Marc Mrosk
4. April 2012

Die einsamste Telefonzelle Hannovers

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 17: Gefangen in Kontakt

Der städtische Einfluss liegt in sicherer Entfernung

Es war Frühlingsanfang. Ein Bedürfnis in mir machte sich breit, einen kleinen Ausflug zu machen. Einen Ausflug halt, den man mit weniger als fünf Euro in den Taschen realisieren konnte. Draußen in der Natur. Umgeben von Feldern und Wiesen, Wäldern und Seen. Wo kein Motorengeräusch den Gesang des niedlichen kleinen Finken stören kann oder wie ein geselliger Trinknachbar eines späten Abends an der Theke sprach: „Wenn du Rehe furzen hörst, dann ist der Seelenfrieden nicht mehr weit“. So ging ich die Landstraßen zwischen Wilkenburg und Hemmingen entlang. In meinen Kopfhörern rauschten die Wellen und auf der höchsten kam Israel Kamakawiwo’ole angesungen und hauchte was von einer wonderfulen Welt in mein Trommelfell, während der Geist von Alexander Supertramp an meiner Seite begierig zu den Baumkronen am Horizont stierte. In die Ferne, wo uns keiner stören würde.

Über die Leine hinweg, hinein ins große grüne Nichts

Ich war unterwegs in Richtung Arnum und Wilkenburg. Zwei verschlafene Nester, kurz vorm Eingang zum hannoverschen Dschungel in Wülfel. Ich schaute auf, sah die Störche, die unter den wenigen Wolken am Himmel flatternd ihre Spielchen spielen und spürte die freie Natur um mich herum. Ich blickte über die Felder, hier ein Acker, dort breite Wiesen für das Vieh und fragte mich, was denn dieser Kasten da mitten auf der Weide sollte. Ein Kasten? Nein, vielmehr eine Telefonzelle. Der romantische Gedanke an einen erholsamen Tag in der Natur wurde schlagartig überschattet von einer profanen Neugier, die ich aus der Stadt mitgebracht hatte. Es kam, wie es kommen musste: schnell war ich vor Ort, zog die Tür auf und sah einen (von außen her) intakten Telefonautomaten vor mir. Einen Schritt in die Zelle hinein gemacht und die Tür schnappte hinter mir ins Schloss. Bevor ich merkte, dass ich eingeschlossen war nahm ich mir den Hörer und lauschte. Ein Freizeichen. Tatsächlich. Ganz schien ich nicht verloren zu sein und war es zuerst noch mein Ziel, mich von der Welt gründlich abzusetzen, wollte ich nun schnellstmöglich wieder zu ihr zurück. Ich hing den Hörer wieder auf und sofort klingelte das Telefon. Ein natürlicher Reflex überkam mich und ich nahm ab und meldete mich standesgemäß. Was jetzt kam, klingt fast nach einem Märchen, ist aber genauso passiert.

Ein äußerst surreales Requisit vor natürlicher Kulisse…

Eine automatische Ansage erklärte mir, dass sich die Tür erst wieder öffnen würde, wenn ich mindestens 15 Minuten „vertelefoniert“ haben würde. Es musste kein einzelnes Gespräch sein, jedoch müssten alle Gespräche am Ende in der Summe mindestens diese Zahl ergeben. Was alles nur noch verkomplizierte – und mir erst auffiel, als die Stimme mich darauf hinwies -, war die Tatsache, dass das Tastenfeld keine Nummern hatte und sich nach jedem Telefonat wieder neu sortieren würde. Ich sehnte mich nach meinem Handy, doch das lag zu Hause. Ich wollte ja nicht gestört werden auf meinem Trip. in die Einsamkeit. Ein Anruf musste also her. Ein Gespräch. Ein langes Gespräch mit einem völlig Fremden.

Gesprächsversuche

Ich nahm also den Hörer, tippte sechs Mal auf das Tastenfeld und wartete bis sich eine ältere, männliche Stimme am anderen Ende meldete. „Hallo? Ich habe ein kleines Problem und sie könnten mir wirklich sehr behilflich sein. Wäre es möglich, dass Sie ihren Hörer für zirka 15 Minuten einfach neben das Telefon legen?“ „Klick“, und weg war der Typ. Die ersten 10 Sekunden hatte ich im Sack. Nur noch 14 Minuten und 50 Sekunden übrig. Ich wählte erneut und landete bei einer Frau mit südländischem Akzent. Ich tat mein Bestmöglichstes ihr mein Vorhaben zu erklären, versuchte es derweil auch als Telekommitarbeiter, doch gegen ein mürrisches „Auf Wiedersehen!“, war nichts auszurichten. Ich konnte es ihr nicht einmal verübeln. Trotzdem, so schwer konnte es doch nicht sein. War jegliche Kommunikation während der letzten Jahre auf ein solches Minimum beschränkt worden, dass es einem derartig schwer fiel ein Gespräch zu beginnen? Nach weiteren zwanzig Jahren Facebook und SMS werden wir vermutlich verlernt haben zu sprechen und nur noch fähig sein unser Gedankengut in zweizeiligen Postings unterzubringen. Scheiß was drauf. Das Sprechen hatte man aus gutem Grund gelernt und gegen ein ernsthaftes, vergnügliches Gespräch konnte doch niemand was haben. Ich wählte erneut und nach einigen Sekunden ertönte eine sanfte, junge Frauenstimme. Zehn Minuten blieben mir noch und schon nach den ersten beiden Worten, die ich vernahm, war ich mir sicher, dass ich nun einen Treffer gelandet hatte.

Was bleibt von einem Tag im Grünen? Ein Blick aus einer Telefonzelle und eine verpasste Gelegenheit

„Ich stecke in einer Telefonzelle fest“, sagte ich. „Findest du die Tür nicht?“, fragte sie. „Ich muss warten.“ „Worauf?“ „Du musst dich mit mir zehn Minuten unterhalten.“ „Und dann?“ „Bin ich frei.“ „Für immer?“ „Keine Ahnung.“ Ich kramte nach einer Zigarette in meiner Tasche, auch wenn ich mir sicher war, dass es ziemlich stickig in der Zelle werde konnte. Ich brauchte jetzt einfach ein paar Züge. Dazu einen guten Schluck Wasser mit der Vorfreude auf ein kühles Bier. So konnte es weitergehen. „Wie bist du da hineingeraten?“, fragte sie mich und ich erzählte ihr die eher unspektakuläre Vorgeschichte. „Sag mir, wo du gerade bist“, hakte ich nach und lauschte einer detaillierten Beschreibung einer kleinen Holzveranda mit Blick auf’s Meer hinaus. Eine schöne Lüge. Die Minuten verflogen und plötzlich sprang die Tür auf. „Es hat geklappt“, sagte ich erfreut und das Mädchen am anderen Ende freute sich mit mir. Jetzt musste ich weiter und wir verabschiedeten uns. Ich war wieder frei. Ein echtes Happy-End, nicht wahr? „Nicht ganz“, sagte Mr. Supertramps Geist neben mir und ließ die Telefonzellentür von außen zufallen. Ich hatte vergessen sie nach ihrer Nummer zu fragen…

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales

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