Matthias Rohl
31. Juli 2012

Filmgeschichte(n): „Wall Street“

Wie sieht Kapitalismus aus? Eine Antwort mit Oliver Stone

Führt uns das Embryonalstadium heutiger digitaler Spekulations-Exzesse vor Augen: „Wall Street“, Plakatmotiv

Eine Kiste Havanna-Zigarren öffnet ihm die Tür zum Paradies. Es ist sein Geburtstagsgeschenk für den Mann, den er so bewundert. Bud Fox (Charlie Sheen), ein junger, ehrgeiziger Börsenmakler, will das schnelle, große Geld. Nachdem er den skrupellosen, millionenschweren Spekulanten Gordon Gekko (Oscar als bester Schauspieler: Michael Douglas) kennenlernt, scheint sein Traum samt Luxus-Appartement und blonder Gespielin (Daryl Hannah) endlich in Erfüllung zu gehen. Doch der Traum fordert seinen Preis. Durch Gekko gerät Bud in einen Strudel korrupter Geschäfte mit Insider-Informationen. Als Gekko die Fluglinie, bei der Buds Vater Carl (Martin Sheen) beschäftigt ist, aus reiner Profitgier zu zerschlagen droht, erkennt Bud, in welche Welt er abgedriftet ist. Und es naht die Stunde der Entscheidung: Gier gegen Gewissen…

Blick aus der Kommandantur

Mit „Wall Street“ (1987) machte Oliver Stone dort weiter, wo er als Drehbuchautor („Scarface“) und Regisseur („Platoon“) erfolgreich war. Seine fünfte Regie-Arbeit blieb stilistisch nah an seinen bisherigen Werken, weshalb Kritiker bemerkten, auch diese Arbeit sei im Grunde ein Kriegsfilm – diesmal aus der Sichthöhe kapitalistischer Kommandantur. Mit rasantem Schnitt, Split-Screen-Sequenzen und flirrender Kamera gelang dem Sohn eines kurz zuvor gestorbenen Börsenmaklers die haargenau passende Bildersprache für die Welt des heraufdämmernden digitalen Kapitalismus gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Und wer hätte je gedacht, dass es möglich ist, die abstrakte Welt der Dow-Jones-Notierungen als elektrisierende Kriminalgeschichte zu erzählen?

Bud Fox (Charlie Sheen) möchte das schnelle Geld, Gordon Gekko (Michael Douglas) hat es schon

Um die cineastische Tragweite von „Wall Street“ zu ermessen, muss man die historischen Hintergründe der globalisierenden Finanzmärkte in den Lichtkegel gegenwärtiger Krisensymptome des Kapitalismus rücken. Eine wichtige Ursache „ergab sich aus einem Wandel der Wirtschafts- und Finanzpolitik in den westlichen Ländern. Tatsächlich reagierten die westlichen Industriestaaten mit zunehmend gleichartigen Rezepten auf die seit den 1970er-Jahren unübersehbare Wachstumsschwäche. Ausgehend von den USA und Großbritannien, an deren Spitze mit Ronald Reagan und Margaret Thatcher zwei seelenverwandte Politiker agierten, glichen sich die wirtschafts- und finanzpolitischen Konzepte immer stärker an. Auch in Westeuropa vollzog sich ein lautloser Abschied von sozialdemokratischen, keynesianisch begründeten Rezepten, und es erfolgte die Wendung zum ‚Neoliberalismus'“, resümiert der Historiker Andreas Wirsching in seiner souveränen Synthese „Der Preis der Freiheit“ (2012).

Kaum noch kontrollierbare Folgekosten

Der Neoliberalismus, so Wirsching weiter, zielte darauf, „die weltweite Wirtschaftskrise durch die Schaffung neuen Wachstums und neuer Stabilität zu bekämpfen. Erforderlich hierfür waren allerdings nicht politisch gesteuerte Maßnahmen, sondern allein die Kräfte des Marktes, die es ihrerseits durch den partiellen Rückzug des Staates überhaupt erst zu entfesseln galt. In diesem Sinne schwenkten seit Beginn der 1980er-Jahre alle westlichen Regierungen auf einen mehr oder minder strikten monetaristischen Kurs ein.“ Verstärkung des Wettbewerbs, Deregulierung der Märkte, Rückführung sozialpolitischer Leistungen – diese Entwicklungen werfen ihre Schatten weit bis in unsere krisenerprobte Gegenwart hinein und präsentieren uns, leicht erkennbar, kaum noch kontrollierbare Folgekosten.

Drehte mit „Wall Street“ eine vorausschauende Kapitalismus-Studie

Das Embryonalstadium heutiger digitaler Spekulations-Exzesse führt uns Oliver Stones „Wall Street“ plastisch vor Augen. In seiner Rolle als Finanzhai Gordon Gekko bringt Michael Douglas diese zweischneidigen Entwicklungen und ihre innere Trieb-Dynamik präzise auf den Punkt, wenn er in der Aktionärsversammlung seine berühmte Gier-ist-gut-Rede mit den Worten anstimmt: „Greed – you mark my words – will not only save Teldar Paper, but that other malfunctioning corporation called the U.S.A.“ Um diese megalomanische Geldverbrennungs-Maschine besser zu verstehen, lohnt sich der Blick auf sprechende Zahlen: „Im Jahre 1960 umfaßte der gesamte weltweite Kapitalstock ausländischer Direktinvestitionen ca. 66 Milliarden US-Dollar; im Jahr 2002 betrug er 7.200 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einer Steigerung um mehr als das Hundertfache! Der größte Teil dieser Steigerung erfolgte seit dem Ende der 1980er Jahre“, so Wirsching. Und eben dieser Umstand macht das Wiedersehen von „Wall Street“ heute so brisant, denn diese Investitions-Explosion fällt exakt in die Entstehungszeit von Stones Film. Die treibenden Kräfte hinter dieser gefährlichen Dynamik sind bis heute die multinationalen Konzerne, deren Zahl, wie Wirsching beobachtet, von 1980 bis 2007 drastisch anstieg: „Vor allem die 1990er-Jahre sahen geradezu ein Feuerwerk von transnationalen Konzernübernahmen oder -fusionen, das nun auch durch die Aktivitäten von Private Equity und Hedge-Fonds angeheizt wurde.“

Verbranntes Geld und faustische Steuer

Kapitalismuskritik ist wieder sehr in Mode. Das überrascht kaum, denn der mediale Ereignisstrudel umspült uns täglich mit der ewigen Wiederkunft des Gleichen: Krise überall. Doch auch anspruchsvollere Quellen speisen ein virulentes Unbehagen in der modernen Kultur. Der Wirtschaftswissenschaftler Christian Marazzi spricht in „Verbranntes Geld“ (2011), einer brillanten Analyse der Finanzökonomie der Gegenwart, von der Diktatur des Marktes über die Gesellschaft. Der Professor aus Lugano dekonstruiert die tiefe Kluft zwischen Realwirtschaft und Finanzwirtschaft: Längst trete der alteuropäische Industriekapitalismus in immer neuen Mutationen in Erscheinung – etwa als Bio- oder Wissenskapitalismus. Sein bitteres, doch nicht unrealistisches Fazit: „Das Dach über dem Kopf hängt ab von mathematischen Risikomodellen, in denen das Leben von Menschen keinerlei Bedeutung hat und die Armen gegen die weniger Armen ausgespielt werden.“ Und er plädiert leidenschaftlich dafür, ein neues begriffliches Rüstzeug zum Verständnis der finanzökonomischen Krise und für den politischen Umgang mit ihr zu entwickeln. Denn auch dies hat uns Oliver Stone mit „Wall Street“ in prägenden Bildern gezeigt: Dass mehr denn je die Pflege der Tugend intellektueller Wachsamkeit gefordert ist. Niklas Luhmann, der legendäre Soziologe, hat dies in visionärer Voraussicht unserer Krisenzeit, in einer wunderbar diabolischen Faust-Paraphrase pointiert: „Wer immer strebend sich bemüht, den können wir besteuern.“ Darauf läuft im Europa unserer Zeit vermutlich alles hinaus.

nächste Folge:
„Dawn Of The Dead“, „The Evil Dead“, „Braindead“ und Co.
Was vom Körper übrig blieb: Zur Faszinationskraft der Splatter-Ästhetik

(Fotos Film: Pressefotos, Foto Stone: Wikipedia)

Wenn Dir dieser Text gefällt, teile den Artikel auf Facebook,
hinterlasse einen Kommentar oder abonniere unseren RSS-Feed!

Artikel drucken

Kategorien: Film

Kommentiere diesen Artikel