Susanne Viktoria Haupt
2. Juli 2012

Frédéric, was war denn das?

Seitenansicht: „Ein französischer Roman“ von Frédéric Beigbeder

Wagt einen Blick das unbekannte frühe Ich des Autors: Frédéric Beigbeders „Ein französischer Roman“, Buchcover

Ein Schriftsteller wird nachts in Paris beim öffentlichen Koksen auf einer Motorhaube erwischt und unsanft von den Polizisten des noblen 8. Arrondisements festgenommen. Als reine Provokation verstehen die Gesetzeshüter diesen Akt, aber anders sind es Fans des französischen Autors Frédéric Beigbeder, der mit „Ein französischer Roman“ erneut einen autobiografisches Werk vorlegt, ja auch nicht gewohnt. Eingepfercht in einer zwei Quadratmeter großen Zelle, die weder Licht noch Behaglichkeit bereithält, wird Beigbeder vollkommen auf sich und seine Gedanken zurückgeworfen. Während er gerade erfahren hat, dass sein Bruder vom damals noch amtierenden Präsidenten Sarkozy für seine Leistungen innerhalb der französischen Wirtschaft geehrt werden soll, stellt er sich die Frage, warum Gott seinen Bruder so bevorzugt, ihn aber offenbar vergessen hat. Und da Beigbeder den Gedanken des Vergessens gerade aufgegriffen hat, fällt ihm auf, dass er keinerlei nennenswerte Erinnerungen an seine eigene Kindheit hegt. Deshalb begibt er sich auf die Suche nach seinen Erinnerungen und arbeitet das enge Verhältnis zwischen sich und seinem großen Bruder auf, legt Unterschiede offen, und markiert die Scheidung seiner Eltern als prägendes und verwirrendes Ereignis innerhalb seiner eigenen Biographie. Schließlich stellt der Autor seine gutbürgerliche Herkunft als Ursprung allen Übels in seinem Leben in Frage. Beigbeder lässt seine Leser teilhaben an seinen Urlaubserinnerungen, dem Problem der immerwährend auftretenden Gesichtsröte, seinen Komplexen im Kindesalter und der allgmeinen eigenen Unzulänglichkeit, die er andauernd in sich selbst verspürt. Aber er findet einfach keine wirklich schicksalshaften Erlebnisse, die das schwarze Loch in seinen Erinnerungen erklären könnten. Jeder Satz des französischen Star-Autors wirkt dabei wie ein für sich selbst stehender Ausruf, dem es schwer fällt, aufbauenden Bezug zum Folgesatz herzustellen. Vom Stil her ähnelt das den aneinandergereihten Passagen in Beigbeders Erfolgsroman „39,90“, jedoch halten sich die Erkenntnisse in „Ein französischer Roman“ leider in Grenzen.

Beigbeder hat eineinviertel Jahre an diesem autobiographischen Roman gearbeitet und die Begebenheit seiner Verhaftung ist authentisch. Nicht ohne Grund zählt er zu den medienwirksamsten französischen Schriftstellern, die viel Publicity durch Provokation und unangepasstes Verhalten erlangen. Klar, die Literatur benötigt seine Rebellen, und wer sich näher mit Beigbeder beschäftigt hat, der weiß, dass hinter dem Rebell auch ein intellektuelles Genie steckt. Allerdings fehlt seinem „französischen Roman“ eine eigene Linie, da die Situation der Festnahme, auf die der Autor immer wieder zurückkommt, von seiner eigentlich viel dringlicheren Identitätssuche ablenkt und Beigbeder anscheinend nur dazu gedrängt hat, sein Image als „Bad boy“ der französischen Gegenwartsliteratur aufrecht zu erhalten. Und so findet der Autor letztlich nicht zu einem befriedigenden Ausgangspunkt, der die eigene Gedankenwelt erklären könnte. Im Gegenteil: Am Ende bleibt die Rezensentin ratlos und literarisch eigentümlich unbefriedigt zurück und wundert sich über den – ihrer Meinung nach komplett misslungenden – Versuch des Autors, seine Kindheit mit seiner eigenen, heutigen Person nachvollziehbar und glaubhaft in Beziehung zu setzen. Ebenso erscheint der Stil auf Dauer etwas ermüdend. Vielleicht war das eben doch das Herz des ehemaligen Werbetexters in Beigbeder, das ihn dazu gezwungen hat, jeden einzelnen Satz wirkungsvoll aufzuladen. Aber vielleicht fehlte ihm für einen Roman dieser Kategorie dann doch einfach die Reife. Zumindest ist „Ein französischer Roman“ vergleichsweise ernster und schonungsloser gegenüber der eigenen Person als bei manch anderem Schriftsteller, der seine eigene Biographie schreibt.

Frédéric Beigbeder: „Ein französischer Roman“, Roman, 256 Seiten, Piper Taschenbuch, ISBN-13: 978-3492273794, 9,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

Logo Decius

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Literatur

Kommentiere diesen Artikel