Susanne Viktoria Haupt
4. Juni 2012

Die Schwere der Erinnerung

Seitenansicht: „Vom Ende einer Geschichte“ von Julian Barnes

Tiefberührend und evident: Julian Barnes Roman „Vom Ende einer Geschichte“

Je älter wir werden, desto schwieriger wird es, sich an Dinge zu erinnern, die weiter zurückliegen. Manchmal, wenn ich mit Freunden über Vergangenes rede, dann bekomme ich ein befremdliches Gefühl, wenn diese sich an einige Vorkommnisse nicht mehr erinnern, die mir noch völlig scharfgezeichnet im Langzeitgedächtnis geblieben sind. Erinnerungen sind multimedial. Sie setzen sich aus Bildern, Gerüchen, Klängen und vor allem aus Gefühlen zusammen. Sobald wir an den Frühling denken, ruft unser Gedächtnis beispielsweise die Farbe des Flieders aus den letzten Jahren hervor, seinen anmutenden Geruch, und wie es sich anfühlt, einen Fliederzweig mit den Fingern abzuknicken. Und dennoch: Das menschliche Gehirn mag teilweise noch so erstaunliche Leistung erbringen, aber Erinnerungen sind eben auch ein ganz subjektiver Gegenstand. Sie können getrübt und in ihrem Wahrheitsgehalt abgewandelt werden und sogar durch die Zeit verblassen. So wie Woody Allen es einmal ausdrückte: „Und ich fragte mich, ob eine Erinnerung etwas ist, das man hat, oder etwas, das man verloren hat.“

Angenehmer Erzählfluss

In seinem aktuellen Roman „Vom Ende einer Geschichte“ beschreibt der britische Autor Julian Barnes genau diese Thematik, denn alles dreht sich um das individuelle Erinnern. Der Roman handelt in zwei Teilen von Tony Webster und seinen Freunden, insbesondere von dessem Freund Adrian Finn. Als Jugendliche im England der 1960er-Jahre stärken Tony und Adrian ihren Geist mit unendlich viel Literatur, mit klassischer Musik, neuen politischen Ansichten und dem Nachdenken über die Weltgeschichte, während sie nur verzögert etwas von der gesellschaftlichen Revolte mitbekommen. Zunächst dreht sich alles um Tony, Alex und Collin, die sich selbst als eine Art geistige Elite ansehen und die ihrer Ansicht nach weniger gebildeten Mitschüler schmähen. Als Gruppensymbol tragen sie ihre Uhr stets mit dem Ziffernblatt an der Innenseite des linken Arms. Eines Tages kommt ein neuer Schüler hinzu, Adrian Finn, der sofort und ohne jeden Hochmut beweist, dass er dem Trio geistig um einiges überlegen ist. Fasziniert von dem eigenartig in sich gekehrten und hochphilosophisch denkenden Jungen, freundet sich das Trio mit ihm an.

Barnes berichtet aus der Sicht von Tony von der gemeinsamen Oberstufenzeit der vier Jungen, von ihren ersten Erfahrungen mit Mädchen, der Schwierigkeit des Erwachsenwerdens und der durch den Universitätsbesuch entstandenen Distanz und der zerbröckelnden Freundschaft seiner Protagonisten. Der erste Teil des Romans endet schließlich mit dem Freitod von Adrian. Doch was auf den ersten Blick an den Roman „Der Club der toten Dichter“ erinnern mag, ist bei Barnes so viel mehr. Mit eleganter Sprache und einem äußerst angenehmen Erzählfluss schildert der Autor die Erinnerungen seiner Romanfiguren und lässt von Beginn an ein eindringliches Gefühl bei seinen Lesern entstehen.

Lesen als intimer Moment

Im zweiten Teil von „Vom Ende der Geschichte“ lässt Barnes einen Erinnerungskrimi entstehen. Tony ist mittlerweile Großvater, hat eine gute Ehe, eine problemfreie Scheidung und einen geraden und erfolgreichen Berufsweg hinter sich gebracht. Seine Hauptsorge gilt einer möglichen Alzheimer-Erkrankung, denn von seinen Erinnerungen lebt er bis heute. Unerwartet wird er plötzlich nach all den Jahren erneut mit Adrians Freitod konfrontiert, da ihm von der Mutter seiner Jugendliebe Veronica, mit der Adrian bis zu seinem Tod liiert war, Adrians Tagebuch sowie 500 Pfund vermacht werden. Das Tagebuch befindet sich jedoch bei Veronica, die es keinesfalls herausgeben will, und so beginnt Tony, seine Erinnerungen an Adrian, Veronica, seine Freunde Alex und Collin und an seine eigene Jugendzeit wieder aufleben zu lassen und das Bild, das er davon hatte noch einmal zu revidieren. Immer auf der Suche nach Indizien und Schlüssel-Erlebnissen, die ihm klarmachen, dass alles so ist, wie es jetzt ist, und die dennoch die Frage aufwerfen, ob die Dinge überhaupt so liegen, wie Tony immer dachte.

Mit „Vom Ende einer Geschichte“ hat Julian Barnes endlich den in England hoch angesehenen Booker Price für sich verbuchen können. Davor hat der 1946 geborene Schriftsteller mit etlichen Werken für Aufsehen gesorgt und große Erfolge gefeiert. „Flauberts Papagei“, „Liebe usw.“ und andere Romane gehörten zu den Vertretern der umstrittenen literarischen Postmoderne und brachten Barnes mehrere Male auf die Liste diverser Literaturpreise. Mit seinem Stil, seine Protagonisten direkt zu den Lesern sprechen zu lassen, baut er zwischen dem Ich-Erzähler, der Geschichte und den Lesern eine intimen Beziehung auf, die beinahe daran glauben lässt, man säße mit dem Erzählenden bei einem Glas Wein zusammen. Barnes‘ Werke liest man nicht nur, sondern man lauscht förmlich den Worten und mag seine Bücher kaum aus der Hand legen, da das dem unfreundlichen Unterbrechen einer sehr spannenden Konversation gleichkäme. „Vom Ende einer Geschichte“ ist ein leises, tiefgehendes, berührendes und sehr philosophisches Werk, das einen Platz im Bücherregal, im Herzen und in der Erinnerung verdient hat.

Julian Barnes: „Vom Ende einer Geschichte“, Roman, 192 Seiten, Kiepenheuer & Witsch, ISBN-13: 978-3462044331, 18,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel