Susanne Viktoria Haupt
6. August 2012

The Night They Drove Old Dixie Down

Seitenansicht: „Music from Big Pink“ von John Niven

Ein tiefer, Fiktion und Realität vermischender Blick in die 1960er-Jahre: John Nivens „Music from Big Pink“, Buchcover

Mitten in der Hochphase der sexuellen und sozialen Revolution der 1960er-Jahre in den USA beschließt Greg, sein Studium zu schmeißen und sein Leben fortan mit Drogenhandel zu finanzieren. Ein unkluger Plan, könnte man meinen, doch wer durch einen derartigen Lebenswandel Kontakt zu musikalischen Größen wie Bob Dylan herstellen kann, der ist leicht geneigt, seine Zweifel über Bord zu werfen. Doch nicht Bob Dylan steht im unmittelbaren Mittelpunkt der Geschehnisse des aktuell in Deutschland neu erschienenen Buches von John Niven, sondern das gleichnamige Album „Music from Big Pink“ von der einflussreichen Rockgruppe „The Band“ und deren Mitglieder Robbie Robertson, der für legendäre Songs wie „The Night They Drove Old Dixie Down“ verantwortlich war, Rick Danko, Levon Helm, Richard Manuel sowie Garth Hudson. Vorher in Ronnie Hawkins‘ Rockabilly-Band The Hawks beheimatet, formatierten sich einige der Musiker neu zu The Band und arbeiteten fortan in ihrem Haus in Saugetiers nahe New York mit den unterschiedlichsten Stars der damaligen Musikszene zusammen. In Nivens Roman immer als messerscharfer Beobachter dabei ist der Dealer Greg, der in dem pinken Haus, nach dem auch das Album benannt wurde, den Ruhm der Band teilt, Drogen ausprobiert, Mädchen liebt, mit dem Gesetz in Konflikt gerät und schließlich versucht, ein Leben nach dieser Ära zu finden. Autor John Niven balanciert dabei auf dem schmalen Grad zwischen Fiktion und Realität und hält sich nah genug an der wahren Biographie der Band, um dem Leser das Gefühl zu vermitteln, dass dies alles wirklich so hätte geschehen können.

„Music from Big Pink“ ist Nivens Debüt-Roman, der bereits 2005 fertiggestellt wurde, aber erst vergangenen Monat in deutscher Sprache erschien. Nicht nur für Musikliebhaber ist dieser Roman ein wahrer Schatz, sondern auch für all diejenigen, die Freude daran haben, in die sagenumwobene Zeit der 1960er-Jahre einzutauchen und zudem die Anfänge des schottischen Bestseller-Autoren kennenzulernen. Mit „Kill your Friends“, „Coma“ und „Gott bewahre“ hat Niven in seinen Folgeromanen einen direkten Schreibstil bewiesen. So macht er nicht vor Kraftausdrücken, Drogen, Gewalt und Exzessen jeglicher Form halt und schafft es dennoch immer wieder, einen angenehmen Erzählton beizubehalten und die Leser damit vollkommen in seinen Bann zu ziehen. Dass Nivens Debüt nun endlich auf Deutsch erscheint, ist hoffentlich nicht darauf zurückzuführen, dass dem Autor der Stoff für neue Geschichten ausgegangen ist, sondern darf auch als Huldigung des dieses Jahr verstorbenen The Band-Mitglieds Levon Helm verstanden werden. Für Fans der schottischen Wortkanone ein Werk, das dringend ins heimische Bücherregal eingereiht werden sollte. Für alle anderen bietet es einen unbeschönigten Blick auf die Musik und die Ideale der 1960er-Jahre. Denn eines war Niven schon bei seinem Debüt: ehrlich.

John Niven: „Music from Big Pink“, Roman, 224 Seiten, Heyne Verlag, ISBN-13: 978-3453676220, 9,99 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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