Marc Mrosk
9. März 2012

Hanno Noir

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 16: Die Sache mit den 95 Prozent

Das Neue Rathaus von Hannover – gespenstisch bei Nacht…

Hannover ist die Hauptmordstadt der Bundesrepublik. Ein Mekka für Killer und Verrückte. Das New Orleans des deutschen Nordens. Ganz besonders die Innenstadt ist betroffen. Eine kühle Nacht kündigte sich an. Der Trammplatz lag im seichten Licht der Straßenlaternen, die einige Meter weiter weg beim Friedrichswall standen. Vorsichtig berührten die letzten Ausläufer der Lichtkegel die Stufen des Neuen Rathauses. Die Silhouette des prächtigen Baus reckte sich in den Nachthimmel und verdeckte die Hälfte des Vollmonds. Am Erich Kästner Museum vorbei, nahm ich den Weg quer über den Trammplatz, mit dem Ziel, bald am Aegidientorplatz anzukommen. Doch dort würde ich in dieser Nacht nie hingelangen.

Vor dem Rathaus begann die mörderische Nacht…

Ein Bild aus Kriminalromanen bot sich mir, als ich einen jungen Mann auf dem Bauch liegend, mitten auf dem Asphalt vor dem Rathaus liegen sah. Um ihn herum lagen 100 Euro Scheine verstreut. Auf den ersten Blick schätzte ich das „Streugut“ auf knapp zwanzig Scheine. Sachte wehte sie der kühle Wind über den Platz und trug sie dennoch nie weiter als einen Meter. Ich sah hinab auf den toten Körper und erkannte erst jetzt das Blut das um ihn herum eine Pfütze gebildet hatte. Die Augen des Mannes starr ins Nichts gerichtet, leblos wie der Stein, auf dem er lag. Zwei Scheine flogen über die Leiche hinweg und instinktiv griff ich mir das Geld und fing an, auch die anderen Hunderter einzusammeln. Es waren am Ende 2500 Euro. Doch leider half es nicht wirklich weiter. Selbst ein ungeschultes Kriminalauge, wie meines, konnte erkennen, dass es sich bei den Scheinen um Falschgeld handelte.

Von Spitzen-Mordraten und Aufklärungsstatistiken

Ich verspürte keine Angst und das war merkwürdig. Neugier machte sich breit und ich spürte für einige Sekunden eine Anspannung, als wäre ich Zeuge eines bedeutenden Ereignisses. Doch das war alles Quatsch. Hannover war einst Spitze was die Mordrate im Land anging, allerdings werden nach wie vor weit über 95 Prozent aller Mord- und Totschlagsdelikte, die als solche erkannt werden, durch unsere Polizei aufgeklärt. Eine fantastische Quote. Vielleicht waren die Bullen auch gar nicht so clever, sondern die Verbrecher so unvorsichtig. Was für ein Fall würde dieser hier werden? Etwas Ähnliches möglicherweise wie letztes Jahr zum 1. Advent in der Kohlrauschstraße? Wie muss sich ein Killer fühlen, wenn er ungeschoren davon kommt?

Ich blickte auf das Geld in meiner Hand hinab und ließ es instinktiv fallen. Wie dumm ich doch gewesen war. Hatte ich etwa nun hilfreiche Spuren wie beispielsweise Fingerabdrücke unkenntlich gemacht? Alles nur wegen einem Anflug von Gier? Ich ging weiter und sah mich um. Vielleicht fand ich einen Anhaltspunkt, den der Täter hinterlassen hat. Ich zog mein Handy aus der Tasche und wollte die Nummer der Polizei wählen, als mich das Display anleuchtete und einen unbekannten Anrufer ankündigte. Ich meldete mich. „Du kannst das Geld ruhig mitnehmen“, hauchte mir eine rauchige Stimme ins Ohr. „Wer ist da?“ „Ja, genau!“, er lachte kurz, „sehe ich etwa so dumm aus?“ „Das würde ich Ihnen sagen, wenn ich Sie sehen könnte.“ „Dann schau mal hinter Dich…“ Ich drehte mich um und blickte auf die Front des Maritim Hotels.

Tausend kleine schwarze Augen des Maritims schauten zu mir herüber

Wenige Fenster waren am leuchten und hinter einem der dunkleren wähnte ich den Killer, wenn es denn der Killer war. „Winken Sie mal“, sagte ich und kniff die Augen zusammen, um besser die kleinen dunklen Fenster erkennen zu können. „Haben Sie das getan?“ „Geh hinten rum Richtung Gartensaal zum Maschteich“, sagte die Stimme. Ich folgte den Anweisungen. Wann bekommt man sc hließlich schon mal als Zivilist die Möglichkeit bei der Aufklärung eines Mordes zu helfen? Andererseits könnte dies auch eine Falle sein und in wenigen Minuten wäre ich tot und mein Körper auf dem Grund des Teiches. Kein schöner Gedanke. Langsam ging ich die dunkle Straße bis hinter das Rathaus entlang und hatte bald den Blick über den Maschpark. Ich sah keine Menschenseele. „Und jetzt?“, fragte ich ins Handy, doch mein Gesprächspartner hatte mittlerweile aufgelegt.

Überall lauert die Gefahr…

Der Maschteich lag ruhig und gespenstisch im trüben Licht des späten Abends. „Wie wäre Susanne Mischke mit dieser Situation umgegangen?“, fragte ich mich unweigerlich. Wie ich so da stand und überlegte, ertönte hinter mir plötzlich eine bellende Männerstimme: „Keine Bewegung!“ Zwei Polizisten mit Waffen in den Händen und Feuer in den Augen hatten mich umzingelt. Nach der üblichen, pflichtschuldigen Bekanntmachung meiner Person und meiner paranoiden Aussage über einen Killer im Maritim Hotel, folgte sogleich die nonchalante Schlagfertigkeit des Beamten in Grün. „Da brauchen Sie kein Zimmer. Wir haben da auch was Schönes für die Nacht für Sie. Einfach mitkommen!“, haute er bissig raus. Und so ging es weiter auf die Wache in der Waterloo Straße.

Verwunschener Teich im Schutze der Nacht

„Jemand hat mich angerufen und mich hinter’s Rathaus gelockt“, beendete ich meine Aussage. Leider hatte dieser Jemand offensichtlich auch der Polizei gesteckt, dass ich mich sehr genau für die Leiche interessiert hätte und umgehend die Polizei gerufen, die mich schließlich hinter’m Rathaus überraschte. So berichtete es mir der vernenehmende Kommissar. Kurz darauf soll ich das ganze Geld auf dem Boden aufgesammelt haben. Ein anonymer Anruf war es also, der mich in Schwierigkeiten gebracht hatte. Nach einer kurzen Recherche in den Anruflisten meines Telefons wurde mir berichtet, dass auf meinem Handy zur besagten Zeit gar keine Anrufe eingegangen wären. Verrückt. Sie hatten mich. „Die Quote liegt bei 95 Prozent“, schoss es mir heiß durch den Kopf. Da gab’s nichts zu machen…

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales

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