Jörg Smotlacha
10. November 2006

Auf der Suche nach den Grenzen der Möglichkeiten

Niko Herdieckerhoff ist die One-Man-Band Cellolitis

Niko Herdieckerhoff ist Cellist mit Leib und Seele. Wenn er auf der Bühne sitzt und sein Instrument malträtiert, entfacht er einen Soundteppich, der die Zuhörer glauben lässt, ein komplettes Orchester sei am Werke. Durch den Einsatz verschiedener Sample-Techniken begleitet der Musiker und Sänger sein Cellospiel kongenial-vielstimmig als eigene Band. Dem Ideenreichtum sind keine Grenzen gesetzt: Herdieckerhoff legt verschiedene Stimmen übereinander, singt dazu und verfremdet seinen Cello-Sound durch Effekte und Klangcollagen. In seinem furiosen Soloprogramm äußert sich unüberhörbar die Leidenschaft eines Ausnahme-Cellisten für sein Instrument. Schnell wird deutlich: Hier ist ein Musiker auf der Suche nach den Grenzen der Möglichkeiten.

Niko Herdieckerhoff

Kongenialer Soundteppich: Niko Herdieckerhoff

Die Frage, wie Herdieckerhoff ausgerechnet zum Cello kam, ist schnell beantwortet. „Die meisten, die als Kinder anfangen, ein Streichinstrument zu lernen, bekommen das von den Eltern aufgedrückt.“ Und genauso war es bei ihm: „Eine Geigenstunde, eine Cellostunde, dann durfte ich aussuchen.“ Natürlich hatte die Mutter einen großen Einfluss, denn sie war selbst Cellistin. Der 6-jährige Niko fing an, sich für ein Instrument zu begeistern, das nun wirklich nicht alltäglich ist. Und die Liebe zum Cello hielt an. Später folgte ein Violoncello-Studium an der Hochschule für Musik in Würzburg und eine zweijährige Tätigkeit als Cello-Lehrer an der Chroma-Musikschule in Velmar. Dann wurde aus Niko Herdieckerhoff „Cellolitis“.

Niko Herdieckerhoff

Mit seinem Instrument groß geworden: Niko Herdieckerhoff

Vielseitig und intuitiv

Seit 2003 ist Herdieckerhoff selbständig. Und das erfolgreich. Mit seinem Cello hat er so unterschiedliche Künstler begleitet wie Schauspieler und Travestiekünstler, Bauchtänzer und Feuerschlucker, Literaten und DJs. Regelmäßig begleitet er unter seinem Künstlernamen „Cellolitis“ Improtheatergruppen und Bandprojekte. Dabei reizt es ihn, „schnell und intuitiv in die Probenprozesse einzusteigen“. Zuletzt hat er für das Berliner BAT Studiotheater gearbeitet, für das er die Musik zu Hanns Johsts „Schlageter“ schrieb. Das Stück aus dem Jahre 1932 erzählt die Geschichte einer nationalkonservativen Widerstandszelle in der Weimarer Republik und schlägt anhand des Titel-Helden den Bogen vom „Letzten Soldaten des Weltkriegs“ zum „Ersten Soldaten des Dritten Reiches“. Herdieckerhoff vertiefte sich in das Stück und fügte seinem musikalischen Horizont eine neue Facette hinzu: „Das ist Neugier, der Wunsch, etwas dazuzulernen. Mit jedem neuen Projekt kann ich Neues in meine Musik einbringen.“

Niko Herdieckerhoff

Für Niko Herdieckerhoff ist das Leben bunt

Neben der Theatermusik ist es aber auch die Filmmusik, für die sich Herdieckerhoff begeistert. Und so erinnert er sich gerne an seine Arbeit aus dem vergangenen Jahr für den Dokumentarfilm „Kindheit und Jugend in Bremen der 20-er bis 70-er“, die für ihn ein persönliches Highlight war: „Bei Filmmusik kann ich mich vergraben. Es ist eine tolle Freiheit, zuhause im Pyjama und mit einer Tasse Kaffee vor dem Laptop zu sitzen.“

„Nur Schauspiel hat nicht gepasst, nur klassische Musik auch nicht“

Doch bei aller Vorliebe für die akribische Feinarbeit an konzeptionellen Kompositionen, Herdieckerhoff wäre nicht Herdieckerhoff, wenn er nicht ebenso gerne live auf der Bühne stehen würde: „Ich möchte viel spielen, viele Auftritte haben. Jedes neue Publikum ist ein neuer Einfluss für mich.“ Bei seinen frühen Live-Auftritten entstand dabei auch irgendwann der Wunsch, etwas darzustellen, zu schauspielern. Herdieckerhoff nahm Unterricht und absolvierte Aufnahmeprüfungen an staatlichen Hochschulen. Doch er war unzufrieden: „Nur Schauspiel hat nicht gepasst, nur klassische Musik auch nicht“. Dann kam eine Freundin mit der rettenden Idee: Der Cellist absolvierte eine Clownsausbildung an der Schule für Tanz, Clown und Theater (tut) in Hannover.

Niko Herdieckerhoff

Musiker, Clown und (Welt-)Reisender: Niko Herdieckerhoff

2003 gründete Herdieckerhoff das Comedyduo „grandios-gnadenlos“ mit Sarah Hellein. Dann erfand er den CelloClown „Loschon“, der von den schwermütigen Klängen seines Cello-Spiels überwältigt in Tränen ausbricht. Heute träumt Herdieckerhoff vor allem davon, Auftritte in fremden Ländern zu bekommen: „Ich möchte die Welt sehen“, sagt er schmunzelnd und erzählt von einer Jam-Session, bei der er in Mecklenburg-Vorpommern einen 80-jährigen Bluesmusiker kennen gelernt hat. Bei aller Reiselust hat er aber immer eines vor Augen: seine Arbeit. Herdieckerhoffs Ziel ist es, sein Soloprogramm weiter auszufeilen: „Ich bin noch auf der Suche nach dem Gesicht“, sagt der Künstler. Und da schimmert es wieder durch, das Suchende, das Streben nach Perfektion. Dann verspricht Niko Herdieckerhoff schonmal eines: „Es wird politischer“.

Nicht verpassen:

Niko Herdieckerhoff ist am 10. November im KULTURKIOSK von langeleine.de zu Gast. Mit seiner One-Man-Band „Cellolitis“ präsentiert er harte Sounds und zärtliche Melodien, Songs über blaue Augen, Bomben und Abschied.

mehr Infos zu Cellolitis:
www.cellolitis.de

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Bühne, Menschen, Musik

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