Matthias Rohl
29. Mai 2012

Filmgeschichte(n): „Ginga – The Soul Of Brazilian Football“

Wie digital ist der moderne Fußball? Notizen zu einer Kulturgeschichte des Sports

Von der Ästhetik des modernen Fußballspiels: „Ginga – The Soul Of Brazilian Football“, Filmposter

In Brasilien ist Gott nicht tot, sondern rund. Alle Menschen spielen überall jederzeit Fußball und sind besessen von diesem Sport. Und selbst die Frauen am Strand von Rio de Janeiro zeigen beim Gelegenheits-Strand-Volley-Fußball unglaubliches Ballgefühl, das manchen deutschen Liga-Kicker vor Neid erblassen lässt. In zehn Episoden erzählt der außergewöhnliche Dokumentarfilm „Ginga“ (2005) von der heißen Liebe der Brasilianer zum Fußball und zeigt hoffnungsvolle Talente in Aktion. Produzent Fernando Meirelles („City Of God“) und seine Regisseure Hank Levine, Marcelo Machado und Tocha Alves lassen ihre Akteure von ihren Träumen und Hoffnungen erzählen und über ihren Kampf auf dem harten Weg von den Straßen der Favelas in die großen Vereine berichten. Aufstrebende Talente wie der Nationalspieler Robinho oder Futsal-Weltmeister Falcao zeigen in atemraubenden, blitzschnellen Ballmanövern ihr Können, welches sich den Zuschauern nicht selten erst in Zeitlupen erschließt. Dabei kennen die jungen Fußballer nur ein Ziel: die „Seleção“ genannte brasilianische Nationalmannschaft. Jenseits der jungen Talente schildern Stars wie Ronaldinho, Ronaldo und Roberto Carlos in ausführlichen Interviews die Faszination, die Fußball auf sie ausübt, und was „Ginga“ für sie bedeutet.

Erotik, Kinetik, Poesie

„Ginga“: In der brasilianischen Alltags- und Populär-Kultur schillert dieser magische Begriff in allen erdenklichen Farben. Es ist eine dieser semantischen Verzückungsspitzen, die niemand so recht zu erklären vermag, und die doch jeder Brasilianer sofort versteht. In ihren Obertönen klingen deutlich vernehmbar Schwingungen mit, die spielerische Körper-Beherrschung und Hochgeschwindigkeits-Tricks mit der Erotik der perfekten Bewegung des Tanzes assoziieren: Vielleicht übesetzt man deshalb „Ginga“ im Angesicht makelloser Kinetik am besten mit „Körper-Poesie“.

Körper-Poesie in Reinkultur: „Ginga“ zeigt atemberaubende, blitzschnelle Ballmanöver

Der emeritierte Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit hat in seiner ideenreichen Schrift „Tor zur Welt“ (2004) für den tieferen Zusammenhang zwischen der Körperpoesie und der Digitalisierung des Fußballs die Aufmerksamkeit geschärft, indem er eine Hymne auf den Ausnahmespieler Zinedine Zidane und dessen fantomatischen Stil anstimmte: „Der Mann ist körperlich so gut wie nicht greifbar auf dem Spielfeld. Spieler, die ihn gern foulen würden, wissen das am besten. Er entzieht sich. Er taucht auf, wo man ihn nicht erwartet, und ist dabei so gut wie immer anspielbar. Das heißt, er schaltet sich gedanklich und läuferisch in die Bewegungslinien des Balles auf dem Feld ein und nimmt vorweg, wo der Ball sich in einigen Sekunden befinden wird. Dort lässt er sich anspielen. Bei diesem Anspiel steht er oft mit dem Rücken zum gegnerischen Tor oder mit dem Rücken zu Gegenspielern. Das hat den Vorteil, dass er den Ball gegen eventuelle schnelle Grätschen oder ähnliche Störmanöver abschirmen kann. Oft läuft er mit dem Ball am Fuß sogar noch ein, zwei Schritte in Richtung eigenes Tor, auf jeden Fall aber dahin, wo ein wenig freier Raum ist. Oder er fintiert bei ruhendem Ball mit Oberkörper oder Hüften, womit er den Gegenspieler zu falschen Schritten veranlasst; in die entstehende Lücke stößt Zidane. Sein Abspiel nach vorn erfolgt oft ohne Sicht-Kontakt. Das heißt, Zidane hat im Moment der Ball-Annahme die Position all seiner Mitspieler vorne im Kopf gespeichert. Und ihre nächsten drei, vier Schritte dazu. Sein Abspiel erfolgt blind und vor allem schnell. Zidanes Qualitäten als Führungsspieler liegen gerade darin, dass er mannschaftsdienlicher spielt als irgendjemand sonst. Der Star ist er deshalb, weil er am schnellsten, am präzisesten die jeweilige Situation erkennt und ihre Möglichkeiten am effektivsten eröffnet … Genau diese Abläufe sind in der veränderten Raum-Auffassung am Spiele-Computer trainierbar. Je ‚kleiner‘ das Feld, desto wichtiger das Überraschungsmoment durch Taktik-Varianten, auf dem Feld wie am Monitor: Die fortwährende Erhöhung der Geschwindigkeiten ist Teil der Digitalisierung.“

Tracking der Zukunft

Theweleit erkennt in der kulturgeschichtlich bedeutenden Verschiebung des Rasensports vom perspektivischen zum gerasterten Raum die entscheidende Modernisierung des Spielstils unserer Zeit. An die Stelle der alten Raum- und Zeit-Ordnungskategorien trete der digitale Code, und das bedeute „ein Denken in Bildern und Formeln, das der alten alphabetischen Welt-Raum-Ordnung als unvereinbar gegenübersteht.“ Denn beim schnellen Kurzpass-Spiel der Gegenwart enstünden Linien als ein dichtes Netz, das sich deutlich von der langen geometrischen Flugball-Ästhetik der 1970er-Jahre unterscheide. Dort seien, so Theweleit, Tangenten, Dreiecke, Rechtecke auf dem Feld entstanden, eine raumorientierte, geometrische Mathematik – während heute die schnellen Ball-Stafetten „des modernen Spiels“ keine geometrischen Formen, sondern „Netzformen“ übers Feld spannen würden.

„Taucht auf, wo man ihn nicht erwartet“: Ausnahme-Fußballer Zinedine Zidane

Diese digitalen Netze lassen sich inzwischen sehr gut darstellen. Der Sport-Journalist Christoph Biermann hat in seinem detailsatten Buch „Die Fußball-Matrix“ (2009) beobachtet, wie die moderne digitale Technik des Trackings unweigerlich den Spielstil verändert: Mittels militärindustrieller Aufzeichnungssysteme und Wärme-Kameras, installiert unter den Tribühnen-Dächern der internationalen Stadien, gelingen inzwischen minutiöse Standort-Verfolgungen aller Feldspieler zur anschließenden Laptop-Analyse des Spiels. Man braucht keine überbordende Phantasie, um sich vorzustellen, wie der Fußball der absehbaren Zukunft weitere digitale Metamorphosen erleben wird. „Schon länger“, so Biermann, „wird daran gearbeitet, das Tracking verlässlich zu automatisieren. So wird eine entsprechende Software vermutlich schon bald die Video-Bilder eines Fußballspiels lesen können.“

Body Sampling: Young Urban Metrosexuals

Mit der Digitalisierung verändert sich auch das Milieu der Profi-Fußballer. Heute dominiert, so Theweleit, der „unalkoholisierte“ Jung-Profi mit Familie, „verspielt und selbstbewusst“, der sich im öffentlichen Raum eher als Model, denn als Kampfschwein darstelle. Auf die massenmediale Bühne tritt der Young Urban Metrosexual, Prototyp David Beckham. Frisuren-Wechsel, Nagellack, Frauenkleidung, Ganzkörper-Rasur und so weiter: All dies karnevalisiert Beckham nicht als Drag Queen, sondern in seiner Rolle als Model: Gay und Straight fusionieren im Image-Hybrid ironischer Mehrfach-Codierung und ikonischer Kreuzung. Gepflegt sein, aber trotzdem nicht schwul lautet heute die Losung. Die Medienwissenschaftlerin Birgit Richard bemerkt lakonisch: „Seit den 1990er-Jahren definieren sich auch homophobe heterosexuelle Männer, ohne es zu wissen, über schwule Gestaltungskriterien und Körperbilder.“

„Eher Model als Kampfschwein“: Mode-Ikone David Beckham

Der Metrosexual touchiert die visuellen Geschlechtergrenzen und „unterstreicht die eigene Sexiness, der schwule Touch wird zum Plus an Erotik.“ Und: „Der männlichen Körperbehaarung – wie auch schon lange der weiblichen – wird am Oberkörper und im Schambereich der Kampf angesagt: Die glatte Oberfläche gilt als positiv.“ Das Body Sampling des Metrosexual ist schicht- und klassenunabhängig und damit, auch im Fußball, Mainstream geworden. Der Young Urban Metrosexual fungiert als ein „Macho im Metro-Pelz, der sein klassisches Rollenverständnis unter einer modisch-aktuellen Hülle versteckt“ (Richard). Eines immerhin lässt sich schwer verkennen – das System Fußball profitiert sowohl von der Digitalisierung als auch vom Body Sampling: Es wird schöner. Die wachsende Zuschauerinnen-Anzahl in den Stadien der Welt spricht dafür.

nächste Folge:
„Wall Street“
Wie sieht Kapitalismus aus? Eine Antwort mit Oliver Stone

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Film

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