Susanne Viktoria Haupt
2. April 2012

„Man verkennt mich auf das Unwürdigste“

Seitenansicht: „Ein Tag ist ein Jahr ist ein Leben: Rainer Werner Fassbinder“ von Jürgen Trimborn

Brach Tabus und verkörperte dabei die Problematiken einer ganzen Generation: Rainer Werner Fassbinder, Buchcover zu „Ein Tag ist ein Jahr ist ein Leben“

Zum dreißigsten Mal jährt sich nun der Todestag des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder, der schon im Alter von siebenunddreißig Jahren in Folge seines übermäßigen Drogenkonsums verstarb. Aus diesem Anlass brachte nun der renommierte Biographie-Autor Jürgen Trimborn, der schon mit Werken über Leni Riefenstahl, Hildegard Knef und andere für Aufsehen sorgte, ein Werk über einen der umstrittensten Männer der jüngeren deutschen Filmgeschichte heraus.

Trimborn berichtet schonungslos, objektiv und offen über Fassbinders unglückliche Kindheit, über die alles andere als gutbürgerlichen Verhältnisse und durchleuchtet auch dessen frühen Schul-Abbruch. Fassbinder verlies die Schule bereits mit sechzehn Jahren, um sich anschließend erst dem Selbststudium zu unterziehen – und dann später, allerdings erfolglos, mehrfach an Schauspiel- und Filmhochschulen zu bewerben. Mit dokumentarischen Talent zeichnet er Fassbinders Werdegang nach, von dessen Anfängen im Bereich des Theaters, dem Entdecken persönlicher Stars wie Hannah Schygulla, mit der er mehrere Filme umsetzte wie zum Beispiel „Liebe ist kälter als der Tod“, bis hin zu Fassbinders bisexuellen Beziehungen unter anderem zu Günther Kaufmann und seinem Hang zur Aggression. Genauso wie einst Fassbinder lässt Trimborn kein Tabu, keinen Skandal unberührt. Auch ein bisher unbekanntes Dokument der Filmbewertungsstelle Wiesbaden, die Fassbinders erstem 35-Millimeter-Kurzfilm „Der Stadtstreicher“ das Prädikat „Geschmacksverirrung“ verpasste, ist Gegenstand der Debatte.

Nachgezeichnet wird ein Leben voller Höhen und Tiefen und Drogen- und Alkohol-Exzesse, das sich aber mit einer gewaltigen und rohen Kreativität auszeichnete, die sich mit den Problemen einer wissbegierigen Generation auseinandersetzt. RAF, NS-Vergangenheit, Sehnsüchte und das fehlgedeutete Wirtschaftswunder sind die Themen, die Fassbinder mit seinen Produktionen aufgriff, und die der Autor korrekt zu deuten versteht. „Man verkennt mich auf das Unwürdigste“ hat Fassbinder einmal gesagt, und Trimborn zeigt, dass der Regisseur Recht hatte.

„Ein Tag ist ein Jahr ist ein Leben“ ist eine Biographie, die all das hat, was man sich von einer guten wünscht. Ohne Geplänkel geht der Autor in die Offensive, belegt seine Thesen mit über fünfzig Seiten voller Fußnoten und zeigt einen Mann, dessen Erbe in seinem Heimatland zwar unterschätzt, aber zumindest international sehr anerkannt wird. Das Buch ist nicht nur für Liebhaber von Fassbinders Filmen interessant, sondern für alle, die sich in die gesellschaftlichen Zustände der 1960er- und 1970er-Jahre und das Leben eines künstlerischen Rebellen vertiefen wollen.

Jürgen Trimborn: „Ein Tag ist ein Jahr ist ein Leben: Rainer Werner Fassbinder“, Biographie, 464 Seiten, Propyläen Verlag, ISBN-13: 978-3549074268, 22,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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