Marc Mrosk
5. Januar 2012

Meile mit Weile

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 14: Von Schnack und Müll im Kiez

Langsam, Stufe um Stufe, steigt er das Treppenhaus herab. Ein Duftschleier von teurem Dolce & Gabbana-Rasierwasser umgibt ihn. Sein Hemd, weiß und faltenfrei wie ein Baby-Hintern, hält eine Schachtel Chesterfield in der Brusttasche für Notfälle bereit. Seine schwarze Winterjacke liegt stramm auf den Schultern, und mit dem ersten Schritt aus dem Hausflur auf die Meile beginnen seine Schuh-Absätze auf dem Asphalt alte Melodien zu klopfen. In jeder Sekunde erwartet uns ein kleiner Frauen-Chor, der aus der Dunkelheit einer Seitenstraße hervortritt und „Lollipop, Lollipop…“ anstimmt. Es würde zur Szenerie passen. Jeden Abend um Punkt 18.17 Uhr betritt Werner Michalski die Meile, in der rechten Hand, und niemals in der linken, trägt er seine Fracht, die auch an diesem Abend den Besitzer wechseln wird, und beäugt Geschäfte und Meilengänger wie ein Sheriff, der seinen Kontrollgang vollzieht.

Ein letzter Gang – für heute

In aller Ruhe begeht er sein Revier und stärkt sich beim Bäcker mit einem Kaffee to go. Der Anblick ist nur wenigen Kunden fremd. Seine Fracht stellt er auf dem Boden ab, spricht die üblichen drei, vier Willkommens- beziehungsweise Abschieds-Floskeln und setzt seinen Gang fort. Eine junge Frau fällt ihm wenig später zum Opfer, die sich in sechsminütigem Schnelldurchlauf Michaelskis ganz persönliche 2011er-Chronik anhören muss. Doch Michaelski spricht nicht schnell, zündet sich während des Erzählens noch eine Zigarette an und schließt seinen Monolog mit der Hochzeit des Sohnes Mitte Dezember ab: „Das Essen war nicht gut. Bei seiner nächsten Hochzeit soll er wieder zum Italiener gehen.“

Bevor die Lichter ausgehen, gibt es noch einige Dinge zu besprechen…

Frau Dübel, eine immer gern gesehene Gesprächspartnerin auf Werners allabendlichen Gängen, will gestern Abend einen Mord beobachtet haben. „Der Vater der kleinen Matilda gegenüber im Haus, hat gestern die Maus der Kleinen aus dem Fenster geworfen. Soll angeblich tot gewesen sein, aber ich konnte sehen, wie sie zwischen den Fingern noch gezuckt hat.“ „Vielleicht die Nerven, Frau Dübel“, leitet Michaelski eine Geschichte über seinen zum Teil exzentrischen Arzneimittel-Konsum ein. „Versuche jetzt noch, zusätzlich Rhodiola neben den Schlaf-Tabletten und den Baldrian-Wurzeln, aber wirklich helfen tut es auch nicht.“ „Warum riechen Sie eigentlich so gut, Herr Michaelski?“ „Hab ich von meiner Tochter zu Weihnachten bekommen. Sollte wohl erst für ihren Mann sein, doch das wurde nicht mehr rechtzeitig was mit der Versöhnung. Ich denke, jetzt ist endgültig Schluss.“

Für manch einen der Fels in der Brandung: ein einsamer, noch leerer Mülleimer

Ein wenig später vertieft sich Herr Michaelski kurz vor seinem eigentlichen Ziel in den Blumen bei der Floristin. „Ich pflanze nichts mehr an im Garten. 1996 hatte ich es noch mal mit Narzissen probiert, aber es wollte einfach nicht. Kurz aufgeblüht im Mai und schon wieder vorbei. Meine Frau konnte das damals besser.“ „Ja, so bei manchen Sachen müssen Sie uns das überlassen“, sagt die Mitarbeiterin mit einem leicht verschmitzten Lächeln und deutet auf Michaelskis kleines Gepäckstück. „Soll ich das machen?“ „Aber bitte, nun werden Sie nicht albern.“ „Man will ja immer nur helfen“, sagt sie und verschwindet wieder im Laden, den sie weiß nicht mehr, was noch zu sagen wäre. Eine Unterhaltung zum Feierabend scheint ihr keine gute Idee mehr zu sein. Sie ist müde und will nach Hause.

Das Ende einer Reise: Der Müll ist am Ziel

„Nun schau sich einer manche Mädels heute an. Ziehen sich Hosen an, um wie Jungs auszusehen und dann lassen sie oben so weit alles auf, dass man erkennen kann, das sie keine sind.“ Architekt Volker lächelt und nickt eher unbeteiligt und greift noch einmal seine Einkaufstüten. „Endlich fertig mit dem Studium, Herr Kurt?“ „Ja, vor acht Jahren schon.“ „Mensch, wie die Zeit vergeht…“ Lister Meile, Ecke Drostestraße. Michaelski hat sein Ziel erreicht, knapp 100 Meter von seiner Haustür entfernt. Er wirft die Tüte zu den anderen auf den Haufen, bleibt noch kurz stehen, als würde er Abschied bei einem Begräbnis nehmen und macht sich auf den Rückweg. Es ist Punkt 19.07 Uhr. Werner Michaelski hat seinen Müll rausgetragen.

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales

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