Susanne Haupt
11. April 2012

“Ein kleines bisschen Schmusigkeit inmitten von Chaos und Kotze”

Alex Gräbeldinger hat seine zweite Kolumnensammlung “Bald ist Weltuntergang, bitte weitersagen!” veröffentlicht. Zeit für ein kleines Interview

Ein Mann, ein Wort, ein T-Shirt statt Feinrippunterhemd: Alex Gräbeldinger

langeleine.de: Alex, Du machst direkt zu Beginn Deines zweiten Kolumnenbandes eine gewaltige Entwicklung durch, da Du endlich die Frau fürs Leben gefunden hast. Wie sehr hat das Dein Schreiben beeinflusst? Und hattest Du manchmal Sorge, den Ox-Lesern zuviel Schmusigkeit zuzumuten?

Alex Gräbeldinger: Hätte sich mein Leben seit meiner Hochzeit zu einem Rosamunde Pilcher-Roman entwickelt, würde ich anfangen, mir Sorgen zu machen. Zumindest würde ich darüber nachdenken, ob es nicht vielleicht besser wäre, zukünftig unter Pseudonym für ein anderes Klientel zu schreiben. Doch solange ich dieses Stadium noch nicht erreicht habe, werde ich den Ox-Lesern weiterhin auf die Nerven gehen. In der Hoffnung, dass man mir das kleine bisschen Schmusigkeit inmitten von Chaos und Kotze nicht allzu übel nimmt.

ll: Wie viel an Deinen Stories ist real und wie viel fiktiv?

Gräbeldinger: Meine Texte sind allesamt autobiografisch. Jedoch behauptet meine Lektorin, ich würde zur Untertreibung neigen, seitdem sie einmal eine ganze Nacht lang auf mich aufpassen musste.

ll: Was bedeutet Schreiben für Dich?

Gräbeldinger: Eine mühlselige Aneinanderreihung von Buchstaben, Wörtern und Sätzen. Trotzdem die beste Möglichkeit, mich mitzuteilen – verbal bin ich nämlich meistens noch schwerfälliger.

ll: Wie gehst Du mit den Menschen um, die in deinen Kolumnenbänden vielleicht nur den Klischee-Punk erwarten?

Gräbeldinger: Ich frage diese Menschen, was sie von einem Klischee-Punk erwarten, um aufklären zu können, ob ich ihren Erwartungen entspreche. Eine andere Möglichkeit wäre, dass man mir eine Liste mit sämtlichen Klischees zukommen lässt, damit ich ankreuzen kann, was auf mich zutrifft.

Unterhält in allen Lebenslagen: “Bald ist Weltuntergang, bitte weitersagen!” von Alex Gräbeldinger

ll: Was tust Du als Autor alles, um Dein Buch zu bewerben? Du warst gerade erst auf großer Lesetour, oder?

Gräbeldinger: Seit der Veröffentlichung meines zweiten Buches ist der eine oder andere Kilometer zusammengekommen. Doch dienen solche Ausflüge in erster Linie meinem eigenen Amüsement und nicht irgendeiner Werbe-Maßnahme. Ich bin gerne unterwegs, um Leute kennenzulernen. Und wenn mir ein netter Mensch im Anschluss einer Lesung ein Buch abkauft, freue ich mich natürlich umso mehr. Möchte man stattdessen bloß meinen Geschichten lauschen und danach ein bis hundert Bier mit mir trinken, bin ich weder beleidigt, noch bricht irgendein hart erarbeitetes Marketing-Konzept zusammen.

ll: Was waren die lustigsten Dinge, die Du auf Deinen Lesetouren erlebt hast?

Gräbeldinger: Wenn ich schon mal danach gefragt werde, berichte ich hier gerne das eine oder andere Erlebnis, anstatt es den Lesern unaufgefordert im Rahmen einer Kolumne unterzujubeln. Zum Beispiel hatte ich auf meiner letzten Lesung eine Dame zu Besuch, die mal die weltweit gesuchteste Kokain-Dealerin war, bevor sie ihre Haftstrafe in einem australischen Frauengefängnis verbüßte. Sie trank den gesamten Abend über Schnaps aus einer Wasserflasche, fasste den männlichen Besuchern in den Schritt und den weiblichen ins Dekolleté. Meinen Auftritt fand sie allerdings scheiße, was mich nicht weiter verwunderte – die Frau war schlichtweg eine Nummer zu groß für mich… Ein vollkommen anderes Ambiente bot sich mir, als ich neulich erstmals vor einem Publikum las, bei dem der Altersdurchschnitt bei über 70 lag. Zwar bin ich mir nicht sicher, ob die Gäste wussten, was sie erwarten würde, jedoch verkaufte ich am Ende des Abends tatsächlich Bücher an Rentner-Ehepaare. Und das, nachdem ich wenige Minuten zuvor Geschichten vorgetragen hatte, in denen ich beschrieb, wie ich in der Psychiatrie Sex mit einer Gummipuppe hatte oder mir einst im Drogenrausch in die Hose schiss. Währenddessen fühlte ich mich wie ein Enkelkind, das vor seinen Großeltern eine Beichte ablegt – mit zittriger Stimme und Angstschweiß auf der Stirn. Nicht minder befremdlich war die Lesung in einem Frisiersalon vor kichernden Hausfrauen. Ebenso wie die Einladung einer Schule. Wahnwitzigerweise hatte sich dort eine Schulklasse im Unterricht mit meinem Buch beschäftigt. Im Anschluss an die Lesung führte ich Small-Talk mit der Klassenlehrerin. Wir tranken Sekt, und ich bekam einen Projektbericht zu meinem Buch ausgehändigt. Solche Momente fühlen sich vollkommen absurd an.

ll: Wann wäre für Dich der Punkt erreicht, an dem Du diese Form des Schreibens nicht mehr aufrecht erhalten könntest?

Gräbeldinger: Nachdem ich bereits meinen Familiennamen ruiniert habe, werde ich die Suppe, die ich mir eingebrockt habe, zunächst einmal weiter auslöffeln. Und spätestens, wenn sich mein Leben zu einem Rosamunde Pilcher-Roman entwickelt hat, werde ich meinen Namen ändern und mich zusammen mit meiner Frau in eine einsame Fischerhütte zurückziehen.

Schon jetzt ein Klassiker: Cover von Alex Gräbeldingers erster Kolumnensammlung “Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl”

ll: Hast Du vor, irgendwann einen Roman zu schreiben?

Gräbeldinger: Zum Glück gibt es auch gute Autoren, die seit Jahrzehnten schreiben, aber noch nie einen einzigen Roman umgesetzt haben. Ein tröstlicher Gedanke, für den Fall, dass mich selbst niemals der Ehrgeiz packen sollte, einen Roman zu schreiben.

ll: Wie siehst Du den Punk heute? Braucht er lebenserhaltende Maßnahmen, ist er irgendwann nur noch Trend oder bleibt er einfach Punk?

Gräbeldinger: Trend hin, Punk her. Wer nicht Punk wird, der wird eben Astronaut, Tiefseetaucher, Angler oder Brummi-Fahrer. Bis zum Weltuntergang stecken wir ohnehin alle im selben Schlamassel fest.

ll: Wer sind Deine Vorbilder? Häufig wirst Du ja mit Jan Off in Verbindung gebracht, der auch für uns ein guter Vertrauter ist…

Gräbeldinger: No gods, no masters. Für einen Punk gehört es selbstverständlich zum guten Ton, keinerlei Vorbilder anzugeben. Jeglicher Versuch, einem Schwergewicht namens Jan Off nachzueifern, würde sowieso misslingen. Das scheitert in meinem Fall schon alleine an meiner schmächtigen Körperstatur. Wir können uns aber gerne darauf einigen, dass Jan Off der eloquenteste Mensch mit der Ausstrahlung eines Hooligans ist, der mir jemals untergekommen ist.

ll: Zu guter Letzt: Maya-Kalender – Schrott oder Weltuntergang? Und was wirst Du anziehen?

Gräbeldinger: Ich hoffe darauf, dass sich der Titel meines aktuellen Buches auch über den 21. Dezember 2012 hinaus als zeitlos erweisen wird. Doch um nicht Gefahr zu laufen, die letzten Minuten underdressed zu verbringen, werde ich zur Abschlussfeier anlassgerecht ein schickes Ballkleid tragen.

ll: Vielen Dank, Alex!

weiterlesen:
“Doch versucht vor allem, stets dabei gut auszusehen und bewahrt Haltung” -
Rezension zu “Ein bekotztes Feinrippunterhemd ist der Dresscode zu meinem Lebensgefühl” von Alex Gräbeldinger

(Foto: Pressefoto)

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Kategorien: Literatur, Menschen

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