Matthias Rohl
27. März 2012

Filmgeschichte(n): Kino im Kapitalismus

Fünfzehn Jahre DVD – ein Blick zurück in die Zukunft

Mittlerweile in den allermeisten Haushalten zu Hause: die DVD-Sammlung

Zukunft, bemerkte der ingeniöse Dichter Durs Grünbein einst, sei eine hysterische Kategorie. Mit diesem Diktum hat er ebenso beiläufig wie treffend beim Namen genannt, dass das Neue, einmal in die Welt gesetzt, sofort zwei Lager spaltet: Entweder wird es gefeiert – oder gefürchtet. Man kann die Welt also einteilen in Euphoriker und Apokalyptiker. „Wir sind nicht modern genug!“, sagen die einen. „Wir sind schon viel zu modern!“, klagen die anderen. Die Euphoriker wollen die Revolution, die Apokalyptiker den Ausstieg aus der Evolution der Moderne. Diese tiefe Spaltung zeigt sich nirgendwo so drastisch wie auf dem Feld der modernen Technik.

Zukunft durch Herkunft

Der Philosoph Odo Marquard hat in seinem Buch „Philosophie des Stattdessen“ (2000) mit der für ihn typischen Mischung aus geschliffener Rhetorik und subtilem Humor den ewigen Streit zwischen Euphorikern und Apokalyptikern eindringlich beschrieben – und einen unwiderstehlichen Vorschlag zur genüsslichen Langsamkeit gemacht: „Gerade in einer Welt mit hoher Innovationsgeschwindigkeit sind alte Lebensformen am wenigsten veraltungsanfällig, weil sie schon alt sind. Schließlich tritt die moderne Wandlungsbeschleunigung selber in den Dienst der Langsamkeit: Zum wachsenden Veraltungstempo gehört das wachsende Tempo der Veraltung auch ihrer Veraltungen; je schneller das Neueste zum Alten wird, desto schneller kann Altes wieder zum Neuesten werden; jeder weiß das, der nur ein wenig länger schon lebt. So sollte man sich beim modernen Dauerlauf Geschichte – je schneller sein Tempo wird – unaufgeregt überholen lassen und warten, bis der Weltlauf – von hinten überrundend – wieder bei einem vorbeikommt; immer häufiger gilt man dann bei denen, die überhaupt mit Avantgarden rechnen, vorübergehend wieder als Spitzengruppe: So wächst gerade durch Langsamkeit die Chance, up to date zu sein.“

Plädiert für Langsamkeit in der schnellen Welt: der Philosoph Odo Marquard

Marquards Kerngedanke ist: Für zuviel Veränderung ist das Menschenleben zu kurz, denn die zeitknappste unter allen knappen Ressourcen ist unsere Lebenszeit. Beliebig viel Innovation vertragen wir nicht – und darum greift das Unbehagen an der Wandlungsbeschleunigung an breiter Front um sich. Es gelte daher, so Marquard, die Spannung zwischen Schnelligkeit (Zukunft) und Langsamkeit (Herkunft) auszuhalten. Auch – und gerade – die neuen Medien brauchen die alten Fertigkeiten: „Zukunft“, so Marquard, „braucht Herkunft.“

Das Gesetz der zwei Sekunden

Nur vor dem Hintergrund dieses ewig wiederkehrenden Kulturkampfes zwischen Euphorikern und Apokalyptikern kann man beginnen, den Siegeszug der DVD medienhistorisch zu würdigen, um einen vorsichtigen Blick in die Zukunft des Kinos zu werfen, Zukunft also durch Herkunft näher zu bestimmen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das zeitgenössische Kino – mindestens in seinen Blockbustern – längst in den Sog der Ereignisstürme des globalisierten Kapitals geraten ist, von denen der Literaturwissenschaftler Joseph Vogl in seinem vielbeachteten Essay „Das Gespenst des Kapitals“ (2010) in präzisen Erkundungen berichtet.

Die menschlichen Seh-Erfahrungen sind mittlerweile von einer hohen Zahl wechselnder Reize geprägt: „Die Fußball-Matrix“ von Christoph Biermann, Buchcover

Wie stark inzwischen auch das Kino – in Vermarktung und Ästhetik – vom Fetisch der Geschwindigkeit erfasst ist, zeigt eine elektrisierende Parallele, von der Sportjournalist Christoph Biermann in „Die Fußball-Matrix“ (2009) berichtet. Unsere Seh-Erfahrungen seien bei der „durchschnittlichen Zeit des Ballbesitzes auf internationalem Spitzen-Niveau und der Einstellungslänge von Hollywood-Blockbustern“ mittlerweile bei einer Zeitspanne unter zwei Sekunden angekommen. „Wenn uns heute etwas fesseln soll“, so Biermann, „bedarf es offensichtlich einer hohen Taktzahl wechselnder Reize.“

„Erhebt Eure Ärsche!“

Und wo befinden wir uns heute im Hinblick auf die Vermarktungsprozesse des Kinos mittels DVD? Wie verändert sich unser Blick auf Filme im Zeichen des rasanten technischen Wandels? Welche Rolle spielt dabei die Digitalizität? Und welche die neoliberale Ideologie im ökonomischen Dreieck zwischen Flexibilität, Aktivität und Risiko? Diese Fragen stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit von Jan Distelmeyer, Professor für Mediengeschichte und -theorie an der Fachhochschule und Universität Potsdam. In seiner wegweisenden Studie „Das flexible Kino“ (2012), die pünktlich zum 15. Geburtstag der DVD erschienen ist, entwirft der Autor einen faszinierenden mediengeschichtlichen Parcours im Zeichen der Digitalisierung unserer (Film-)Kultur.

Befürworter des guten alten Kinos: Film-Regisseur Luc Besson

Auch bei ihm treten sie wieder in Erscheinung: Euphoriker und Apokalyptiker. So etwa Luc Besson, Filmregisseur und Produzent, der vor einigen Jahren bekannte, natürlich habe er „jede Menge DVDs“, doch diese seien nichts anderes als „Postkarten vom letzten Urlaub. Sie erinnern mich an schöne Stunden. Die aber muss ich woanders erleben. Man muss Filme im Kino sehen. Also erhebt Eure Ärsche!“ Doch lohnt sich, jenseits solcher kulturpessimistischen Reflexe, der nüchterne Blick auf die Tatsachen – und den liefert Distelmeyer empiriegesättigt. So etwa, wenn er im Kapitel „Erscheinungsformen“ minuziös all die technischen Anreicherungen der Blu-ray Disc präzise unter die Lupe nimmt, um die Leistungsfähigkeit und die Vorteile dieses Speichermediums zu beschreiben: Audio-Kommentare, Interviews, Making-Of, Deleted Scenes, alternative Versionen, Easter Eggs, Multi Angle und vieles mehr. Sicher ist: Man wird künftig nicht mehr an Distelmeyers Studie vorbeikommen, wenn man im mediengeschichtlichen Diskurs der Gegenwart auf theoretischer Augenhöhe argumentieren will.

Medium der Restabilisierung

Und wie sieht das Kino im Kapitalismus der Zukunft aus? Ist die DVD nur ein weiterer technologischer Zwischenschritt der Evolution auf dem Weg in eine Flexibilisierungskultur im Zeichen von Video on Demand, Download to Own, virtuellen Tauschbörsen und riesigen Videotheken im Cloud Computing? Fest steht bisher: Die DVD hat seit 2002 den Platz als wichtigster Umsatzträger der Filmindustrie erklommen, und trotz „kontinuierlich sinkender Verkaufszahlen“ seit 2007 blieb die DVD „auch 2011 die bedeutendste und auch weit vor der Blu-ray rangierende Einnahmequelle der internationalen Filmindustrie“, so Distelmeyer. Wenn die Evolutionstheorie Niklas Luhmanns richtig liegt mit der Erkenntnis, dass auf Variation und Selektion immer ein dritter Schritt der Restabilisierung folgt, dann erweist sich die DVD bis heute jedenfalls als Medium der „Restabilisierung“ der Film-Industrie im Angesicht sinkender Kino-Zuschauerzahlen seit den frühen 1990er-Jahren.

Prägt die Zukunft des Kinos: die DVD

Die DVD, notiert Distelmeyer, sei „die folgenreichste und ökonomisch bedeutendste Antwort der Film-Industrie auf diese Dringlichkeit. Schon bevor das Dispositiv der DVD sich technisch-apparativ materialisierte, war es als Antwort auf die Dringlichkeit der Digitalizität daran zu erkennen, dass die Filmindustrie hierfür die historische Allianz mit der Unterhaltungselektronik und der Computer-Industrie suchte … Kurz: Für die Filmindustrie soll das Dispositiv der DVD die Filme radikal verändern und zugleich genauso belassen, wie sie sind. Das hat zur Folge, dass neben der Adressierung der nutzenden Subjekte als aktiv, computerisiert und mobil auch das genaue Gegenteil gehört – zugunsten der immobilen Installation des Home Cinema als heimische Re-Medialisierung des Kinos.“

TV-Serien als Kino der Zukunft?

Wohin die Reise künftigen Zuschauerverhaltens gehen könnte, hat jüngst ein Experiment des TV-Senders RTL II nahegelegt. An nur einem Wochenende zeigte man die komplette erste Staffel der vielfach gelobten, komplexen Fantasy-Serie „Game of Thrones“ des amerikanischen Qualitätssenders HBO. Holger Andersen, Programmchef bei RTL II, diagnostizierte, das Seh-Verhalten habe sich in diese Richtung verändert. Viele TV-Serien-Fans boykottierten schon seit geraumer Zeit die üblichen wöchentlichen 45-Minuten-Blöcke und warten lieber, bis die DVD-Staffeln auf dem Markt erscheinen. Daraus ergibt sich eine instruktive Parallele zum Roman, wenn nicht gar Konkurrenz: Ob überhaupt – und wenn ja, wann – eine Pause nötig ist, entscheidet der Leser oder Zuschauer. Die besten TV-Serien der Gegenwart erweisen sich inzwischen als ernstzunehmende Konkurrenz zur literarischen Gattung des Romans – und lassen zudem viele Kino-Produktionen mit Blick auf die Komplexität der Handlungsführungen und Figuren-Zeichnungen ohnehin längst verblassen.

Vielfach gelobte Fantasy-Serie mit Pionier-Funktion: RTL II zeigte jüngst die komplette erste Staffel von „Game Of Thrones“ an nur einem Wochenende

Überdies gilt, noch einmal mit Odo Marquard gedacht, für das Kino wie für alle Kunstformen: „Wichtiger als das Innovatorische ist auch und gerade bei der modernen Kunst, dass sie sehr langlebig sensibilisiert und orientiert. So kommt in die schnelle Welt die Langsamkeit hinein, die die Menschen in ihr nötig haben; denn Zukunft braucht Herkunft.“ Es bleibt dabei: Wenn man etwas über die Zukunft des Kinos in Erfahrung bringen will, muss man seine Herkunft aus dem Geist der DVD bedenken. Ohne Kenntnisse der medientechnologischen und kulturgeschichtlichen Diskurse ist nichts zu machen – allen Euphorikern und Apokalyptikern zum Trotz.

nächste Folge:
„Out of Sight“, „The Limey“, „Traffic“ und Co.
Cannes-Gewinner, Independent-Ikone und Kassenknüller: über das cinephile Multi-Talent Steven Soderbergh

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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