-Brillengestellen und Jute-Beuteln beeinflusste. Wer heute mit schwarzem Nasen-Fahrrad und beblümter Einkaufstasche voll mit Büchern irgendwo hineinstolpert, der hat den Zeitgeist direkt an seiner Seite. Nerdsein, das ist auf einmal cool, das ist hip, das ist trendy. Der kommerzielle Erfolg anerkannter und bewunderter Nerds wie Mark Zuckerberg und Steve Jobs hat Tatsachen geschaffen, die Tocotronic Anfang der 1990er-Jahre mit ihren Trainings-Jacken und Opa-Sehhilfen nicht ansatzweise voraussehen konnten. Jörg Zittlaus Versuch, die Historie des Nerds als verkannte Außenseiter zu beschreiben, kommt deshalb etwas verspätet daher, da sich unsere Konsumgesellschaft die Sonderlinge schon zu eigen gemacht hat. Mit viel Elan beschreibt Zittlau in einem langen, sprunghaften Einführungskapitel, warum Nerds solch eine gesellschaftliche Bedeutung haben und dass sie im Grunde genommen schon seit Beginn der Menschheit existieren. Um seine These zu untermauern, berichtet Zittlau von genialen Tüftlern aus der Antike, deren Blick nicht über ihr Fachgebiet hinaus ging und sie zu Außenseitern machte. Ebenfalls fündig wird der Autor in der Philosophie bei Immanuel Kant und Friedrich Nietzsche und in der Kunst und Kultur bei Andy Warhol und Frank Zappa. Hier präsentiert Zittlau, der selbst Philosophie, Soziologie und Sportmedizin studiert hat, seinen Lesern kurze und knappe Viten, um den Nerd-Faktor der genannten zeitgeschichtlichen Personen zu belegen.

Zittlaus kultur- und gesellschaftswissenschaftliche Untersuchungen lesen sich leicht, bleiben allerdings inhaltlich leider häufig auf der Strecke. Der Versuch, Wissen mit spannenden Geschichten und viel Humor zu vermitteln, leidet unter der vorgenommenen Kategorisierung, wenn die Biographien der einzelnen Personen so oberflächlich angerissen werden, dass der Wissensgewinn gering ist. „Nerds. Wo eine Brille ist, ist auch ein Weg“ bleibt ein netter Einstieg, um sich mit bekannten Größen aus Philosophie, Kultur und Wissenschaft zu beschäftigen und ist unterhaltsam. Vielleicht hilft es ja, um mit dem eigenen Schubladendenken ein wenig aufzuräumen.

Jörg Zittlau: „Nerds. Wo eine Brille ist, ist auch ein Weg“, Sachbuch, 240 Seiten, List Verlag, ISBN-13: 978-3471350690, 14,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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