Susanne Viktoria Haupt
5. März 2012

Unscharf

Seitenansicht: „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ von Christian Frascella

Rebellisches Cover: Christian Frascellas Debütroman „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“

Das Cover von „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ zeigt einen klassischen jugendlichen Anti-Helden: dunkle Haare, ein düsterer und zugleich anziehender Blick, eine ungezügelte Aura, Blut tropft ihm aus der Nase. Der namenlose Protagonist des Debütromanes des italienischen Autoren Christian Frascella ist gerade einmal 17 Jahre alt, aber seine Zukunft sieht alles andere als rosig aus. Nach einer Schulhof-Prügelei und dem Verweis von der Schule bricht er seine Ausbildung ab. Seine Mutter ist vor langer Zeit mit einem 13 Jahre jüngeren Tankwart durchgebrannt, seine Schwester wendet sich seitdem ausschließlich der Kirche zu, und seinen Vater kann man ohne Probleme als Alkoholiker bezeichnen, der gerne auch mal zuschlägt. Eine Wendung in seinem Leben gibt es erst durch das Auftreten einer Traumfrau. In Frascellas Geschichte ist es die zwei Jahre ältere Chiara, Feinkost-Händlerin in einem Mini-Markt, die dem halbstarken James Dean-Verschnitt den Kopf verdreht. Aber nicht nur das Zusammentreffen mit Chiara verändert einiges im Leben des jungen Mannes, sondern auch ein schwerer familiärer Schicksalsschlag…

Es ist schade, dass es der vordergründig gut kalkulierten Coming-Of-Age-Story an Authenzität mangelt, so dass man Frascellas Anti-Helden weder lieben noch hassen kann, sondern er einem schlichtweg egal ist. Hier fehlen die wahrhaftigen Emotionen, und die Geschichte kann sich auf über 300 Seiten nur schwer entscheiden, in welche Richtung sie steuern möchte. Leider mangelt es Christian Frascella an erzählerischer Gabe, um seine Figuren schärfer zu zeichnen. Dabei hat der Autor vielversprechende Ansätze, wenn er seine Story mit historischen Ereignissen zu verknüpfen versucht, doch ist dies am Ende für die Leser eher verwirrend als ein erkennbares Stilmittel.

Es ist nicht leicht mit der zeitgenössischen italienischen Literatur, die seit „Die Einsamkeit der Primzahlen“ händeringend versucht, einen wichtigen Platz im literarischen Kosmos Europas zu ergattern. Immerhin wurde „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ in Italien ein Bestseller und ist mit diversen Preisen ausgezeichnet worden. Wenn aber Autorenkollege Giuseppe Genna, der auf dem Klappentext zitiert wird, Frascellas Darstellung seines Protagonisten in einem Atemzug mit Salingers „Fänger im Roggen“ und den Figuren des italo-amerikanischen Schriftstellers John Fante nennt, dann muss er sich am Cover des Werkes orientiert haben und nicht an dessen Inhalt, denn den herangezogenen Vergleichen hält „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“ bei weitem nicht stand: Frascellas Debüt ist lesbar, aber von einem Salinger weit entfernt.

Christian Frascella: „Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe“, Roman, 316 Seiten, Frankfurter Verlagsgesellschaft, ISBN-13: 978-3627001810, 22,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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