Marc Mrosk
5. Juli 2012

Die Löcher meiner Stadt

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 20: Going underground

Einstieg in tief verborgene Parallelwelten: der Gully. Hier in der Bahnhofstraße

Es kam ganz unerwartet. Eine rostige Stimme trat in mein Leben. Sie hallte wie aus einer Höhle. Ich saß auf der Toilette, putzte mir die Zähne und die Stimme kam durch den Badewannen-Abfluss gekrochen wie eine Kakerlake, die unbedingt ans Ende des Tunnels gelangen muss: „Beim Pusteblumen-Schneiden und Schälen von Zitronen zog es mich tief nach unten – nun bin ich fern von oben“. Ich tat die Erscheinung als pure Einbildung ab. Erst einen Morgen später, leicht verkatert und lustlos in den Hüften, hörte ich das Schnauben eines Mannes zwischen den Klängen von Charlie Parkers „My Old Flame“ aus dem Gully auf der Bahnhofstraße, direkt vor dem Hauptbahnhof. Er holte tief Luft und dann blies er weiter.

Hannovers „Jazz-Gully“ ist nur eines von tausend bewohnten Löchern

„Die Stadt ist voll von mysteriösen Charakteren, die ein Leben im Untergrund gewählt haben“, schoss es mir durch den Kopf. „Stets in Kontakt zur Oberwelt durch schmale finstere Schächte. Ihre Gesichter halten sie im Verborgenen, nur ihre Stimmen hört man…“ Natürlich nur, wenn man Glück hat. Oder auch Pech, je nachdem, wie man es sehen möchte. Aber dazu später noch ein Beispiel. Der Gully an der Döhrener Mühle, nahe der Leine-Insel zählt zu den geschwätzigen Fällen. Eine männliche, ältere Stimme fragt meistens nach Zwei-Mark Stücken. Ich warf ihm eine Zwei-Euro Münze durch einen der Schlitze im Deckel und versicherte ihm, dass dies nun unsere Zahlungsmittel wäre. „Ich weiß, ich weiß, aber ich will trotzdem zwei Mark“, sagte er. „Aber mit zwei Mark kannst Du nicht mehr bezahlen.“ „Ich kann hier unten auch mit zwei Euro nichts bezahlen.“ „Was machst Du überhaupt da unten?“, fragte ich. „Über den Unsinn der Wirtschaft nachdenken.“ „Und zu welchem Ergebnis bist Du gekommen?“ „Umso tiefer du sinkst, desto weniger brauchst du.“

…und manchmal hören die Bewohner sogar das Gras wachsen

Eine junge Frau, die sich Alice nennt und ihren Sitz direkt neben der Siegessäule am Maschsee hat, versicherte mir, dass in jedem der zigtausend Gullys von Hannover irgendjemand, manchmal sogar zwei oder drei Personen beheimatet seien. „Du musst nur die richtigen Worte finden, und manchmal finden sie auch Dich und schon lernst Du die Leute kennen.“ Das ganze Kanal-Netz misst 2.500 Kilometer. Jede Menge Platz für Aussteiger, Flüchtlinge, Pechvögel, Leichtgläubige, Träumer, Ex-Knackis, ehemalige Universitätsprofessoren, Dichter, Philosophen, Geigen-Spieler, Jazz-Trompeter, Totengräber, Stadtneurotiker und was sonst noch so die Lust an der Oberfläche verloren hat.

Luxus-Appartement mit Seeblick: Gully am Maschsee-Nordufer

Stadtmusikanten zwischen Kröpcke und Karmarschstraße bekommen ihre Lieder aus dem dunklen Untergrund zugeflüstert, während ein Gully-Bewohner neben der Aegidienkirche seine größte Freude am Beleidigen von Passanten hat: „Ey Arschloch, machste’n Foto, Arschloch?“ Und eine alte Dame wundert sich, nimmt ihren Mann am Arm und zieht ihn zusammen mit seiner Kamera vom Ort der Beleidigung weg. „Der Ort ist verhext!“, ruft sie ihm ins Ohr und sucht das Weite. Die Gullys am Küchengarten in Linden stellen sich hingegen als Sekte vor. Ein geheimer Orden, der die Antworten auf alle Fragen zu haben scheint. Die meisten der Bewohner sind ehemalige Glücksspieler und Drogendealer, die nicht mehr wussten, wohin. Gewöhnlich legen sie ihre Schleier gegen 21 Uhr ab und plaudern aus dem Nähkästchen, während sie literweise Selbstgebrannten saufen.

Stramme Beleidigungen in christlicher Nachbarschaft: der Gully an der Aegidienkirche

Bei der Christuskirche wiederum gibt es ein Pärchen, nur wenige Meter voneinander entfernt. Sie behauptet, er sei tot, und er behauptet, sie sei ihm weggelaufen. Am Schünemannplatz in Ricklingen wiederum sitzt der italienische Dichter Dante Alighieri vereinsamt und halb verhungert mit einem – wie er sagt – blinden Leguan an seiner Seite und erzählt, die Stadt würde im kommenden Dezember im Erdboden versinken. „Aber sag mir, großer Dichter, warum spricht Du meine Sprache? Warum bist Du noch am Leben, und was soll der blinde Leguan?“ Leider beantwortet Dante keine Fragen, sondern redet einfach immer weiter…

Weder an der Christuskirche, noch am Schünemannplatz, sondern mitten auf dem Platz der Weltausstellung: Auch hier?!

Die Stadt ist voll von solchen Löcher. Überall. Tausende leben unter uns im Verborgenen. Auch an Zuwanderern mangelt es nicht. Die Leute verschwinden einfach von der Oberfläche. Der 22-jährige Santos aus Döhren goss sich eines Morgens Kaffee in seine NYPD-Tasse, als ein leises Stöhnen aus dem Spülbecken-Abfluss kam. Der junge Klempner schenkte dem keine große Beachtung, denn von Arbeit wollte er zu diesem Zeitpunkt noch nichts wissen. Knapp eine halbe Stunde später erreichte ihn eine Stimme auf Höhe der Geibelstraße, die ihm riet, heute der Arbeit fernzubleiben. Dies waren die letzten Worte an einen Bekannten, mit dem er zu dieser Zeit per Handy telefonierte. Nach dem Gespräch wurde Santos nie wieder gesehen. Einfach weg, verschwunden, aus welchen Gründen auch immer. Vielleicht nicht immer gewollt, aber stets vollzogen. „Geh heute nicht dorthin“, hallt es manchmal aus den Löchern, und nicht wenige fangen tatsächlich an, darüber nachzudenken. Und warden nie wieder gesehen…

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover

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Kategorien: Literatur, Lokales

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