Jörg Smotlacha
23. Juli 2012

Jenseits aller Genres

Das Verhör: „L’Art Brut“ von Wraygunn

Seltsam rockige Song-Gebilde aus dem Land des Fados: Wraygunn aus Portugal

Denkt man an Musik aus Portugal, kommt einem als erstes der Fado in den Sinn – jene traurig-melancholische Stilrichtung, die übersetzt „Schicksal“ bedeutet und vor allem in den portugiesischen Großstädten so gerne zelebriert wird, wobei die Künstler von unglücklicher Liebe, sozialen Missständen, dem Hinterhertrauern vergangener Zeiten oder der Sehnsucht nach einem besseren Leben singen. Gänzlich anders klingen Wraygunn aus der im Westen des Landes gelegenen Stadt Coimbra. Die 1999 gegründete Band, deren Musiker auch noch in diversen anderen Projekten beschäftigt sind, besticht mit einem schillernden Mix aus Blues, Soul, Gospel und Rock und wurde 2008 für einen Globo de Ouro in der Kategorie Beste portugiesische Band nominiert. Nun ist das aktuelle Album „L’Art Brut“ erschienen und es macht seinem Namen alle Ehre, denn so roh, elektrifizierend und gleichzeitig cool klang lange keine Platte mehr aus Portugal.

„L’Art Brut“ beginnt beinahe verhalten mit „Tales Of Love“, das auf einem monotonen Beat basiert, zu dem Frontmann Paulo Furtado, Insidern auch als Solo-Artist The Legendary Tigerman bekannt, Geschichten erzählt. Und während „Don’t You Wanna Dance?“ mit seiner gezupften Gitarre und seinem Background-Chor fast aus den 1950er-Jahren stammen könnte – wenn da der Sänger nicht wäre -, gibt sich „Kerosene Honey“ sehr soullastig. „Strolling Around My Hometown“, „That Cigarette Keeps Burning“, „Track You Down“ – es folgen eine Reihe von seltsamen Song-Gebilden, die schwer grooven, aber stilistisch nicht leicht einzuordnen sind, entzieht sich ihr schräges Wechselspiel zwischen schwülem Blues, coolem Funk, abwechselndem Frauen- und Männergesang doch allen gängigen Genres. In Lissabon gelten Wraygunn jedenfalls schlicht als Indie-Rock. Und während Paulo Furtado in seinen lauteren Momenten, wie zum Beispiel auf „I’m For Real“, ein wenig an Jon Spencer erinnert, gestaltet die siebenköpfige Band die Instrumentierung von ganz laut bis ganz leise. „L’Art Brut“ endet schließlich so seltsam, wie das Album auch schon begann – mit dem epischen, langsam ausklingenden „Cheree“. Eines haben Wraygunn am Ende dann aber doch mit dem guten alten Fado gemeinsam: Ihre Songs handeln von unglücklicher Liebe, sozialen Missständen, dem Hinterhertrauern vergangener Zeiten und der Sehnsucht nach einem besseren Leben. Hörenswert.

Wraygunn: „L’Art Brut“, CD, 12 Songs, 48:10 min., Nortesul

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Kategorien: Musik

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