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Drei Akkorde aus Hannover

Das Verhör: „Set The Flag“ von Fat Belly

Das sieht nach der Eroberung eines Festival-Geländes aus: „Set The Flag“, Plattencover

Drei Jahre nach ihrem Debüt „Turn The Amplifiers On (Alter)!“ schmeißt die hannoversche Band Fat Belly mit „Set The Flag“ nun ihre zweite Platte auf den Markt. Und ich muss gestehen, die Aufgabe, eine Punkrock-CD zu reszensieren, fiel mir nicht leicht. Ich wollte die Band in jedem Fall vor der Veröffentlichung meines Verhörs zu ihrer CD anrufen und um Entschuldigung bitten, das hatte ich mir fest vorgenommen. Ich hätte gesagt: „Hört mal Jungs, nehmt es mir nicht übel, aber Eure Musik gefällt mir nicht“. Ganz direkt. Und sie hätten es verstanden, vermutlich nur cool mit dem Kopf genickt. Weil ja nicht jeder Punkrock mag und meine einzigen Erfahrungen damit aus meiner Abi-Zeit stammen, als alle Jungs des Jahrgangs plötzlich schrammelige Kellerbands gründeten und sich Namen gaben wie „Fuck The System“, „Schools Out“ – oder eben „Fat Belly“. Ich kann mit dieser Art von Musik einfach nichts anfangen, mochte auf Konzerten noch nie wild herumpogen oder rumrempeln und mitgrölen. Von Anfang an begeistere ich mich eher für Bands wie The Roots oder Künstler wie Mos Def, Common und Talib Kweli. Da kann ich halbwegs mitreden, weil ich gute Samples zu schätzen weiß und ich mit einem Turntable mehr anfangen kann als mit einer E-Gitarre. Von Riffs und ähnlichen Dingen habe ich keine Ahnung und so hätte ich zu den Jungs tröstend gesagt: „Meine Meinung ist auch völlig irrelevant“.

Während mir die richtigen Worte für den Anruf bei Fat Belly noch durch den Kopf gehen, läuft „Set The Flag“ im Hintergrund aber bereits ein weiteres Mal komplett durch. Und ich kann nicht sagen, dass ich die Platte unerträglich finde. Ich mag zum Beispiel Katzen lieber als Hunde, aber ich verstehe, warum andere Menschen eher auf Hunde stehen. Und so dämmert mir allmählich, was Punkrock-Fans an diesem Album mögen oder gar lieben werden: Es sind die durchaus eingängigen Melodien, gepaart mit cleveren Texten und einer hingerotzten Punkrock-Attitüde, die ich mir live eins a vorstellen kann. Die Musik ist laut, irgendwie dreckig und durchweg Punkrock. Dass die Band aus Hannover kommt, hört man ihr nicht an, würden böse Zungen jetzt gut gemeint behaupten, denn oft glaubt man ja, dass derlei Veröffentlichungen schlampig produziert würden. „Set The Flag“ ist allerdings genau so professionell wie es sein darf, um glaubwürdig zu bleiben. Hin und wieder klingen die Songs nach Abi-Kellerband, aber gerade das macht ja den Charme aus. Vielleicht bleibt mir der Anruf also erspart. Ich google mich durch die Bandgeschichte und lese von begeisterten Band-Anhängern, sensationellen Auftritte auf diversen Stadtfesten und dem letzten Hannover-Gig der Band, der erst kürzlich in der Faust stattfand. Und so drehe ich die Anlage lauter, und mit mehr Volume macht das Hören ohnehin immer mehr Spaß, bei Punkrock hätte mir das einleuchten müssen. Ich stelle mir eine volle Konzerthalle vor, trinke ein Bier und lese das Cover. Zum Pogen kann ich mich in meiner Wohnung zwar nicht animieren, aber das wäre alleine auch reichlich langweilig. Trotzdem gehen mir die Songs zunehmend ins Ohr – und auch an den anfänglich als Geschrei abgestempelten Gesang gewöhne ich mich noch.

Bereits der zweite Track auf dem Album, „Sober (Again)“, ist so trivial-einfach, dabei aber durchaus originell, ganz wie es der Punkrock-Gott vorgibt. Das Tempo ist genretypisch hoch und bleibt es über weite Strecken des Albums auch. Auf dem vierten Song reißt mich eine Frauenstimme aus dem schnell als eintönig empfundenen Gedresche. Weitere Überraschungen bleiben allerdings aus, denn die Reime sind leider vorhersehbar. Unfair zu sagen, dass es in den Songs des hannoverschen Quintetts hauptsächlich um Alkohol und Frauen geht, das ist ja immer so. Der achte Track, „Forever And A Day“ gefällt mir, weil er mich an Stücke der Band Casting Out erinnert und wirklich ins Ohr geht. Bereits nach dem dritten Hören kann ich den Refrain mitsingen und bin happy, weil selbst mir die Fat Belly-Scheibe jetzt doch ein bisschen gefällt. Ähnlich ergeht es mir mit „Take Me Away“, das für eingeschworene Punkrock-Fans wahrscheinlich nach Mädchen-Punk klingt. Anscheinend ist aber alles nur eine Frage des Sich-Darauf-Einlassens, denn am Ende komme ich zu der Erkenntnis: Geht doch! „Set The Flag“ ist Punkrock pur. Das Album ist auf minimale musikalische Strukturen reduziert und kommt weitgehend mit drei Akkorden aus. Hauptsache laut. Und so werden Fat Belly vermutlich weitere Stadtfeste rocken und vielleicht eines Tages sogar auf einem großen Festival landen. Zu wünschen wäre es ihnen.

Fat Belly: „Set The Flag“, CD, 14 Songs, 38:17 min., Intono Records (Rough Trade)

Übrigens: Wer die Band von einer anderen Seite kennenlernen will, dem sei folgender Youtube-Link sehr ans Herz gelegt, er ist längst Kult:
Fat Belly: „Hannover“ [1]

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