Marc Mrosk
3. Mai 2012

Verloren auf dem E-Damm

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 18: Notwendiger Fund

Auf und Ab und nichts zu finden

Was für ein beschissener Tag. Ach, was rede ich. Es sind gefühlte 32 Grad im Schatten und ich laufe den Engelbosteler Damm hoch und runter auf der Suche nach einem Portemonnaie. Natürlich nicht irgendeinem Portemonnaie, sondern meinem Portemonnaie. Die Sonne im Nacken, der Schweiß auf der Stirn. Abgründige Gedanken im Kopf. Meine Geldbörse liegt irgendwo da unten oder da hinten oder zwischen den klobigen Fingern eines Massenmörders mit zwanzig Leichen im Keller. Gerade jetzt durchtrennt er Gliedmassen einer jungen Frau mit der scharfen Kante meines Personalausweises. Oh Gott, hoffentlich hat mich keiner gehört. Dafür sperren sie mich am Ende noch ein. Ich lehne mich an das Straßenschild der Paulstraße und ich rufe Paul; wenn du auch nur ein wenig an Empathie für die Verlorenen dieser Stadt hast, dann schaffst du jetzt ein Wunder ran, aber zackig. „Hör mal zu, Junge. Ganz so einfach geht das nicht“, sagt Paul. Lieber Herr im Himmel. Ich höre Stimmen und betrunken bin ich auch noch. Wenn das die Polizei wüsste. „Junger Mann, können Sie sich ausweisen?“ „Hab ich verloren.“ „Was haben Sie verloren?“ „Wie war die Frage noch mal? Ist ja auch egal, die Antwort stimmt.“ In der Herrenstraße, in der Nähe vom Steintor gibt’s ein Fundbüro. Da sollte ich mal mein Glück versuchen. Tausend Brieftaschen und Schlüssel finden sich dort jährlich an. So viele Existenzen, so viele Geschichten.

Und für ein paar Minuten wird’s ein anderes Leben

Berlin gilt ja als die ehrlichste Stadt, was Fundmeldungen angeht. Wo steht Hannover? Wir sind in den Top Fünf der Städte, wo am meisten verloren bzw. geklaut wird. Daraus kann sich ein weiteres Kuriosum ergeben, das mir bei meinem drei- oder vierzehnten Auf- und Ab widerfährt. Ich finde eine Brieftasche. Natürlich nicht meine. Freilich denkt man an eine Fügung. Eine hellbraune Lederbörse, liegt sachte in der Hand, schmiegt sich weich an die Haut. Klappt sich fast wie von selbst auf und drinnen zwei verliebte junge 50-Euro Scheine. Von Falten keine Spur. Personalausweis, Führerschein, BahnCard, IKEA Family Card, Hobsykarte, etc. Es sind die üblichen Dinge vorhanden. Dazu zwei Visitenkarten. Peter P., Immobilienkaufmann. Gerd W., Metzgermeister. Die Brieftasche gehört allerdings Helmut H. Das Bild auf dem Perso wirkt verblasst, die Augen tief im Schädel drinnen, die Nase möchte flüchten, so weit steht sie vor und der Mund hängt schief, als ob Aufhängen ein Nagel vergessen wurde. Vielleicht tut er mir leid. Ungern gebe ich ein gutes Gewissen bei einer schlechten Tat zu. Wer macht das schon? Aber vielleicht hat er ja meins gefunden?! Natürlich nicht, du Idiot. Aber Helmut hat sich mir gerade vorgestellt. Er ist in mein Leben getreten. Einfach so. Helmut, ich grüße dich.

Bei Paul mache ich halt und suche nach Ratschlag

Ich geh zu Kebab 44, bestell mir einen großen Dönerteller und überlege mir, was zu tun ist. „Hat’s geschmeckt?“ fragt der Mann mit der Schürze wenig später und ich lüge, weil ich nicke. Doch damit komme ich zurecht. Vielmehr machen mir die fünf Hundert-Euro-Scheine, die ich in Helmuts Geheimfach ausfindig gemacht habe Sorgen. Ich gehe zur Kasse, zahle mein Essen und gebe ein saftiges Trinkgeld. Ich bedanke mich und verdeutliche noch einmal, wie sehr es mir geschmeckt hat. Doch nun lüge ich nicht mehr. Ich bin doch Helmut und Helmut hätte es mit Sicherheit geschmeckt. Wie viele Geldbörsen gehen am Tag in Hannover verloren? Wie viele davon werden gefunden, wie viele werden zurück gegeben? Normalerweise nimmt jemand das Geld heraus und wirft den Rest in den nächsten Briefkasten. In so einer Brieftasche liegt fast dein ganzes Leben. Ausweise, Kreditkarten, Fotos der Familie, Glücksbringer, persönliche Zettel und manchmal auch ein Liebesbrief von vor 20 Jahren. Menschen leben heute wahrscheinlich mehr mit ihren Handys, als mit ihren Brieftaschen, aber dennoch sind jene Schätze, die in Portemonnaies schlummern, durch nichts zu ersetzen. Was denkt sich derjenige, der nun gerade meine persönlichen Sachen durchkramt und sich in den Arsch beißen möchte, dass nicht mehr als drei Euro zu finden sind? Es war ein ungerechter Tausch, aber das passiert nicht gerade selten. So spielt das Leben.

Und ich schwöre mich nicht verleiten zu lassen

Ich entschließe mich ins Fundbüro zu gehen. Aber vorher schlendere ich ein paar Mal noch über den E-Damm. Mit neuer Identität, ohne den Gram im Leib ein Portemonnaie verloren zu haben, sondern viel mehr mit dem Glücksgefühl, eins gefunden zu haben. Leider spielt das Geld eine viel zu große Rolle in den Gedanken. Es muss fort. Ich zücke ein Stift aus meiner Tasche, notiere mir die Adresse vom Personalausweis und schwöre direkt vor der Christuskirche, dass ich die restlichen 480 Euro zurückschicken werde. Direkt an Helmut, per Einschreiben. Das Portemonnaie hingegen lege ich auf dem Stein neben dem Café ab. Für jemanden, der mal wieder einen Fund braucht, wenn er ihn dringend nötig hat

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales

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