Susanne Viktoria Haupt
26. Juni 2012

„Virtuelle Realitäten und Cyberspace haben mich schon seit den 80er-Jahren fasziniert“

Beeindruckt von Superhelden und Alltime-Loosern: Hilmar Jess steuert für den Kulturkiosk neue Werke zu seiner Ausstellung „Kritsch Peng!“ bei. Ein Interview

Kunst mit Energie: Hilmar Jess in seinem Element

langeleine.de: Hilmar, wenn man Deine neuesten Werke betrachtet, fällt Deine Affinität zu Science Fiction und Comics auf. Was genau fasziniert Dich daran?

Cyborg Clone Hilmar: George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ haben mir die sozialkritische Sicht auf unsere Gesellschaft nähergebracht. Virtuelle Realitäten und Cyberspace haben mich schon seit den 80er-Jahren faziniert. „Neuromancer“ von William Gibson war ein Schlüsselroman für mich. Er erschien Ende der 80er und beschwor die Zeit der Cyberpunks herauf. Knapp 30 Jahre später hat uns die Zukunftsvision der Cyberpunks überholt. Fast jeder von uns jettet per Smartphone in jeder freien Minute durch virtuelle Welten. Fast schon ein bißchen gruselig. Comics haben mir schon seit über 30 Jahren den manchmal recht grauen Alltag versüßt beziehungsweise aufgehellt. So konnte ich stundenlang wunderbar in fremden Parallelwelten umherstreifen. Superhelden und Alltime-Looser fand ich schon immer klasse.

ll: Du bist seit vielen Jahren Teil der Katt-Werkstatt im Kulturzentrum Faust und erschaffst spannende Skulpturen und Lichtobjekte. Stellen Deine Video-Arbeiten und die aktuelle „Digital arts“-Serie eine Art abstrakten Ausgleich dar?

Cyborg Clone Hilmar: Absolut richtig! Da ich schon seit fast 19 Jahren in Hannover in der Katt-Werkstatt und in diversen anderen Ländern Plastiken fabriziert habe, nerven mich inzwischen die Grenzen und Kosten des Materials. Außerdem kommt noch die ewige schwere Schlepperei von A nach B hinzu. Digital arts eröffnen mir ein komplettes neues Universum an unbegrenzten Möglichkeiten, an jedem Ort und zu jeder Zeit kreativ zu sein. Kein Lärm und keine Beschwerden. Super.

ll: Welche Materialien benutzt Du für Deine Skulpturen und Objekte?

Cyborg Clone Hilmar: Für meine Plastiken verwende ich hauptsächlich Stahl, Holz, Stein, Plastik und diverse Fundstücke, die ich auf Straßen oder Flohmärkten auflese oder geschenkt bekomment habe.

Komplexe Kunst, die genau betrachtet werden will: Digital art von Hilmar Jess

ll: Wann stand für Dich fest, dass Du unbedingt künstlerisch aktiv sein möchtest?

Cyborg Clone Hilmar: Am Tag meiner Gesellenprüfung zum Groß- und Außenhandelskaufmann im Bereich Werkzeug, Maschinen und Stahl. Ich bin dann am gleichen Tag in einen Tattoo-Laden reingelatscht und habe mir das Platten-Cover des Albums „Comic-Krieg“ von der Band Abwärts auf meinen Arm tätowieren lassen. Der Name war Programm. Ich habe es nie bereut. Allerdings habe ich dann noch ein paar Jahr gebraucht, um meinen Weg zu finden.

ll: Du bist nun schon seit vielen Jahren fester Bestandteil der hannoverschen Kunstszene. Welche Entwicklungen kannst Du beobachten und wie schätzt Du die aktuelle Szene ein?

Cyborg Clone Hilmar: Mich nervt es schon, dass alles immer existenzieller und leistungsorientierter wird. Jeder Einzelne brät immer häufiger im eigenen Saft und hat kaum noch Zeit, nach links und rechts zu schauen. Eine Landeshauptstadt ohne Kunstschule finde ich unglaublich. Allerdings gibt es auch positive Entwicklungen: Zum Beispiel gefällt mir hier in Linden die Galeria Lunar, die ein starkes Programm hat. Und persönlich finde ich auch die Ausstellung „Made in Germany II“ interessant. Es gibt insgesamt durchaus neuen Wind in der Kunstszene. Darüber hat letztens auch ausführlich das Stadtkind berichtet.

ll: Für den Kulturkiosk wirst Du die laufende Ausstellung im Café Siesta noch mit ein paar neuen Arbeiten erweitern. Was können die Besucher erwarten?

Cyborg Clone Hilmar: Jedenfalls nicht, dass ich die Leute mit rein dekorativen Dingen bediene. Meine neuen Arbeiten sind komplex und man muss schon genauer hinsehen. Vielen Dank für die Fragen.

ll: Gern geschehen!

Nicht verpassen:

Hilmar Jess präsentiert am Freitag, dem 29. Juni, beim Kulturkiosk von langeleine.de neue Werke im Rahmen seiner laufenden Ausstellung „Kritsch Peng!“.

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Kunst, Menschen

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