Susanne Viktoria Haupt
16. Januar 2012

Ahnungslos in Afrika

Seitenansicht: „Sand“ von Wolfgang Herrndorf

Faszinierend und verstörend: „Sand“ von Wolfgang Herrndorf, Buchcover

Afrika 1972: In einer Kommune werden vier Menschen erschossen, der unterbelichtete Polizist Polidorio glaubt nicht an die Schuld des Angeklagten Amadou Amadou, ein Agent ist in irgendeiner atomaren Angelegenheit zu Gange, die nicht genauer beschrieben wird, und ein Mann um die Dreißig verliert durch einen Schlag auf den Kopf sein komplettes Gedächtnis und kommt in die Obhut der Amerikanerin Helen Gliese, die in der Wüste ihr Glück als Konsmetik-Vertreterin versucht.

Es sind diese scheinbar unzusammenhängenden Erzählstränge, die Wolfgang Herrndorfs neuen Roman „Sand“ so lesenswert machen und die Leser zu Detektiven werden lassen. So richtig möchte nichts zusammenpassen unter der Sonne Afrikas. Weder der Amoklauf in der Kommune, das Verhalten der Polizei oder die aufopfernde Attitüde von Helen noch das irrationale Verhalten des Amnesie-Patienten, der sich, statt in Behandlung zu gehen, auf der Suche nach seiner Identität in immer weitere Schwierigkeiten bringt und sein Leben aufs Spiel setzt. Beinahe alle Personen in Herrndorfs Roman handeln falsch, gehen den falschen Weg und verschweigen ihre eigentlichen Absichten. Erst nach und nach erkennt man lose Zusammenhänge in einem Wimmelbild aus Dummheit. Denn wenn es etwas gibt, das Herrndorfs Roman auf jeder Seite prägt, dann ist es der Umstand, dass die Handlungen der Protagonisten einfach nicht nachvollziehbar erscheinen.

Ohne Hoffnung auf vollständige Aufklärung und mit einer Fülle an Fragen um die Motive seiner Akteure, entlässt der Autor seine Leser nach knappen 500 Seiten aus der Wüste. Doch auch ohne vollständige Auflösung begeistert „Sand“ auf jeder Seite. So sind es Herrndorfs klare Sprache und seine erzählerische Kraft, die sein Werk an der Schnittstelle von Thriller und Gesellschaftskritik zu einer gedanklich stimulierenden Oase innerhalb der deutschen Literatur-Szene werden lässt. „Sand“ ist ein Roman, bei dem es nicht auf das Verständnis der Geschichte ankommt, sondern bei dem das Verstehen der menschlichen Eigenschaften im Mittelpunkt steht.

Wolfgang Herrndorf: „Sand“, Roman, 480 Seiten, Rowohlt, ISBN-13: 978-3871347344, 19,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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