Marc Mrosk
6. Juni 2012

Tag der verschlossenen Türen

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 19: Türen, nichts als Türen…

Eine Brücke aus Türen

Am Morgen noch stand ich vor der Himmelstür. Erst beim Klopfen entdeckte ich die Klingel mit dem Vermerk: „Bitte dreimal klingeln. Der Hausherr hört schwer“. Darunter der Aufkleber: „Bitte keine Werbung einwerfen.“ Ich klingelte dreimal, viermal, fünfmal, doch niemand machte auf. Also zog ich mich an, stieg wieder hinab und suchte zwischen all den Abermilliarden Regentropfen einen trockenen Platz. Bis nach Herrenhausen musste ich fahren, um zu sehen, dass es keinen gab. Am Eingang zum Großen Garten wurde ich aufgehalten. „Fünf Euro Eintritt“, sagte ein Mann aus seinem kleinen Häuschen heraus, und ich bedankte mich mit einem Nicken für die Auskunft. Ich ging an der Gracht entlang und hielt Ausschau nach einer passenden Gelegenheit, um auf die andere Seite zu kommen.

Und da waren sie: Türen. Sie lagen da wie Steinplatten, die man in den feuchten Boden gepresst hatte. Auf der Wiese entlang des Wassers führten sie hinab zum Ufer, wo in meterlangen Abständen weitere Türen eine Brücke bildeten. Auf der anderen Seite stand eine einzelne Tür. Aufgebaut und erwartungsvoll, wer denn wohl bald klopfen würde. Es juckte mir in den Fingern. Wer würde öffnen? Vielleicht ein Bediensteter des Herzogs von Calenberg persönlich? Über 350 Jahre ist es her, als man hier anfing zu bauen. Sollte die Tür eine Pforte in eine andere Zeit sein, dann könnte sie mich nach Lust und Laune in die Vergangenheit oder gar in die Zukunft schicken. Ins Ende des 17. Jahrhunderts, wo der Herzog August noch mal richtig Ernst machte und seine Frau Gemahlin den Traum eines wundervollen Gartens hegte. „Lieber Ernst, wie einst in meiner Jugendzeit in den Niederlanden möchte ich den Großen Garten blühen sehen.“

So nah und doch unerreichbar auf der anderen Seite…

Das goldene Barockzeitalter, aber alles in allem vielleicht doch nicht ganz meine Zeit. Aber um einiges besser, als im Jahr 1943, als im Oktober bei einem Luftangriff der Alliierten das Schloss zerbombt wurde. Möglicherweise transportiert die Tür mich auch nur an einen anderen Ort. Natürlich machen das Türen. Man öffnet sie, geht hindurch und befindet sich an einem anderen Ort. Doch diese könnte den Ortswechsel vielleicht noch extremer gestalten. Ich öffne die Tür, gehe hindurch und komme irgendwo in Nordkorea wieder raus und dann erzähl da mal jemanden, wie du da gelandet bist. Kein guter Trip. Die Möglichkeit besteht auch, dass dadurch jegliche Türen irgendwo bewegt werden. Kühlschranktüre, Autotüren, oder auch Schranktüren und dann blicke ich plötzlich in das tote Gesicht von David Carradine, wie er da in einem Hotel in Bangkok heute vor genau drei Jahren erdrosselt im Kleiderschrank hängt. Auch darauf möchte ich gerne verzichten, doch ich die Gelegenheit wenigstens einmal an die Pforte des Schicksals geklopft zu haben wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Ich ging weiter in südlicher Richtung und ließ den majästetischen Anblick des Gartens auf mich wirken, auch wenn das meiste davon nur vor meinem geistigen Auge ablief. Baumreihen schirmten das Gelände ab wie eine Armee, die sich unendlich lang an der Graft entlang zog. Dann kam die eigentliche Brücke, die mich nun endlich auf die andere Seite bringen sollte, doch ein eisernes Drehkreuz hielt Wache davor. Es ließ sich nur im Uhrzeigersinn bewegen, was bedeutete, dass es keinen Weg hindurch gab. Es schien aussichtslos. Der Weg war versperrt. Andere Türen mussten her. Drei Jungs kamen mir entgegen geschlendert, jeder von ihnen drei Flaschen Herri in den Händen. Ein königlicher Ruf hallte über die Baumkronen durch den Regen hindurch und ließ meinen Verstand an Bodenhaftung verlieren.

Baumreihen schirmen das Gelände ab wie eine Armee…

„Was macht ihr denn da?“, platzte es aus mir heraus und so überrascht wie die Drei waren, von mir angesprochen zu werden, genauso spontan blieben sie sofort wie auf Kommando stehen. Ich zeigte auf das Bier, vermittelte ihnen unmissverständlich meine Sorge über die Zustände hannoverscher Jugendlicher im Zusammenhang mit dem Genuss von Alkohol und bat sie mir eine Flasche auszuhändigen.

„Schaut zurück, durch diese Tür. Da liegt eure Vergangenheit. Wohlbehütet, zielstrebig, optimistisch und nun schaut in die Zukunft. Da kann so einiges liegen. Achtet auf die Türen, die ihr öffnet. Irgendwann könnte es vielleicht auch ein Kleiderschrank in Bangkok sein.“ Sie schauten sich gegenseitig an und unterdrückten ihr Lachen, doch es machte mir überhaupt nichts aus. Ich fühlte mich königlich. Sie hatten ihren ganz persönlichen Don-Quixote-Moment und ich die feste Überzeugung ein tollkühner Adliger zu sein. Sie gaben mir tatsächlich ein Bier ab. Wahrscheinlich mehr aus Sensationslust morgen früh die Zeitung aufzuschlagen und von dem Verrückten aus Herrenhausen lesen zu können. „Der Durchgeknallte, der in Herrenhausen Amok gelaufen ist, den haben wir noch gesehen, haben sogar mit ihm gesproche, haben ihm ein Bier gegeben. Wahnsinn, Mann!“ Die Jungs zogen weiter und ich bog links in den Georgengarten ab. Im milden Frühsommerregenschauer genoss ich einen guten Schluck Herrenhäuser Pilsener und trat unters Dach des Leibniztempels.

Bei Leibniz fand ich schließlich Einlass

Hier blieb mir keine Tür verschlossen. War das nun die andere Seite? „Was sagst du, Gottfried?“ Er sagte gar nichts, aber einst hat er mal gesagt: „Gott hätte die Welt nicht erschaffen, wenn sie nicht unter allen möglichen die beste wäre“. Das ist doch beruhigend. Und so nahm ich noch einen Schluck und wartete zufrieden auf das Ende des Schauers.

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales, Lokalitäten

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