Henning Chadde
27. März 2012

„Nichts anderes als das klassische Goethe-Schiller-Business“

Mit vollem Einsatz dem Wort ergeben: Der amtierende niedersächsisch-bremische Poetry Slam-Meister Sven Kamin liest am Freitag beim Kulturkiosk. Zeit für ein paar Fragen

Dynamisch, explosiv und literarisch einsatzstark: Sven Kamin

langeleine.de: Sven, im Mai letzten Jahres bist Du im Opernhaus Hannover zum ersten niedersächsisch-bremischen Poetry Slam-Meister gekürt worden. Was bedeutet Dir dieser Titel?

Sven Kamin: Na, da habe ich doch auch endlich mal was, was Veranstalter in meine Ankündigungen reinschreiben können. Nein, ernsthaft: Da wird mir schon immer noch warm ums Herz, wenn ich daran denke. Das rappelvolle Opernhaus und als Krönung eines rauschenden Abends einen gefühlt vier Kilo schweren alabasternen Beethoven mit nach Hause nehmen zu dürfen – das ist schon einer der Momente im Slam-Leben, die sehr, sehr golden glänzen. Zudem bin ich ja in Bremen geboren und in Niedersachsen aufgewachsen – das passt also auch rein geopolitisch ganz gut…

ll:Wie bist Du zur Schreiberei gekommen und was treibt Dich mit Deinen Texten auf die Bühne?

Kamin: Bei meiner Bühnenschreiberei laufen eigentlich gleich drei meiner Leidenschaften zusammen: Ich bin Journalist und habe schon früh Texte für Schülerzeitungen, gern auch Satiren und freie, schräge Formate geschrieben. Daneben habe ich in der Schulzeit und im Studium viel Theater gespielt – immer auch mit dem Anspruch, diese öffentliche Plattform zu nutzen, um die Leser und Zuschauer zum Nachdenken anzuregen. Das hat sich zum ersten Mal bei kleineren Kabarett-Projekten gekreuzt, aber erst als ich das Poetry Slam-Format entdeckt habe, hat es richtig „klick!“ gemacht. Eine Bühne, eigene Texte und zwischen all den unterhaltsamen Elementen immer auch Momente setzen, in denen den Zuhörern das Lachen im Halse stecken bleibt – da kann ich das Beste, was ich hab‘, in einem Format zusammenbringen.

Finale! Sven Kamin im Mai 2011 in der Niedersächsischen Staatsoper Hannover

ll:Du bist ja als Live-Poet auf vielen Slams in der ganzen Republik unterwegs. Wie schätzt Du das literarische Potenzial der Szene ein?

Kamin: Das ist schon stark. Ich, als eher der Lyrik und den Reimen zugeneigter Autor, freue mich natürlich über Texte mit klaren Formen. Da zeigt sich einfach am Schnellsten, wer auch klassisch literarisches Handwerkszeug dabei hat. Da gibt es immer wieder Texte, die auch den verknöchertsten Germanistik-Professor umhauen können und es in einer modernen Sprache verstehen, den Zuschauern nahe zu gehen. Also nichts anderes als das klassische Goethe-Schiller-Business. Aber die reine Form darf nie ein Selbstzweck sein, und deshalb liegt das größte Potenzial der Szene darin, ein authentisches Sprachrohr gerade junger Generationen zu sein, denen das Bildungsbürgertum ja fast schon gar keine Auseinandersetzung mit Literatur mehr zutraut. Ich mag es einfach, wenn Vorurteile so zerschreddert werden.

Mit vollem Einsatz: Sven Kamin beim Wortsport

ll:Slam Poetry und Poetry Slam bedeuten für Dich?

Kamin: Für mich selbst ist das ein riesiger Spielplatz. Ein Ventil, bei dem ich alles, was so nie in einer Zeitung stehen dürfte, schreiben darf. Mein Box-Sack sozusagen. Da darf ich sein, wie ich bin, und da darf ich sein, wie ich sein will. Und da darf ich manchmal sogar sehen, wie ich sein könnte.

ll: Wo siehst Du Dich als Schriftsteller in zehn Jahren?

Kamin: Ich hoffe natürlich, dass mich auch dann noch ein paar Leute auf Slam-Bühnen sehen wollen. Dieses direkte Feedback, auch und gerade wenn man mal einen richtig schlechten Text geschrieben hat, ist ungemein wichtig. Das fördert die Bodenhaftung. Ansonsten sehe ich mich als wilder Korsar auf den sieben Meeren des Literaturbetriebs. Derzeit arbeite ich zum Beispiel an meinem ersten Kinderbuch. Ich bin ehrlich gesagt gespannt, wo hin es mich verschlägt. Literarische Flausen im Kopf habe ich hoffentlich noch genug.

Sven Kamin mit Zeigefinger beim öffentlichen Nachhaltigkeits-Ausspruch

ll: Was können die geneigten Gäste von Dir beim Kulturkiosk erwarten?

Kamin: Wie immer einen Slammer, der sich für sein Publikum aufreibt. Egal, ob Rap oder norddeutsche Schauer-Ballade – wenn ich nicht verschwitzt, erschöpft und mit Atemnot von der Bühne schwanke, hab‘ ich was falsch gemacht. Ich kann zwar auch ruhig und leise, aber ohne laut, wild und schnell würde etwas fehlen.

Vielen Dank für das Gespräch, Sven!

Nicht verpassen:

Sven Kamin performt am Freitag, dem 30. März, beim Kulturkiosk von langeleine.de eine Auswahl seiner besten Bühnen- und Slam Poetry-Texte.

(Fotos: Thomas Schmidt (1), Felix Schmitt (2), Matthias Stehr (3,4))

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Kategorien: Literatur, Menschen

Ein Kommentar

  1. Pottzblitz sagt:

    …wie? Herr Terek und Herr Kamin waren da? oh, man ich sollte glaube ich mir mal angewöhnen öffters bei euren termin zu schauen…

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