Heike Werner
23. Oktober 2006

Das Herz auf der Zunge
und die Puppen zur Hand

Der hannoversche Handpuppenspieler Peter Böttcher über geteilte Persönlichkeiten und sein Leben mit den Puppen

„Das kann ich besser“, dachte sich Peter Böttcher, als er vor über 20 Jahren in Marokko einen Straßenkünstler mit einer Klappmaulpuppe sah. Zwei Jahre später unternahm er die ersten eigenen schüchternen Spielversuche im Stuttgarter Schlosspark. Über Umwege durch das In- und Ausland hat er schließlich nach Hannover gefunden. Hier ist der bescheidene Künstler mittlerweile ein gefragter und gern gesehener Handpuppenspieler.

Peter Böttcher mit seiner Handpuppe Karl Friedrich von Möchtegern

Peter Böttcher mit seinem zweiten Ich Karl Friedrich von Möchtegern

„Als hätte jemand einen Schalter umgelegt“

Zwei Puppen gehören zu Böttchers Leben wie die Leine zu Hannover: Wilma, die ihren Namen von Fred Feuersteins Ehefrau geerbt hat, und Karl Friedrich von Möchtegern, der als Böttchers Alter Ego das Herz auf der Zunge trägt. Durch ihn hat der 47-jährige Künstler die Möglichkeit, auch einmal Charakterzüge zu leben, die er im Privaten eher seltener zeigt. „Wenn ich spiele, dann ist es, als hätte jemand einen Schalter umgelegt“, versucht Böttcher die Verwandlung zu erklären. Und tatsächlich: Sobald er die Handpuppe mit den beweglichen Augen überstreift, wird aus dem zurückhaltenden Künstler ein dreister, aufmüpfiger und freizüngiger Karl Friedrich. „Während die Puppe gelernt hat, dass sie alles sagen darf, habe ich gelernt, mich immer freier auszudrücken“, gesteht Böttcher ironisch. Grinsend fügt er an, dass dieser Umstand sich vielleicht leichter damit erklären lasse, dass er im Grunde schizophren sei.

Spontan, dreist und amüsant

Sowohl Böttcher als auch seine Handpuppen haben sich im Laufe der Jahre stetig weiterentwickelt und ihre Persönlichkeit(en) gefestigt. Alles, was der Künstler seinen Begleitern in den Mund legt, entsteht spontan. Nichts ist vorgefertigt, nichts aufgeschrieben. Genau darin liegt der Reiz. Wenn Karl Friedrich seine eigene Persönlichkeit zeigt, beginnt man unweigerlich, sich mit der Puppe zu unterhalten, als sei sie ein Mensch. Amüsement ist garantiert. Trotzdem muss man sich die ein oder andere Dreistigkeit gefallen lassen: Bermerkungen wie „Ihr bleibt gefälligst hier sitzen, bis ich fertig bin!“ sind da noch harmlos.

Karl Friedrich von Möchtegern

Die Puppe als Frechheit in Person

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat Peter Böttcher viele Stationen in Europa und in den USA hinter sich gelassen. Er hatte viele Auftritte, unter anderem in Florida und Luxemburg. „Ich habe meine künstlerische Aktivität ganz bewusst mobil gehalten, damit ich die Welt sehen konnte“, erklärt Böttcher seine Umtriebigkeit. Von Stuttgart aus ist er letztendlich über Wiesbaden und Düsseldorf nach Hannover gekommen. Warum ausgerechnet Hannover? „Ich bin durch einen Freund hierher gekommen, mit dem ich zusammen gearbeitet habe, und dann hier hängen geblieben“, erzählt der Puppenspieler.

Bescheidenheit als Lebensmaxime

Mittlerweile fühlt Böttcher sich in Hannover zu Hause. Im Stadtteil Limmer lebt er mit Karl Friedrich und Wilma ein eher zurückgezogenes Leben. Mit einer Lebensgefährtin fest zusammen zu ziehen kommt für ihn momentan nicht in Betracht, „weil ich niemandem zumuten will, mit mir zusammen zu leben“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Dabei scheint er zufrieden. Böttcher bleibt bescheiden: „Der Karriere stand immer der Philosoph im Weg.“ Es geht ihm um die Kunst als solche. „Gerne gebe ich auf Vorstellungen meinen Hut rum. Wenn ich das nicht darf, nehme ich lieber gar kein Geld“, sagt er trotzig. Ihm sei es lieber, dass die Leute ihre Anerkennung verbal ausdrückten. „Es ist erstaunlich, wie man aus so wenig so viel machen kann“, ist das schönste Kompliment, das er je bekommen hat. Je nachdem, wer ihn engagiert, falle die Art der Anerkennung aber unterschiedlich aus. „Vom Lions Club nehme ich natürlich lieber ein festes Honorar.“ Er unterscheide eben, ob er für eine private oder eine kommerzielle Veranstaltung gebucht wird. „Die Kommerziellen tragen dazu bei, dass ich mir die Straßenkunst erhalten kann“, und das sei ihm wichtig. Denn mitten unter den Menschen, im Alltagsleben, ist Böttcher zu Hause.

Zeichnung von Peter Böttchers Handpuppe Karl Friedrich

Nur auf dem Blatt schwarz-weiß: Böttchers Alter Ego Karl Friedrich von Möchtegern

Anekdoten und Aphorismen

Auch wenn Peter Böttcher nicht mit Wilma und Karl Friedrich unterwegs ist, bleibt er seiner kreativen Ader treu. „Zwischen Mitternacht und zwei Uhr früh schreibe ich häufig Anekdoten und Aphorismen über mein Leben“, erzählt er. Vorzugsweise verschenke er diese dann an Freunde. Darüber hinaus hat Peter Böttcher noch große Ziele: „Früher wollte ich immer ein guter Handpuppenspieler werden. Da ich das geschafft habe, möchte ich jetzt in meinem Leben noch ein Buch schreiben und eine Platte machen.“ Genug zu erzählen aus seinem bewegten Leben hat Peter Böttcher bestimmt.

Nicht verpassen:

Wer Peter Böttcher und Karl Friedrich von Möchtegern live erleben möchte, hat dazu am 10. November Gelegenheit. langeleine.de präsentiert den Handpuppenspieler im Rahmen der neuen Reihe KULTURKIOSK ab 20 Uhr in der Faust-Warenannahme.

(Fotos: Kathrin Tegtmeier)

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Kategorien: Bühne, Kunst, Menschen

Ein Kommentar

  1. […] Das Portrait über Peter Böttcher findet Ihr hier: Das Herz auf der Zunge und die Puppen zur Hand […]

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