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Warten aufs Glück

Die rote Reihe – literarische Stadtteilspaziergänge. Teil 21: The lady in red

Das Warten hat begonnen…

Ein unberechenbarerer Himmel mit listigem Blau und tückischen Wolkengruppen. Sie näherten sich der Sonne, wie eine Horde wilder Tiere, im Begriff gleich den armen, kleinen Feuerball in tausend Teile zu zerfetzen. Die Sonne hat es dieser Tage nicht einfach. An jedem Tag, wo sie nicht auftaucht, macht man sie verantwortlich für schlechte Stimmungen und feuchte Füße, Hauptdarsteller sind oft tropfnasse Guerilla-Gärtner, ausgestattet mit Spaten und Schwimmflügeln mitten in den Ozeanen ihrer überfluteten Kleingärten.

Die Sitze noch leer. Das Rennen liegt noch eine Stunde entfernt

Eine Schachtel Camel. Da lag sie auf dem Tisch. Wir warteten und rauchten. Wir tranken Bier und rauchten noch mehr. Der Kopf wurde immer leichter und hoch oben zogen schon wieder dunkle Wolken auf. Sorgenfalten machten sich auf unseren Stirnen breit, stets mit dem Blick gen Himmel gerichtet, dazu ein kleines Wettergebet in der geistigen Reserve für alle Fälle. Wir hofften und warteten. Wir warteten auf den Sonnenschein, auf den Sommer generell und auf die Pferde, die uns zum Glück galoppieren sollten. Ascot-Renntag auf der Neuen Bult. Wir schrieben den 15. Juli 2012. Ein lauer Sonntag, mit weitaus mehr Menschen die gähnten, als lächelten. Auch hier in den lebensfrohen Badlands von Langenhagen. Es musste am Wetter liegen. Das erste Rennen würde in wenigen Minuten beginnen. Ich überflog die Rennliste und entschied mich aus gegebenem Anlass für das Pferd mit dem Namen „Winterzeit“. Platzwette, was bedeutet, dass es mein Hengst nur unter die ersten Drei schaffen musste. Das schien mir eine sichere Angelegenheit zu sein. Siegesfeier zum Greifen nah. Exzessiver Siegestaumel mit Champagner und Puffreis inklusive. Mein Kollege entschied sich für „Turfjäger“, Siegwette. In seinem Fall musste das Pferd also als erstes durchs Ziel galoppieren.

Wolken und Menschen versammeln sich auf und über der Rennbahn

Die Wetten waren platziert. Wir warteten erneut, nicht nur auf den Start, sondern auch auf eine Dame, die ich, auf Wunsch meines Kollegen einladen sollte. Über die Hannoversche Allgemeine inserierte ich eine Anzeige: „Jung, dynamisch und erfolgreich. Ein verlegener Verleger, der immer die richtigen Worte findet, möchte aus dem öden vertrockneten Komposthaufen der Dein Leben darstellt, eine Fünf-Sterne Luxus Wellness-Oase machen. Interessiert? Dann kleide Dich ganz in Rot und treffe mich am 15. auf der Neuen Bult zum Pferderennen. Beim Ende des ersten Rennens werde ich mit meinem schwarzen Hut zur Tribüne hoch winken.

Alle sind gekommen, nur die Frau in rot fehlt

„Welchen Beruf hast Du dir für mich ausgedacht?“, fragte mich mein Kollege, den ich als Hank kennen gelernt hatte. „Den selben Beruf, den du dir für mich ausgedacht hast“, antwortete ich. Er überlegte und grinste dann zustimmend. „Das ist gut. Frauen stehen auf Männer mit gefährlichen Berufen.“ Der Startschuss fiel. Wir sahen erst noch nichts von der ganzen Action, da die Startboxen am anderen Ende des breiten Feldes lagen. Wir warteten also. Die Pferde liefen in die zweite Kurve. Mein Pferd verlor an Tempo. Der Jockey prügelte auf ihn ein, doch „Winterzeit“ nahm’s gelassen. Das Ziel war wenige Sekunden später erreicht. Hank sprang auf und wedelte wie verrückt mit seinem Hut herum. Winterzeit wurde Dritter, Turfjäger nur Zweiter. Hank verlor, ich gewann 20 Cent und eine Lady in Red war weit und breit nicht zu sehen. Hier und da nur ein rotes Oberteil oder eine rote Stoffhose, aber immer mit einer farblichen Unterbrechung darin…

Das Glück wird eben manchmal nur Dritter…

„Sie wird nicht kommen.“ „Doch, das wird sie“, versuche ich ihn zu beruhigen. „Wir warten einfach weiter.“ Das zweite Rennen begann in 15 Minuten. Diesmal tippte ich auf einen Favoriten. Siegwette. Drei Euro. Diesmal wollte ich’s wissen. „Ich habe keine Lust mehr zu warten“, sagte Hank und besorgte uns noch zwei Bier um die Zeit etwas angenehmer zu gestalten. Mein Pferd hieß diesmal „Santayana“ und ich suhlte mich in Zuversicht. Das Warten auf den großen Gewinn sollte ein Ende finden. An diesem Tag sollte es soweit sein. Hank schien derweil untröstlich. Ich versuchte ihn zu ermutigen. Alle müssen wir warten. Auf die Bahn, auf den Bus, auf das Gehalt, auf die Liebe, auf die Müllabfuhr, auf das Rückspiel, auf das Finale, auf unser Essen im Restaurant, auf’s Bezahlen an der Kasse, auf das Resultat des Schwangerschaftstests, auf das Kochen des Wassers, auf besser Zeiten, auf weniger Regen, auf sinnvolle Aufgaben, auf bessere Jobs. Manche können es, manche können es nicht. Stillstand ist tödlich für den einen oder anderen. Andere hingegen sehen das Warten als eine Chance den richtigen Schritt zu tun. Hannover schien mal so eine Stadt zu sein, die auf etwas wartet. Auf den großen Durchbruch. Auf die Annerkennung. Hatte sich das warten gelohnt? Ich denke schon, aber was blieb uns auch anderes übrig.

Das zweite Rennen startete hinter den Bäumen (die Strecke grenzte an einen Wald) und da liefen sie auch schon wieder los. Hank interessierte sich nicht mehr für das Rennen oder für Oliver Pocher oder Motsi Mabuse, die etwas später den „Kinder Hut“- Wettbewerb moderieren würden. Was für ein Highlight! „Wir brauchen noch mehr Bier und Luftgewehre“, flüsterte ich ihm zu, doch er will davon nichts wissen. Mein Pferd wurde diesmal Dritter. Mein Geld war futsch. Beim nächsten Mal wird es besser laufen. Ganz bestimmt. Mut ist die Essenz des Optimismus. Wir schaffen das. Wir werden noch. Nur Geduld…

(Fotos: Marc Mrosk)

Unser Autor Marc Mrosk ist Herausgeber des literarischen Underground-Magazines Lost Voices, das in unregelmäßigen Abständen Einblicke in die (nicht nur) deutschsprachige Storyteller- und Kurzgeschichten-Szene gibt und darüber hinaus Rezensionen und Interviews bietet.

“Lost Voices”, Cover [1]

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