Jan Egge Sedelies
24. August 2006

Stumm im Strom der Sprachlosen

Rezension: “Die Flügel der letzten Kastanie” von Stefan Heuer

Stefan Heuer

Alles andere als sprachlos: Der Burgdorfer Autor Stefan Heuer

Manchmal ändert die Wahrnehmung der Dinge die Dinge selbst. Doch welcher Mensch ändert schon seine Gewohnheiten, lässt sich auf Experimente ein oder rüttelt freiwillig am eigenen Weltbild? Der Protagonist der neuen Novelle des Burgdorfer Autoren Stefan Heuer, “Die Flügel der letzten Kastanie”, braucht sich diese Frage der Freiwilligkeit gar nicht erst zu stellen. Der Büroarbeiter mit detailliertem Tagesablauf, Hang zur Ungeselligkeit und pedantisch unspektakulärem Verhaltenskodex wacht eines Morgens auf und hat seine Stimme verloren. Einfach so. Einfach weg. Arztbesuche und Erklärungsansätze scheitern.

Der Weg durchs Labyrinth zu sich selbst

Die tadellos funktionierende Arbeitsmaschine fällt aus und erfährt durch die Sprachlosigkeit eine neue Wahrnehmung der Dinge. Ein Sprachloser ist nämlich nicht zwingend der, der nichts zu sagen hat. Vielmehr findet sich der Protagonist auf seinem Weg durch die Stadt selber einem “Strom der Sprachlosen” gegenüber. Er beginnt auszubrechen. Entsorgt den durchchoreographierten Tagesablauf, die unsichtbaren Zwänge und entdeckt die Natur für sich: Er schaut den Kranichen zu, riecht am Löwenzahn und lässt sich durch unbekannte Straßen treiben. Schließlich verirrt er sich “im Labyrinth der Nebenstraßen”. Und auf der Suche nach Halt, in diesem neuen fremden Sein, begegnet ihm ein alter Mann, der mehr Fragen über Sinn und Unsinn zu seinem bisherigen Leben aufwirft als beantwortet.

Das Phantastische im Alltäglichen

Der vielseitige Autor und Kulturarbeiter Stefan Heuer zieht den Leser ganz behutsam in die immer phantastischer anmutende Geschichte hinein. Beschreibt der 35-Jährige anfangs noch genauso pedantisch den Tagesablauf des Protagonisten, entwickelt sich die Sprache mit dem zunehmenden Ausbruch der Handlung ins Phantastische in eine tiefe, passende Poesie. Wie ein lyrischer Krimi kommt die Suche nach der richtigen Perspektive fürs eigene Leben daher. Ob der Wortkarge in “Die Flügel der letzten Kastanie” am Ende dem Wahrnehmungswandel einen Lebenswandel folgen lässt, bleibt offen. Eindeutig und klar ist nur der Genuss, den die Lektüre verbreitet – leise Töne, die sich am Ende zu einem emotionalen und bewegenden Gefühls- und Gedankenkonzert vereinen.

Stefan Heuer: Die Flügel der letzten Kastanie

Stefan Heuer: “Die Flügel der letzten Kastanie”, Novelle, Edition Thaleia 2006, 138 Seiten, 13 Euro, ISBN 3-924944-77-6

Am Sonntag, 3. September, feiert Stefan Heuer im Burgdorfer Johnny B. sein zehnjähriges Bühnenjubiläum. Neben Auszügen aus seinem bisherigen Schaffen wird der 35-jährige auch aus seinem aktuellen Werk “Die Flügel der letzten Kastanie” lesen. Beginn ist um 18 Uhr.

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Literatur

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