Susanne Viktoria Haupt
16. Juli 2012

Detailverliebt und melancholisch

Seitenansicht: „Geschichten aus der verbotenen Stadt“ von Patrick Schmitz

Kummervolles Skelett: Cover „Geschichten aus der verbotenen Stadt“ von Patrick Schmitz

Comics sind nicht nur was für Kinder. Spätestens seit der Serie „Big Bang Theory“ und der allgemeinen Nerd-Welle sind Comics wieder so hoch im Geschäft, dass es fast uncool ist, wenn man sich nicht ab und wann den bunten Bilderwelten zwischen zwei Buchdeckeln widmet. Glücklicherweise kommt Patrick Schmitz‘ Comic-Band „Geschichten aus der verbotenen Stadt“ ganz anders daher und war auch schon lange vor dem Trend präsent – zum Beispiel als Comic-Serie auf einem ehrenwerten Online-Journal namens langeleine.de. Nun sind die beliebten Geschichten, die zu einem Teil in Hannover und zum anderen Teil in Braunschweig spielen, endlich in Buchform erhältlich. Ohne die üblichen Sprechblasen und große Erklärungen und mit minimaler Farbnutzung skizziert Schmitz Geschichten rund um einen Mann beziehungsweise eine Art Skelett-Alien, der so einiges durchgemacht hat und immer noch durchmacht. Zumindest scheint es so, denn die Geschichten sind – auch wenn sie in nummerierte Episoden unterteilt sind – auf die vielfältigste Art les- und interpretierbar. Auf der einen Seite könnte man zu Beginn glauben, dass das der Protagonist zunächst in Hannover ankommt, um sich dort auf die Suche nach der großen Liebe zu begeben. Andererseits erschließt es sich im Lauf der Geschichte, dass er unter großem, existenziellem Kummer leidet, da sich seine schwer erkrankte Freundin schließlich das Leben genommen hat und ihn dies dazu führte, seine Heimat Braunschweig Richtung Hannover zu verlassen, um dort ein neues Leben zu beginnen. Die Lese-Weisen sind wirklich zahlreich, aber immer skurril und mit einer gewissen Melancholie und einem eindringlichen Gefühl von Einsamkeit behaftet. Mit großem Aufwand kommen die Zeichnungen daher, sind sehr detailverliebt und vom grafischen Aspekt hochwertiger als so manch anderes, was uns in Comic-Hinsicht derzeit über den Weg läuft. Langweilig wird es trotz des kommpletten Verzichtes auf Text und einer dezenten Orientierungslosigkeit im Hinblick auf den Verlauf der Story nicht. Die einzelnen Episoden ziehen den Betrachter durch die detailgenauen Zeichnungen völlig in den Bann, so dass es ein Leichtes ist, sich in den Geschichten zu verlieren und den Episoden mehr als einmal seine Aufmerksamkeit zu schenken. Um erneut nachzusinnen und nicht zuletzt immer wieder etwas Neues zu entdecken.

Patrick Schmitz, geboren 1971, ist Comic-Zeichner, Illustrator, Poetry Slam Master und -Organisator in Braunschweig und Betreiber des Buch- und Self-Made-Art-Ladens KingKing Shop, in dem man nahezu alle Werke aus der bundesdeutschen und braunschweiger Poetry Slam-Szene findet. Wer umtriebig in diesen Bereichen ist, dem werden schon etliche Illustrationen von Pottzblitz – wie er sich selbst nennt – über den Weg gelaufen sein. Zum Beispiel in Form der Plakate für die Braunschweiger Poetry Slams. Wiedererkennungswert haben seine Arbeiten auf alle Fälle. Und stets lohnt sich der berühmte, zweite Blick. Beachtenswert.

Patrick Schmitz: „Geschichten aus der verbotenen Stadt“, Comicband, 99 Seiten, Blaulicht Verlag, ISBN: 978-3-941552-17-3, 9,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Kunst, Literatur

Ein Kommentar

  1. Pottz sagt:

    Super Rezension, vielen Dank dafür…. Nur ein kleiner Fehler: Nicht King Kong Shop, sondern KingKing Shop…. aber es gibt schlimmeres….

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