Henning Chadde
6. November 2006

Die Tiefen und Weiten der Kreativität

Multitalent mit vielen Facetten: Der Burgdorfer Autor und Künstler Stefan Heuer im Portrait

Mit dem Allround-Künstler Stefan Heuer unterwegs zu sein ist kurios. Ein normaler Stadtspaziergang entwickelt sich mit ihm schon mal zu einer Entdeckertour der etwas anderen Art. Unvermittelt bleibt Heuer stehen, begutachtet unscheinbare Fundsachen, die andere Menschen achtlos weggeworfen haben, und steckt sie wortlos, aber sichtlich zufrieden ein. Ein Sperrmüllhaufen am Wegesrand entpuppt sich als Vorhof zum Paradies, aber wer jetzt denkt, der Burgdorfer Künstler würde zerschlissene Sitzgarnituren oder ausgediente Kühlschränke abtransportieren, der wird enttäuscht. Einzig drei kleine, verrottete Pappscheiben ziehen sein Augenmerk auf sich und wandern in die Tasche. „Für später, für die Kunst“, sagt er beiläufig und nimmt das soeben noch geführte Gespräch ebenso konzentriert wie vorher wieder auf.

Stefan Heuer

Alles für die Kunst – Stefan Heuer

„Nun ja“, sagt Heuer, er sei zwar kein Messie, eher ein zwanghafter Sammler, aber in seinem Atelier sei schon so „einiges“ zusammengekommen, was bereits seit längerem auf die künstlerische Verarbeitung warte. „Das reicht von plattgefahrenen Fröschen und ausgestopften Tieren über Papier, Schrott und Metall bis Holz in jeglicher Form“, wischt er augenzwinkernd den Zweifel seines Gesprächspartners fort.

Und sogleich fügt er die Anekdote seines bisher kuriosesten Fundstückes an, eines halbverwesten Keilerkopfes. Den fand er auf einer Wanderung mit Freunden im Harz und konnte ihn selbstredend nicht liegen lassen. Da die Wanderung sich allerdings erst am Anfang befand, schleppte er sehr zur Unbill seiner Begleiter den Schweinskopf kurzerhand über 32 Kilometer für den Rest des Tages in einer Plastiktüte umher. „Die Wanderung war letztlich nicht sehr kommunikativ, da ich zu den anderen leider einen gehörigen Sicherheitsabstand halten musste. Es roch ein wenig…“, fügt der 35-jährige grinsend an. Und man grinst mit und ertappt sich schließlich dabei, unweigerlich selbst auf den Boden zu starren und nach Fundstücken Ausschau zu halten.

Stefan Heuer - Assemblage "lebenslänglich"

Stefan Heuer – Assemblage „lebenslänglich“

Wanderer zwischen den Welten

Um die Person Stefan Heuer zu beschreiben reichen kurz gesagt zwei Worte: absolute Vielseitigkeit. Als Autor und Schriftsteller gehört er zu den aktivsten und erfolgreichsten Literaten unserer Region. Allein in diesem Jahr erschienen zwei viel beachtete Einzelbände von ihm: die Novelle „Die Flügel der letzten Kastanie“ und der Lyrikband „favoritensterben“. Obendrein findet sich der Preisträger des Großen Lyrikwettbewerbes des C.H. Beck Verlages 2005 in unzähligen Literaturzeitschriften und Anthologien wieder. Stetig kommen bundesweit neue Veröffentlichungen hinzu.

Hauptamtlich arbeitet Heuer allerdings nicht als freier Autor und Künstler, sondern als Sachbearbeiter in der Verwaltung der Stadt Burgdorf. Aber auch hier lassen ihn die schönen Künste nicht los – er organisiert die gesamte Kulturarbeit der Spargelmetropole, von Klein- bis Großveranstaltungen jeglicher Couleur. Fast könnte man glauben, seine zweite kreative Leidenschaft, die bildende Kunst, fände in seinem Leben kaum noch gebührend Platz. Aber auch hier macht Heuer einen Staunen. Er liebt einfach die Gratwanderung zwischen künstlerischer Freiheit in mehreren Genres und einem bürgerlichen, gesicherten Broterwerb.

Stefan Heuer - Assemblage ohne Titel

Stefan Heuer – Assemblage ohne Titel

„Der Job gibt mir einfach die Sicherheit und Ruhe, nicht ausschließlich von der Kunst leben zu müssen“, betont der Vater eines fünfjährigen Sohnes. Zum einen müsse die Familie ernährt werden, zum anderen führt Heuer weitsichtig aus, sei es auch „ziemlich waghalsig in diesen Zeiten allein auf die Kunst zu setzen“. Denn materieller Produktionsdruck enge die Kreativität eher ein, als dass er inspiriere. Vom Bild des spitzwegschen „Armen Poeten“, der sich bei aller Armut allein der Kunst verschreibt, hält Heuer denn auch ausdrücklich wenig: „Was hilft es denn, wenn ich zum Beispiel kein Geld für neue Ölfarben habe? Ein neuer Malkasten kostet nun mal achtzig Euro. Wenn ich mir den trotz aller Authentizität nicht leisten kann, kann ich eben auch nicht malen.“

Von Lustbetontheit in künstlerischen Nischen

Zur Malerei und bildenden Kunst fand Stefan Heuer 1995. Trotz seines autodidaktischen Ansatzes legt er allerdings großen Wert darauf, ein Fachabitur in Gestaltung absolviert zu haben. „Die kunsttheoretischen und praktischen Ansätze und Techniken sind mir sehr wohl bekannt, allerdings habe ich keine weiterführenden Kurse belegt“, führt er aus. Die Kunst lasse er vielmehr „einfach auf sich zukommen“, denn er habe schließlich auch nicht die Wahl. Es ziehe ihn einfach „hin zu Kreativität und Ausdruck“. Bei der Malerei und der gestalterischen Auseinandersetzung mit verschiedenen Materialien schätze er vor allem den Ausgleich zur „sturen“ Schreibtischarbeit als Literat und Stadtangestellter: „Dabei steht für mich die Lustbetontheit absolut im Vordergrund.“

Stefan Heuer

Muss auch mal Pause machen: Stefan Heuer

Stefan Heuer ist sich bewusst, dass sich seine Schaffensgebiete Literatur und bildende Kunst nicht strikt voneinander trennen lassen. Vielmehr beeinflusse die Sprache immer auch die Kunst und umgekehrt. Heuer führt aus: „Außerdem fertige ich auch viele Collagen für Literaturzeitschriften an, beteilige mich an Künstlerbüchern und Mail Art-Aktionen mit Texteinschüben. Da verschwimmen die Grenzen, das macht Spaß.“ Und obwohl die Literatur bei Heuer auf dem Kreativplatz Nummer eins steht, genießt er als bildender Künstler umso mehr seine selbstgeschaffene Nische in der Schnittmenge zwischen Materialkunst, Collagen, Assemblagen und Ölmalerei.

Schwitters, nur ganz anders

Oft werde er auf seine Nähe zu Schwitters angesprochen, erzählt Stefan Heuer. Der hannoversche Dada-Künstler zählt unübersehbar zu seinen Vorbildern. Hinzu gesellen sich allerdings ebenso Max Ernst, Andy Warhol und Marcel Duchamp. „Wenngleich ich Schwitters-Fan bin, gehe ich an meine Arbeiten mit einer anderen Zielsetzung heran.“ Schwitters stelle in seiner Kunst einen Zeitbezug über die verwendeten Materialien her. „Ich verwende Sachen, die schon eine Geschichte haben. Durch die Komposition werden sie in einen neuen Bezug gesetzt und erhalten somit eine neue Geschichte.“ Und diese neuen Geschichten haben es in sich. Vielschichtig kombiniert Heuer die verschiedensten Materialien und Fundstücke zu einem neuen Ganzen.

Stefan Heuer - Assemblage ohne Titel

Stefan Heuer – Assemblage ohne Titel

Die Assemblagen werden durch Ölmalerei ergänzt, es finden sich Text-, Zeitungs- und Fotoausschnitte und historische Gebrauchsgegenstände bis hin zur Ölsardinenbüchse und Pommesgabel. Durch geschichtete Anordnungen bekommen sie eine physisch entdeckbare, hintergründige Tiefe und Dreidimensionalität, die den Betrachter fast körperlich in die Bilder hineinzieht. Und hat man diese Tiefen erst einmal betreten, lassen sie einen garantiert nicht mehr los. Und genau diese „Entdeckertour“ der etwas anderen Art hat der Künstler beabsichtigt. Tritt man dann etwas verstört, aber begeistert von den Bildern zurück, würde der Künstler einfach nur grinsen. Willkommen im Universum des Stefan Heuer.

Nicht verpassen:

Stefan Heuer ist am 10. November zu Gast im KULTURKIOSK von langeleine.de. Der 35-Jährige präsentiert eine Auswahl seiner besten Bilder auf einer Vernissage im Café Siesta.

Ausstellung im Mephisto

Anschließend sind Stefan Heuers Werke noch bis Mitte Dezember in einer großen Ausstellung im Mephisto zu sehen.

(Fotos: Henning Chadde, Stefan Heuer)

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Kategorien: Kunst, Literatur, Menschen

4 Kommentare

  1. Susanne Ibold sagt:

    Freu ich mich schon drauf. Gut gemacht.

  2. Stefan Heuer iast der beste Dichter aus dem Altkreis Burgdorf.
    Er schreibt neben seinen Gedichten auch Romane.
    Das er auch noch malt, war mir vorher nicht bekannt.
    Er ist mir auch durch seine Auftritte auf Lehrtes „Offenen Bühne“
    bekannt. In Google hat er mich mit über 58.000. Treffern weit überholt. Er wurde heute im Anzeiger für „Burgdorf und Lehrte“,
    gewürdigt. Jürgen, der Mann mit dem Hut aus Lehrte.

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