Jörg Smotlacha
25. Juni 2012

„Mein Elektro ist nicht Dein Elektro“

Das Verhör: „Man müsste Klavier spielen können“ von den Beatpoeten

Unterhaltsam und bissig: „Man müsste Klavier spielen können“, CD-Cover

„Mehr Atomkraftwerke für den Eisbär, mehr Mauern für die Freiheit Europas, mehr Bild für mehr Meinung, mehr Frieden durch mehr Bundeswehr, mehr Polizei für mehr Sicherheit, mehr Arbeit für das Wohl der Familie, mehr Häuser für mehr Spekulanten, mehr Krieg für die Freiheit“. Die Beatpoeten aka Jan Sedelies und Costa Alexander sind zurück und überzeugen auch auf ihrer zweiten CD „Man müsste Klavier spielen können“ mit groovenden Beats und intelligenten Lyrics. Dabei fällt wie schon beim Vorgänger „Unterwegs“ (2008) positiv auf, dass die Musik und die Melodien zwar erstaunlich tanzbar sind, aber die Beats doch angenehm zurückgenommen bleiben, so dass die Texte und die in ihnen erzählten Geschichten genug Raum zur Entfaltung bekommen.

„Diese Nachwuchsliteraten, Poetryslammer, Lesebühnenaktivisten, denen nach 30 Jahren Rampensport im Fachblatt ‚Volltext‘ eine echt große Zukunft vorausgesagt wird, wenn sie nur elektronische Musik mit Lyrik verbinden – das ist mir zu kommerziell“. Sedelies und Alexander beweisen Selbstironie („Der Sachzwang“), erzählen Poetisches („Da ist Leben“), versprühen Spott („Gimmick“) und sezieren die Eigenarten ihrer Generation („Auf meinem Profil wird immer nur Werbung gepostet“) genauso wie die Macken der Gesellschaft („70.000 Worte“). Das ist Elektro-Musik für den Kopf und Lyrik für die Beine. Vor allem aber ist es äußerst unterhaltsam und streckenweise richtig witzig, denn in den zwölf Songs stecken musikalisch wie textlich viele unerwartete Wendungen und überaus nette, überraschende Gimmicks.

„Mein Elektro ist nicht Dein Elektro, Dein Elektro ist nicht mein Elektro, Deine Reime sind Schweinereime, meine Reime sind gar keine, mein Punkrock ist nicht Dein Punkrock, Deine Punkrock ist nicht mein Punkrock, und Deine Attitüde macht mich müde“. Wer Gitarren und Schlagzeuge nicht missen mag, wenn es um gute Musik hört, liegt bei den Beatpoeten sicher falsch und sollte die Finger von dieser Scheibe lassen. Wer aber Elektro, Experimentelles und Artverwandtes mag oder zumindest offen dafür ist, dass auch Elektro mächtig rocken kann und Punk vor allem Haltung und nicht Klischee ist, der wird sich mit „Man müsste Klavier spielen können“ bestens unterhalten fühlen.

Beatpoeten: „Man müsste Klavier spielen können“, CD, 12 Songs, 40:35 min., Twisted Chords

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Kategorien: Musik

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