Susanne Viktoria Haupt
18. Juni 2012

Auf den Kopf gestellt

Seitenansicht: „Alles in Ordnung“ von Gerrit Wilanek

„Wenn alles über Dir zusammenbricht, dann kannst Du wenigstens die Sterne sehen“: „Alles in Ordnung“, Buchcover

Mitte dreißig, erfolgreich, genauestens durchorganisiert und überkorrekt. So präsentiert uns Autor Gerrit Wilanek den Protagonisten in seinem Debüt-Roman „Alles in Ordnung“. Dessen Leben läuft nach strengen gesellschaftlichen Regeln, den Gesetzen der Obrigkeiten, Normen, Werten und Zahlen. Bloß keine Netto-Lebenszeit verschwenden, lautet seine Devise – jeder Moment will genauestens genutzt werden. Nicht für die schönen Dinge des Lebens, sondern um den allgemeinen Aufgaben konsequent gerecht zu werden. Spontanität ist fehl am Platz, Risikos werden genauestens berechnet. Bis der Erzähler Sibido trifft, einen rebellischen Vertriebsleiter, der neben seinem eigentlichen Beruf dauernd über die Strenge schlägt, seinem Künstlerdasein nachgeht, sich für keine krude Nummer zu schade ist und die Menschen mit seinem Charme bezirzt. Zuerst bringt er den durchorganisierten und berechnenden Protagonisten dazu, wertvolle Zeit in der Nordstädter Szene-Kneipe „Extrakt“ zu verbummeln. Auch hilft Sibido ihm dabei, seine Traumfrau, die ebenfalls bestens durchorganisierte Tara, die als GEZ-Vertreterin arbeitet, anzusprechen und mit ihr in eine Therme zu fahren.

Revolte im „Rewe“-Markt

Bei der Lektüre von „Alles in Ordnung“ stolpern die Leser wie der Protagonist des Buches von einer Sibido-Situation in die nächste und dürfen sämtliche Erlebnisse genauestens nachlesen – in Akten festgehalten. Was zunächst ein wenig an die „Känguru-Chroniken“ von Marc-Uwe Kling erinnert, bei der Sibido das menschgewordene Känguru darstellt, entwickelt sich schlagartig zu einer Story, die tiefer geht. Denn nachdem er erst einmal einen Platz im Leben des namenlosen Protagonisten gewonnen hat, stellt Sibido nicht nur dessen Leben auf den Kopf, sondern auch sein eigenes, was ihn allerdings wenig aus der Fassung zu bringen scheint. Mit einer provokanten Kunstausstellung in der Kestnergesellschaft verliert er auf einen Schlag seine Verlobte Marie, die Gunst sämtlicher Bekannter und Arbeitskollegen und seinen Job. Und durch eine Revolte in einem „Rewe“-Markt bringt er nicht nur seine neue Angebetete namens Lorry um ihren Arbeitsplatz, sondern schließlich auch den sonst so gefassten Finanz-Controler zu einer für ihn ganz untypischen Liebeserklärung an Tara, die ihn ebenfalls den Job kostet. Was übrig bleibt, ist auf den ersten Blick so ganz und gar nicht in Ordnung, jedoch folgt Gerrit Wilanek in seinem Roman dem Prinzip „Wenn alles über Dir zusammenbricht, dann kannst Du wenigstens die Sterne sehen“ und lässt seine beiden neuen besten Freunde keinesfalls perspektivlos zurück. Denn schließlich waren sie mutig, auch wenn sie Angst hatten…

Leben für die Kunst

Gerrit Wilanek lies seinen eigenen Bürostuhl erst kürzlich leer zurück, um sich künftig einzig und allein der Kunst zu widmen. Als Mit-Initiator der „Loge 13“ und Poetry Slam-Teilnehmer, der in ganz Deutschland unterwegs ist, hat der Hannoveraner auf jeden Fall genug zu tun, um seine Lebenszeit mit besseren Dingen zu füllen als dem Herumsitzen auf Bürostühlen. Gänzlich rund geworden ist sein Debüt-Roman „Alles in Ordnung“ dennoch nicht. Länger hätte er sein können und ausgefeilter, doch kommt man beim Lesen nicht umhin, die Figur des Sibido ins Herz zu schließen, denn die hat eine Stimme, die offensichtlich schon lange in Wilanek herumzetert. Und das tröstet über den ein oder anderen Mangel des leider nur mäßig redigierten Buches hinweg, lässt auf eine Live-Performance der Episoden hoffen und vor allem darauf, dass Wilanek, der nun von beruflichen Zwängen befreit ist, sich möglichst bald einem neuen Werk widmet und uns in einen neuen Helden verlieben lässt. Damit er selbst keinesfalls in die „Alles in Ordnung“-Welt zurück muss.

Gerrit Wilanek: „Alles in Ordnung“, Roman, 154 Seiten, ISBN-13 978-3941552135, 10 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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