Matthias Rohl
24. April 2012

Filmgeschichte(n): „Out of Sight“, „The Limey“, „Traffic“ und Co.

Cannes-Gewinner, Independent-Ikone und Kassenknüller: über das cinephile Multi-Talent Steven Soderbergh

Zeitgenössischer Kommentar zu Godard: Steven Soderberghs „The Limey“, Pressefoto

Unter amerikanischen Cineasten kursiert der so genannte „Gene-Siskel-Test“ – und kleidet die Qualitätsfrage in kühles Understatement: „Ist der Film interessanter als eine Dokumentation über das gemeinsame Mittagessen der Schauspieler“ Wer hätte je gedacht, das Steven Soderbergh diesen Test im Lauf seiner Karriere einmal nicht bestehen würde? Und doch – sein Film „Ocean’s Thirteen“ (2007), in Amerika ein Kassenhit, hinterließ einen schalen Nachgeschmack. Wie das? Hatte der einst als Independent-Wunderkind gefeierte, versierte Stilist, der mit „Sex, Lügen und Video“ (1989) zum jüngsten Gewinner der Goldenen Palme in Cannes avancierte, sein Pulver verschossen?

Von den Niederungen der Nummern-Revue

Warum faszinierte uns Soderbergh im Abschluss seiner Ocean’s-Trilogie, nach den durchaus gelungenen Kassenmagneten „Ocean’s Eleven“ (2001) und „Ocean’s Twelve“ (2004), keine Sekunde? Weil die Helden hier so sehr zum Resultat ihrer pomadigen Stilisierung verkamen. Sie waren die Vollendung der Coolness, zelebrierten die perfekte Imitation ihrer selbst. Ihnen gelang alles – der Gegenspieler konnte nur tatenlos zusehen. Das war ja immer schon der Trick der Coolness: Sie bezog ihre innere Spannkraft stets aus der Selbstreferenz. Dass Blasiertheit als hohl gilt, heißt ja nicht zuletzt, dass der Held die starke Tendenz zum Narzissmus hat.

Coolness in Perfektion: Brad Pitt und Catharina Zeta-Jones in „Ocean’s Twelve“

Die Helden im Ocean’s-Team kreiselten im dritten Teil indes so sehr um sich selbst statt um die gemeinsame Sache, dass die ganze zur Schau gestellte Lässigkeit in die Niederungen einer Nummern-Revue abglitt, in der die lockere Attitüde von der routinierten Erstarrung kaum noch zu unterscheiden war. Und dass selbst ein Bühnen-Tier wie Al Pacino den Film nicht zu retten vermochte, sagte im Grunde schon alles. Da konnte sich das Karussell um Männer-Bündeleien, Maskeraden und Manöver noch so schnell drehen – Sonderbergh langweilte die Zuschauer auf handwerklich höchstem Niveau: „Ocean’s Thirteen“ war die gut geölte Maschinerie des klassischen „Heist-Movies“ im perfekten Styling eines hormondurchtränken Martini-Werbespots.

Erotik im Kofferaum

Zur Erinnerung: Steven Soderbergh, das cinephile Multi-Talent, galt in den 1990er-Jahren neben Quentin Tarantino als die vielleicht größte Hoffnung unter den aufstrebenden Regisseuren der jüngeren Generation nach „New Hollywood“, die ihre Karrieren verheißungsvoll im Independent-Milieu begannen – wovon der amerikanische Filmjournalist Peter Biskind in seinem Buch „Sex, Lies & Pulp Fiction“ (2005) in süffisanten Klatsch-Geschichten berichtet. Als sich aber nach Soderberghs Debüt „Sex, Lügen und Video“ weder mit „Kafka“ (1991) noch mit „Schizopolis“ (1996) Erfolg an den Kassen einstellen wollte, landete er mit „Out of Sight“ (1998) endlich doch noch den verdienten kommerziellen und künstlerischen Durchbruch. Die Adaption des Elmore-Leonard-Roman-Klassikers erzählte, ganz im Pulp-Fiction-Geiste Tarantinos, der damals sehr in Mode war, ihre Geschichte in kühnen Perspektiv-Wechseln und zerschossener Chronologie.

Virtous, aber kommerziell nicht der Durchbruch: Jeremy Irons als Kafka im gleichnamigen Film von Steven Soderbergh

Damit gelang dem begnadeten Maniac eine stilsichere Verwirr-Strategie, ein Mindgame-Movie erster Güte – und überdies die vielleicht erotischste Kofferaum-Szene der Filmgeschichte, in der sich Jennifer Lopez und George Clooney in hinreißender Spiellaune und bester Screwball-Comedy-Manier die Dialogbälle zuspielten. Und während Clooney seinen damaligen Ruf als „Sexiest man alive“ mit selbstbewusst smarten Manierismen gekonnt zur Schau stellte, bewies Erfolgs-Latina Lopez, wie heiß es aussehen kann, wenn man in einem hochgeschlitzten Chanel-Kostüm eine Pumpgun durchlädt. „Clooney, der weltgewandteste Dieb, seit Cary Grant in ‚Über den Dächern von Nizza‘ die Katze spielte, sieht ihr tief in die Augen, lächelt andeutungsweise, und versüßt sein Verbrechen mit Schmeicheleien“, schwärmte die New York Times.

Der Godard der Postmoderne

Kein Zweifel, Steven Soderbergh gehört nach wie vor zu den talentiertesten Regisseuren der Gegenwart – und hat dies immer wieder eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Was sich in „Out of Sight“ (1998) und „The Limey“ (1999) bereits andeutete, fand in „Traffic – Macht des Kartells“ (2000) schließlich seine oscargekrönte Vollendung: Die entfesselte Handkamera, dynamische Jump Cuts, die Eleganz der Fotografie, das subtile Spiel mit Farb- und Lichtwerten, die Raffinesse der präzise konstruierten und doch wie zufällig wirkenden Geschichten, abrupte Szenen- und Themenwechsel, die virtuose Sprengung der Chronologie durch Perspektiven-Wechsel und Zeitsprünge – all dies wirkte wie die postmoderne Vollendung der Nouvelle Vague, besonders „The Limey“, der in vielen Sequenzen wie ein zeitgenössischer Kommentar zu Jean-Luc Godards „Außer Atem“ (1959) aussah.

Benicio del Toro als Che Guevarra in Soderberghs Verfilmung

Und was diese Filme so stark machte – ihre spielerische Leichtigkeit, ihr Stilbewußtsein und ihre sorgsam kalkulierten Effekte – all das zelebrierte „Ocean’s Thirteen“ mit allzu dick aufgetragener Grandezza. Seht her, was ich alles kann! – so sprach Soderbergh in jeder Einstellung zu uns. Wir hatten nie Zweifel! – so schallte es zurück. Seine jüngeren Arbeiten – „The Good German“ (2007), „Che – Revolución“ (2008) oder „Che – Guerrilla“ (2008) – zeigen, dass man sich nicht sorgen muss um Soderberghs Ausnahmetalent. Vor allem gönnte man dem begnadeten Stilisten in den letzten Jahren gern das lautstarke Klirren in der Kasse, weil er uns und die Studio-Bosse immer wieder mit gewagten Kompromisslosigkeiten zu überraschen wusste: Man denke nur an „Voll Frontal“ (2002) und „Solaris“ (2002).

Vom Kino zur Bühne …und zurück?

Sonderberghs Filme beweisen: Kein Regisseur der Gegenwart balanciert so instinkt- und stilsicher auf der Schneide zwischen Box-Office-Erfolg und Independent-Experiment. Doch ließ ihn in seinen jüngsten Produktionen – „Contagion“ (2011) und „Haywire“ (2012) – das kommerzielle Glück unverdient im Stich. Enttäuscht und sicherlich auch ein wenig verbittert über die finanziellen Bruchlandungen, bekannte Soderbergh jüngst in einem Interview: „Man kann dieses Geschäft einfach nicht mehr ernst nehmen. Wenn ich mich weiterentwickeln will, muss ich alle Brücken dorthin hinter mir abbrechen. Ich muss alles auslöschen, was ich bisher gemacht habe, und mich neu erfinden … Das muss ich tun. Ich komme nicht zurück, bevor das passiert ist. Oder mir das Geld ausgeht. Ich werde weiter arbeiten, aber nichts von dem, was ich mache, wird mehr im Kino laufen. Vor zwei Jahren habe ich in Sydney ein Theaterstück inszeniert, kein klassisches Sprechtheater, eher eine Art Happening, eine szenische Collage – eine großartige Erfahrung. Ich will eine Sensibilität auf die Bühne bringen, die nicht durch traditionelle Vorlagen eingeengt ist. Im Theater bekommt man seine ganze Arbeit in einem Durchgang zu sehen, bevor man sie jemand anderem zeigen muss. Es ist, als sähe man den fertigen Film, bevor man ihn gedreht hat. Das ist toll.“

„Wenn ich mich weiterentwickeln will, muss ich alle Brücken hinter mir abbrechen“: Steven Soderbergh

Man kann es kaum fassen, und es drängt sich im Angesicht dieses melancholischen Flucht-Impulses die Frage auf, wie kaputt das Hollywood-Studio-System der Gegenwart bereits ist, wenn es seine kreativsten Köpfe aus den eigenen Reihen zu vertreiben beginnt? Daher ein Vorschlag zur Güte, Mr. Soderbergh: Kehren Sie Ihrem Film-Publikum nicht den Rücken! Machen Sie es wie Ihr Regie-Kollege Michael Mann. Entwickeln Sie ein Konzept für eine TV-Serie, legen Sie dies den Entscheidungsträgern eines Senders vor – und lassen Sie uns weiterhin teilhaben an Ihrem einzigartigen Talent. Eine HBO-Neo-Noir-Serie unter Ihrer alleinigen Regie: Wäre das kein lohnendes Projekt? Ihre Fans und Kritiker wären ganz sicher entzückt.

nächste Folge:
„Ginga – The Soul Of Brazilian Football“
Wie digital ist der moderne Fußball? Notizen zu einer Kulturgeschichte des Sports

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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