Jörg Smotlacha
27. Februar 2012

Wilde Seele

Das Verhör: „Ich Muss Gar Nichts“ von Cäthe

Intelligente deutschsprachige Chansons mit Punk-Attitüde, Elektro-Einschlag und viel Rotz in der Stimme: „Ich Muss Gar Nichts“, CD-Cover

„Ich glaub, ich bin ein Ding. Wenn’s in Bewegung ist, macht’s einen Sinn“, singt Cäthe Sieland auf einem der stärksten Stücke ihres Albums „Ich Muss Gar Nichts“ – und diese Aussage darf man wörtlich nehmen, denn das, was der 29-jährigen Hamburgerin mit ihrem Debüt gelungen ist, ist Bewegung pur. Wie sich Cäthe durch die zwölf Songs des Albums singt, schreit, flüstert und faucht, ist alleine schon hörenswert. Doch da die Sängerin obendrein mit intelligenten und poetischen Texten zu überzeugen weiß, die von den ganz großen Gefühlen handeln, darf man hier auch genauer hinhören. „Unter meiner Haut, da will ’ne heiße Sonne raus“ schreit Cäthe, und die Musik ihrer vierköpfigen Band unterstützt die Spannung. Ganz klar, diese Frau singt, was sie denkt – und das laut, wild und wütend, aber auch leise, verletzlich und zärtlich.

Und während sich Cäthe stimmgewaltig gibt, liefern ihre Musiker den passenden, modernen Sound dazu. Irgendwo zwischen Rock, Elektro-Pop, Chanson und Punk-Attitüde ist es am Ende doch einfach nur Rock’n’Roll, häufig spartanisch instrumentiert, manchmal aber auch wuchtig und zupackend. Und mit dem kräftigen Opener „Unter meiner Haut“, der rebellischen Hymne „Ewige Braut“, dem eingangs erwähnten lautstarken „Ding“, dem rotzigen „Leicht Schwer Zu Sein“ und der Ballade „Bleib Hier“ liefert Cäthe auch gleich noch eine ganze Handvoll potentieller Ohrwürmer, die sich sowohl dazu eignen, die Tanzfläche zu stürmen, als auch einen romantischen Abend zu zweit einzuläuten.

Schade nur, dass „Ich Muss Gar Nichts“ bei einigen Songs ein bisschen überproduziert wirkt und die wilde Authenzität und Power, die Cäthe bei ihren Live-Auftritten ausstrahlt, zugunsten der Radio-Tauglichkeit bändigt. Zwar bleibt Cäthe weit davon entfernt, im Mainstream zu landen, weil ihre Songs und ihre Texte einfach zu viele Ecken und Kanten haben und man auch beim leisesten Flüstern noch die „wilde Seele“ („Ewige Braut“) hört. Was aber möglich ist, wenn man sie ungeschliffen lässt, zeigt der Hidden Track, das alptraumhafte, flirrende und verzweifelte „Alkohol-Baby“, das der Rezensent nach dem ersten Hören gleich noch einmal hören musste, weil er nicht glauben wollte, was er da eben gehört hatte.

Festzuhalten bleibt, dass Cäthe zurzeit eine der besten deutschsprachigen Sängerinnen ist. Die ausgebildete Musikerin, die ihre Passion entdeckte, als sie im Alter von zwölf Jahren Janis Joplin hörte, und sich später unter anderem als Sexshop-Verkäuferin, Stuhl-Abbeizerin und Crêpes-Bäckerin verdingte, bevor sie nach Hamburg zog, wo sie nun ihre erste Platte aufgenommen hat, ist längst kein Geheimtipp mehr. Cäthe wird ihren Weg gehen. Und den zu verfolgen, dürfte Spaß machen.

Cäthe: „Ich Muss Gar Nichts“, CD, 12 Songs plus Hidden Track, 49:34 min., Deag Music (Sony Music)

Cäthe ist zur Zeit auf großer Deutschland-Tour! In Hannover ist sie am Montag, den 5. März 2012, ab 21 Uhr im Kulturzentrum Faust zu sehen.

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Kategorien: Musik

2 Kommentare

  1. Martin Lerbs sagt:

    Wir hatten die Ehre, mit Cäthe bei Euch Backstage sitzen zu dürfen; damals beim Kulturkiosk 2009. Ich höre immer noch gerne die Live-Aufnahme von Cäthes Auftritt: unkonventionell, wild, authentisch, rau. Als die lang ersehnte CD herauskam, war ich etwas traurig, dass dieses Temperament verloren gegangen ist. Ihr schreibt „überproduziert“. Ich denke auch: Cäthe, lass Dir nicht so viel reinquatschen, mach Dein Ding. So wie wir! (ok, wir haben dafür keinen Erfolg 😉
    Geht hin und schaut sie Euch an. Das lohnt sich allemal.

  2. Bishnu sagt:

    Das ist wirklich ein super schf6nes Video und ein wunabredrer dcberblick dieser tollen und unterschiedlichen Werke. Auch die Musik finde ich so scf6n dazu. Ich schau es mir gleich nochmal an und entspanne ein wenig.LG seven

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