Jörg Smotlacha
28. Mai 2012

Songs vom Ende der Welt

Das Verhör: „Hollow“ von Graveyard Train

Geister-Storys, Mörder-Balladen und jede Menge wunderbare Rock-Musik: „Hollow“, CD-Cover

Es wird höchste Zeit, dass diese Band zum zweiten Mal nach 2011 nach Deutschland kommt! Waren Graveyard Train im letzten Jahr noch so etwas wie ein Geheimtipp für Freaks, so haben sie inzwischen zumindest in ihrem Heimatland Australien den Status einer echten Kultband, und es würde nicht wundern, wenn es dem Sextett aus Melbourne schon bald gelingen würde, selbigen auch hierzulande zu erreichen. Denn Graveyard Train haben etwas geschafft, was zumindest bemerkenswert ist: Nach ihren beiden ersten Alben „The Serpent And The Crow“ (2008) und „The Drink, The Devil And The Dance“ (2010), die beide den rauen und unschuldigen Charme eines Debüts hatten, auf dem eine noch frische, neue Band vor Ideen nur so übersprudelt, haben sie ein drittes Werk vorgelegt, das noch großartiger ist. „Hollow“ heißt das Album und zeigt Graveyard Train auf dem Höhepunkt ihres Schaffensdranges.

Man muss diese Art von Musik natürlich mögen, die ein Kritiker einmal sehr treffend als „horror country drunken bearded stompy chain smashy madness ghost stories, murder ballads and tales of redemption crooned through melodies plucked directly from the afterlife“ beschrieben hat. Doch wer schon einmal Birthday Party, Nick Cave And The Bad Seeds oder die Beasts Of Bourbon – um nur ein paar wenige australische Brüder im Geiste zu nennen – gehört und nicht gleich mit dem Kopf geschüttelt hat, der wird Graveyard Train unbedingt lieben. Ausgestattet mit Waschbrett, Schlagwerk, Hammer und Ketten, Banjo und Harmonica, Gitarren aller Art und einem Chorgesang, der so bei kaum einer anderen Band aus dem Alternative-Bereich zu hören ist, glänzen die Jungs um Nick Finch und Beau Skowron vor allem durch ihre unbändige Spielfreude. Denn auch wenn ihre Songs gerne von Tod und Teufel, Monstern, Mumien und Mördern, Alkohol und Drogen, Hundebissen und Liebesleid handeln – dass die Australier eine Menge Spaß an ihrer Musik haben, hört man ihnen unbedingt an.

„Hollow“ startet mit dem groovenden „Get The Gold“, das die Hörer mit seinen entspannten Riffs sanft in die Irre führt, bevor das unheilvolle „I’m Gone“, das zugleich auch die Single-Auskopplung des Albums ist, klarmacht, wohin die Reise geht: Bluesiger und auch heftiger als die Vorgänger türmt „Hollow“ einen Berg von Song-Ungetümern auf, die allesamt kleine Wunderwerke sind, da sie, von verschiedenen Sängern gesungen, jedes für sich eine unglaubliche Geschichte erzählen. In „The Sermon“ trinkt der Protagonist auf jeden, der jemals geboren wurde, um sich von der Welt zu verabschieden, „The Doomsday Cult Blues“ klingt so dunkel, dass jede Gothic-Band vor Neid erblassen sollte, und das wunderbare „Mary Melody“ hätte unbedingt auf Nick Caves Album „Murder Ballads“ Platz gefunden, ist aber viel lustiger als der Altmeister und verführt zum sofortigen Mitsingen. Schließlich überrascht „One Foot In The Grave“ mit einem brachialen Ausbruch, bevor das Album standesgemäß mit dem epischen „The End Of The World“ schließt. „Hollow“ ist voller großartiger Musik, überrascht immer wieder durch ungeahnte Stilwechsel und besitzt einen verrückten Humor, den auf diese Weise wohl ganz besonders Australier haben. It’s only Rock’n’Roll, aber für den Rezensenten dieser Zeilen bisher eindeutig das Album des Jahres.

Graveyard Train: „Hollow“, CD, 11 Songs, 42:50 min., Spooky Records

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Musik

Kommentiere diesen Artikel