Matthias Rohl
31. Januar 2012

Filmgeschichte(n): „Rescue Dawn“

Jeder für sich und der Regisseur gegen alle: Werner Herzog und die Faszination der Extreme

Ein Spätwerk, mit dem Werner Herzog noch einmal alle Register zieht: „Rescue Dawn“, Filmplakat

Laos, 1965. Der deutsch-amerikanische US-Air-Force-Pilot Dieter Dengler (Christian Bale) wird gleich bei seinem ersten, streng geheimen Kampfeinsatz über tiefem Dschungel-Gelände abgeschossen. Nach qualvollem Fußmarsch gerät er schließlich in die Hölle eines vietnamesischen Gefangenenlagers. Den sicheren Tod vor Augen, bereitet der unerschütterliche Patriot einen akribischen Fluchtplan vor und avanciert auf diese Weise zum Hoffnungsträger für seine Mitgefangenen. Nach gelungenem Ausbruch beginnt jedoch erst die wahre Odyssee für die ausgezehrten Männer. Unter tragischen Umständen verliert Dengler seine Mitstreiter und gelangt bald, auf sich allein gestellt, an seine körperlichen und mentalen Grenzen. Völlig ausgehungert und entkräftet, wird er schließlich von US-Soldaten aus der Dschungel-Hölle gerettet und als Kriegsheld gefeiert.

Expressionismus und Romantik

Mit „Rescue Dawn“ (2006), der auf seinem Dokumentarfilm „Little Dieter Needs to Fly“ (1997) über den deutsch-amerikanischen Kampfpiloten Dieter Dengler basiert, gelang Regisseur Werner Herzog sein bester Spielfilm seit „Aguirre, der Zorn Gottes“ (1972). Herzog, geboren 1942, gilt international als der letzte große Erbe des filmischen Expressionismus und der literarischen Romantik. Bereits sein erster Spielfilm „Lebenszeichen“ (1967) transportierte eine Erzählung Achim von Arnims in das von Deutschland im Zweiten Weltkrieg okkupierte Griechenland, „Nosferatu – Phantom der Nacht“ (1979) wurde zur Murnau-Hommage, „Woyzeck“ (1979) zur Büchner-Exegese. In den 1970er-Jahren genoss der kompromisslose Mythen-Macher unter den „neuen deutschen“ Autorenfilmern wie Fassbinder, Kluge, Wenders, Schlöndorff einen Ruf als großer, solitärer Tragiker und Mystiker. Bis heute ist Herzog fasziniert von existentiellen Außenseitern und extremen Lebenssituationen, sein ästhetisches Credo damals lautete, er wolle „Bilder finden, die noch niemand gesehen hat“.

Immer für neue Anregungen offen: Werner Herzog beim Dreh

Und bis heute hegt Herzog ein tiefes Misstrauen gegen jede technisch avancierte Ästhetik: „Ich denke, in der Filmindustrie fließt viel Energie und Aufmerksamkeit in digitale Effekte. Ich will, dass das Publikum seinen Augen wieder trauen kann. Die Schauspieler kämpfen sich durch den Dschungel, barfuß durch Lianen, Dornen und Unterholz, und jedes Kind, das den Film sieht, kann sofort sagen: Das ist kein digitaler Effekt! Wenn nur etwas Ästhetik dabei ist, sage ich immer: Es darf keine geplante Ästhetik geben. Die Ästhetik muss sich unter der Tür einschleichen oder durch die Löcher im Dach. Sie muss eine natürliche Begleiterscheinung sein.“ Kritiker erkennen genau darin eine weltweit einzigartige Qualität: So urteilte der New York Observer über „Rescue Dawn“, dies sei „ein elektrisierendes Action-Abenteuer, das sich mit stählernen Kiefern in Ihre Nerven verbeißt“.

Die Welt hungert nach Bildern

Im Dezember 2011 verlieh die Jury des Filmfestivals in Dubai dem „Kino-Giganten“ Herzog (FAZ) einen Preis für sein Lebenswerk. Kurz zuvor stand er noch als psychopathischer Gegenspieler von Tom Cruise in „One Shot“ als Schauspieler vor der Kamera, jetzt warnte der frisch prämierte Regisseur: „Sie befinden sich hier nicht auf meinem Begräbnis. Es könnte sogar sein, dass Sie mich in dieser Region bald öfter zu Gesicht bekommen, denn ich habe vor, einen großen Film in der arabischen Wüste zu drehen.“ Er plane einen Spielfilm über das Leben der Autorin, Archäologin und Abenteuerin Gertrude Bell, doch die Finanzierung stehe noch in den Sternen. So geht es zu in der Herzog-Welt – die Faszination der Extreme treibt ihn zu immer neuen Ufern. 2009 erkannte das Time Magazine in Herzog eine der hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt, Begründung: Die Welt hungere nach Bildern, er versuche, uns zu füttern. In Anspielung auf Herzogs Kaspar-Hauser-Film, der 1974 in Cannes den Großen Preis der Jury gewann, könnte man Herzogs innere Triebfeder zuspitzen: jeder für sich und der Regisseur gegen alle.

„Werner Herzog reizt sich selbst gern aus“: Der Regisseur gerät mit seinem Lieblingsdarsteller Klaus Kinski aneinander, Filmszene aus „Mein liebster Feind“

Christian Bale, den man in „Rescue Dawn“ lebende Maden verzehren und einer Schlange den Kopf abbeißen sieht, zeigte sich sichtlich beeindruckt von der physisch und psychisch zehrenden Arbeitsweise des Regie-Maniacs: „Werner ist der zupackendste Regisseur, den ich kenne. Er ist ein Mensch, der eine Reaktion herausfordert. Am Ende hatte er fast alle Zehennägel verloren. Fast täglich schnitt er sich irgendwo und das Blut tropfte. Er genießt es. Ich denke, er reizt sich gern selbst aus.“ Und Eva Mendes, die neben Nicholas Cage im beachtlichen Ferrara-Remake „Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans“ (2009) spielte, bemerkte voller Verblüffung: „Werner ist der schnellste Regisseur, mit dem ich je gedreht habe.“

Der zweite Karriere-Frühling

Zweifellos genießt Werner Herzog unter Hollywood-Schauspielern eine inzwischen kultisch anmutende Verehrung. Erstaunlich genug für einen Filmemacher, der in den 1990er-Jahren fast vergessen schien, sich mit Dokumentarfilmen über Wasser hielt, sich dann aber mit „Mein liebster Feind“ (1999) eindrucksvoll zurückmeldete. Außerhalb seines Herkunftslandes wächst dem Mythen-Maestro Herzog eine stetig wachsende Fan-Gemeinde zu: Seine Antarktis-Dokumentation „Encounters at the End of the World“ (2007) erhielt eine Oscar-Nominierung, und die Londoner „Times“ adelte seine Dokumentation „Grizzly Man“ (2005) gar zu den fünf besten Filmen des vergangenen Jahrzehnts. Herzog selbst verriet indes augenzwinkernd die geheime Kraftquelle hinter seinem zweiten Karriere-Frühling: „Dieter Dengler ist für mich immer ein Vorbild. Wenn ich mich Komplikationen stellen oder eine bestimmte Entscheidung treffen muss, und ich nicht weiß, was ich tun soll, frage ich mich: Was würde Dieter tun?“ Mögen ihm die posthumen Einflüsterungen Inspiration für sein weiteres Schaffen sein – wir erwarten es mit Spannung.

nächste Folge:
„Funny Games“
Der Zuschauer als Täter: über den österreichischen Regisseur Michael Haneke

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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