Marc Mrosk
1. Februar 2012

Job-Zombies

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 15: Im Arbeitsamt – die Allee der Freunde

Ein Ort, an dem vermeintlich vieles einen Neuanfang findet: das JobCenter

Es erinnert an „Nachsitzen“ in der Schule. Die Unaufmerksamkeit und in gewisser Hinsicht auch die Ungehorsamkeit hatten uns hierher geführt. Unter Umständen war es auch einfach nur Pech. „Alle haben doch Krach gemacht und jeder Zweite hatte etwas anderes im Sinn und träumte vor sich hin. Warum muss gerade ich noch länger bleiben?“ – Schicksal halt. Der Krach und die Träume waren verschwunden. Was blieb, waren eine Stille und eine Leere, ganz wie in einem Fahrstuhl, der stecken geblieben ist. Um mich herum erblickte ich Augen, die leblos ihren Blick auf die weißen Wände gerichtet hatten. „Wie geht’s denn jetzt weiter?“, wird der Sachbearbeiter fragen, und ich bereitete mich auf die beste aller Antworten vor: „Geben Sie mir eine Waffe!“

Ich befand mich im Wartebereich des JobCenters in der Freundallee, erster Stock. Ein Sprung aus dem Fenster würde also keinen Sinn ergeben. Meine Mitgescheiterten waren vertieft in ihrer Gedankenwelt. Eine Hand mit spitzen Fingernägeln griff sich die Tageszeitung vom Zeitschriften-Stapel. Ein Zombie um die 50, mit Brille und Oberlippenbart. Er legte alles zurück bis auf den Börsen-Teil und begann diesen mit blutenden Augen zu studieren. Neben mir zappelte ein Bein, das zu einem Typen in Lederjacke und Jeans gehörte. Der Typ trug Cowboy-Stiefel mit einer Metallspitze. Perfekt, um seine Opfer aufzuspießen. Der Cowboy drehte seinen Kopf zu mir, und seine schwarzen Augen durchbohrten mein Gehirn. Kurz darauf sprang er auf und lief in einen der Büro-Räume, um dem Sachbearbeiter den Kopf abzureißen und ihn zu fressen. Blut spritzte über Bewerbungsmappen und Hartz IV-Anträge.

Wo man neue Freunde macht…

„Ich war elf Jahre im Einzelhandel und nun werden sie mich von einer Stelle zur anderen schieben. So wie einen Sklaven. So geht das immer weiter“, sagte der Cowboy zu mir und aus seinem Hals drang der Geruch von Kräuter-Likör. Ich nickte und spürte eine erneute Gefahr, als ein Mann mit grauem Sweat-Shirt, das er in seine verstaubte Jeans gesteckt hatte, den Wartebereich betrat. Darüber trug er einen schwarzen Mantel, der im Hüftbereich ausgebeult war. Er sah sich um. Sein leicht zittriger Stand und sein starrer Blick verstärkten die Sorge eines bevorstehenden Amoklaufs. Mein Name hallte aus der Ferne durch die Bürogänge und verursachte ein fragendes Echo in meinem Kopf. „Gott, bist Du das?“ „Ja, ich bin es.“ „Was machst du dann hier?“ „Sag mal, gilt der Aktiv-Pass auch für den Zoo?“ „Ich weiß nicht genau.“ „Okay, trotzdem danke.“

Von außen ganz harmlos – das Amt

Ich bekam einen Stapel voller Stellen mit dem Logo einer Zeitarbeitsfirma bei meinem Beratungsgespräch in die Hände gedrückt, mit den hoffnungsvollen Worten, dass unter den gefühlten zwanzig Millionen freien Stellen schon die richtige für mich dabei sein würde. „Machen Sie sich keine Sorgen, das wird schon wieder. Das sieht im ersten Moment immer schlimmer aus, als es ist.“ Dann kamen die anderen Zombies an die Reihe und ich schleppte meinen leblosen Körper zurück auf die Straße, im Gepäck ein Stapel voller Hoffnung. Wir folgten dem Ruf jener Glocke, die am lautesten läutete – stets mit Misstrauen im Schlepptau. Unser Pessimismus war mittlerweile so schnell herangewachsen, dass man schon reife Gespräche mit ihm führen konnte. Der Selbstzweifel hatte schon seit zehn Jahren einen Führerschein, und die Armut bekam schon Falten.

Einmal drinnen, beginnt der wahre Horror

Was nun vor uns lag, war das berühmte Vorstellungsgespräch oder vielleicht auch eher die Vorstellung eines Gesprächs. Ich traf den Cowboy im Wartezimmer einer Zeitarbeitsfirma in der Innenstadt wieder. „Na, was hab ich gesagt?“, krächzte er mir entgegen und schüttelte den Kopf. Es roch nach alten, benutzten Erfrischungstüchern und Menschenfleisch und irgendwo musste auch noch ein Duftbaum Vanille hängen. Es war definitiv kein Ort für Minderjährige. Aus einem der beiden Büros kam Günter Wallraff mit einer blutigen Axt in der Hand heraus. „Das musste man verhindern“, sagte er mit zornigem Blick und hielt die Axt triumphierend in die Luft. Dagegen kommt kein Traumfänger an. Ich musste mich ablenken und blätterte eine Bild der Frau durch. Einen Moment später wurde der Cowboy ins Büro gerufen. Er ging genervt mit seiner Bewerbungsmappe in der rechten Hand vorbei und nahm, ohne dem Job-Agenten die Hand zu schütteln, vor dem Schreibtisch Platz.

Abschied nehmen Richtung Zeitarbeit

Durch den Türspalt konnte ich das Szenario mitverfolgen. Den Small-Talk der beiden ignorierte ich. Dann änderte sich die Tonlage und der Cowboy erhob sich vom Stuhl. „Was stimmt denn mit der Bewerbung nicht?“, fragte er verärgert. „Ich würde mal sagen, es liegt an der Länge.“ Der Cowboy öffnete seine Hose, zog seinen kleinen Zombie heraus und sagte: „Sind Sie sicher?“ Ich holte umgehend meine Bewerbungsmappe aus meiner Tasche und blätterte den Umschlag um. Das Anschreiben bestand aus zwei dicken Absätzen und einer konkreten Betreffzeile. Ich atmete erleichtert auf und sah durch den Türspalt unseren Job-Agenten. Der Schrecken hatte bei ihm eingesetzt und verwüstete nun seinen Verstand. „Aber, mein lieber Freund, machen Sie sich keine Sorgen, das wird schon wieder. Das sieht im ersten Moment immer schlimmer aus, als es ist“, dachte ich und musste unweigerlich grinsen.

(Fotos: Susanne Haupt)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales

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