Susanne Viktoria Haupt
21. Mai 2012

Mit dem Mittelfinger am Puls der Zeit

Seitenansicht: „Happy Endstadium“ von Jan Off

Alles geht in Flammen auf: Das Cover von Jan Offs „Happy Endstadium“

Wer kennt das nicht: Man sitzt entspannt auf einem Polizei-Revier und bekommt von einem Berufs-Aggressiven in Grün ordentlich die Fresse poliert. Die Kindheitserinnerungen und Landschaftsbilder, die in solch einer Lage am inneren Auge an einem vorbeiziehen, die Strategien, die man sich mit seinen Freunden für eine solche Situation ausgedacht hat, und der Gedanke an eine Frau namens Julia – all das hat Jan Off in seinem neuen Roman „Happy Endstadium“ festgehalten. Und mit Julia fängt für den Ich-Erzähler alles an. Für sie ist er aus seiner alten Bude ausgezogen und in eine linksautonome, sich vegan ernährende WG gegangen. Dort futtert er seinen Schinken heimlich allein im Zimmer und zischt sich vor den nächtlichen kiezbefreienden Aktionen verbotenerweise ein Bierchen rein. Und Julia ist zwar supersexy, aber auch noch radikaler und konsequenter als die herkömmlichen Linksautonomen in der Volxküche ums Eck, und so stolpert Offs Protagonist nicht nur von einer politischen Untergrund-Aktion in die nächste, sondern auch von einem Fettnäppfchen ins andere…

Bei der Lektüre von Jan Offs neuem Roman „Happy Endstadium“ bleibt kein Auge trocken, denn der literarische Schlagbohrer, der selbst aus der Punk- und Social-Beat-Szene stammt, verschont keinen Aspekt der Konflikte zwischen Linken und Rechten, Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht – alles wird mit seinen direkten und wortgewaltigen Sätzen bombardiert und argumentativ auseinandergebröselt. Ähnlich wie in seinem Vorgänger „Vorkriegsjugend“, in dem Off sich der Sehnsucht der Heranwachsenden nach ein bisschen mehr Punk widmete und gleichzeitig ohne schlechtes Gewissen eben diesen aufs Korn nahm, hält sich der Autor auch in „Happy Endstadium“ nicht zurück und drückt den Mittelfinger tief in das Thema, ohne dabei anklagend daherzukommen. Offs Tonfall bringt die Leser zwar an den richtigen Stellen zum Lachen und unterhält gut, regt jedoch ebenso intensiv zum Nachdenken an und stellt festgefahrene Ansichten und Meinungen berechtigterweise in Frage. Dabei rückt Off deutlich vom Poetry Slam-Jargon ab und wird genau dort zum Gesellschaftskritiker, wo es zum einen angebracht ist, und es sich zum anderen auch nur einer wie Off erlauben kann. Der Hamburger serviert gewohnt versiert eine amüsante und lebensnahe Anekdote nach der nächsten, verliert aber den kritischen Fokus nicht aus den Augen. Schön zu lesen ist ebenfalls, dass Offs Protagonist so menschlich handelt, wie es uns von ihm und seinen Romanfiguren vertraut ist. Ein Scheiternder unter Scheiternden, dessen Macken und Fehler einem bekannt vorkommen und dennoch sympatisch erscheinen, zumal sie wesentlich harmloser wirken, als die der meisten Personen um ihn herum. „Happy Endstadium“ ist nah am Puls der Zeit und erfüllt all das, was wir uns von Jan Off erhoffen.

Jan Off: „Happy Endstadium“, Roman, 264 Seiten, Ventil Verlag, ISBN-13: 978-3931555368, 14,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

Ein Kommentar

  1. Jan sagt:

    Das Buch hab ich nicht gelesen, aber die Artikelüberschrift find ich extrem lässig.

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