Jörg Smotlacha
17. August 2012

Sich die Welt neu vorstellen

Mit dem Quicar in die Region. Ausflugstipps der langeleine-Redaktion. Heute: die Documenta 13 in Kassel

Ist das Kunst oder kann das weg? Giuseppe Penones Werk „Essere fiume“, bestehend aus einem echten und einem nachgeahmten Flussstein

Ist es Kunst, wenn zwei Ziegelsteine nebeneinander liegen? Oder wenn auf einer Wiese ein Baum gepflanzt wird? Und wird aus der Tatsache, in Adolf Hitlers Badewanne zu sitzen und dies zu fotografieren, automatisch ein künstlerisches Werk? Kann es Teil einer Ausstellung sein, einen Verkaufsstand für vegetarische Produkte zu führen? Die Documenta 13 sagt ja. Sie traut sich was und provoziert sowohl Besucher als auch Medien-Öffentlichkeit durch symbolische Verweigerungshaltungen. Etwa dadurch, dass der traditionelle Hauptraum des zentralen Gebäudes der Schau, das Erdgeschoss des 1779 erbauten Fridericianums, leer geblieben ist. Lediglich ein leichter Wind weht durch die Haare der Documenta-Gäste. Achtung: Kunst!

Dafür drängeln sich in der ungleich kleineren Rotunde desselben Baus Werke von über dreißig Künstlern. Darunter die Bilder der Foto-Journalistin und einstigen Muse von Man Ray, Lee Miller, die 1945 in Hitlers Münchener Residenz dessen Badewanne benutzte – kombiniert mit dokumentarischen Arbeiten aus den Konzentrationslagern Buchenwald und Dachau. Darunter auch besagte Ziegelsteine, die an den Einmarsch der russischen Truppen in Prag im Jahre 1968 erinnern sollen, wonach den Tschechen verboten wurde, Radio zu hören, worauf diese sich symbolisch Ziegelsteine mit angeklebten Antennen ans Ohr hielten. Die Schwäche der Documenta 13 ist zugleich ihre Stärke: Ohne die Geschichte, die hinter ihnen steht, sind viele der Objekte nicht als Kunst zu erkennen.

Traditioneller Mittelpunkt der Documenta: das Fridericianum in Kassel, im Vordergrund ein Zeltdorf von Occupy-Aktivisten

Eine Kunstausstellung mit Visionen

Alle fünf Jahre findet in Kassel mit der Documenta eine exakt 100 Tage dauernde Kunstschau statt. Mit zuletzt etwa 750.000 Besucherinnen und Besuchern zählt die Schau zu den bedeutendsten regelmäßigen Ausstellungen weltweit. Kein Wunder, dass die 1955 zum ersten Mal veranstaltete Documenta immer wieder für Aufsehen und Diskussionen gesorgt hat und auch aktuell nicht unumstritten ist. Und das erst recht nicht, nachdem die künstlerische Leiterin der Documenta 13, Carolyn Christov-Bakargiev, die Öffentlichkeit mit verblüffenden Aussagen verwirrte. So erklärte die 54-Jährige die Documenta kurzerhand zum Ort für „künstlerische Forschung“, bei der es um „Formen des Wissens“ gehe.

Die Documenta werde angetrieben „von einer ganzheitlichen und nichtlogozentrischen Vision“, die dem beharrlichen Glauben an wirtschaftliches Wachstum skeptisch gegenüberstehe. Was manche der Teilnehmer ausstellten, möge Kunst sein oder auch nicht, ihre Taten riefen jedenfalls „Umstände“ hervor, die helfen könnten, „sich die Welt neu vorzustellen“. Kassel ist jedenfalls in diesem Zusammenhang eine Reise wert, denken wir, und beschließen, sowohl den Zustand der zeitgenössischen Kunst als auch den Anspruch der Documenta 13 genauer unter die Lupe zu nehmen.

Relief-Bild mit Micky Maus und toter Katze: Llyn Foulkes‘ Werk „The Last Frontier“ demontiert den amerikanischen Traum

Von Techno-Partys, Champignons, 35.000 Jahre alten Flöten und Gänsegeiern

Nach gut eineinhalb Stunden Autofahrt erreichen wir Kassel und parken unseren Wagen direkt unterhalb des Weinberges. Der Weinberg liegt mit seiner terrassierten Gartenanlage und riesigen Stützkonstruktionen hochaufragend zentral in Kassels City und dient den Anwohnern als Erholungsgebiet. Wir interessieren uns für die Bunkeranlagen inmitten des Weinberges, die im Zweiten Weltkrieg Schutz vor den Bombenangriffen der Allierten boten, später zur Champignon-Zucht genutzt wurden und in den Neunziger Jahren als Ort für illegale Techno-Partys gekapert wurden. Nun sind sie Teil der Documenta. Wir bekommen einen Helm und betreten die finsteren unterirdischen Gänge. Während eine Audio-Installation des Künstlers Aman Mojadidi überraschende Bezüge zwischen der deutschen und afghanischen Kultur herstellt und überzeugt, ruft ein Film von Jennifer Allora und Guillermo Calzadilla, in dem eine 35.000 Jahre alte Flöte und ein Gänsegeier die Hauptrolle spielen, eher ungläubiges Staunen bei uns hervor. Manchmal ist Kunst einfach auch nur ein Produkt der Fantasie ihrer Erfinder oder eben Betrachter, denken wir, und steigen wieder an die Oberfläche.

Beim anschließenden Aufstieg auf den Weinberg entdecken wir zahlreiche Skulpturen und fragen uns, ob diese ebenfalls zur Documenta gehören. Eines wird schnell klar: In Kassel ist Kunst im öffentlichen Raum angekommen. Wir verschaffen uns einen Überblick über die Orte, an denen die Documenta stattfindet, und stellen erfreut fest, dass sie nicht weit auseinanderliegen und bequem zu Fuß erreichbar sind. Natürlich ist es schwer möglich, alle rund 500 Exponate der Schau zu sehen, daher haben wir mit Hilfe eines Kunstmagazins eine kleine Vorauswahl getroffen und sind gespannt, was wir an Eindrücken sammeln werden.

Reflexion über die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Realität: Susan Hillers Jukebox, Teil der Installation „Die Gedanken sind frei“

Ein Kaleidoskop des zwanzigsten Jahrhunderts

Zunächst steuern wir die Neue Galerie an, eines der Haupthäuser der Documenta. Hier entdecken wir einen Raum mit Songtexten an den Wänden und einer Jukebox in der Mitte. Es handelt sich um Susan Hillers Installation „Die Gedanken sind frei“, bei dem die Ausstellungsbesucher zwischen 100 populären Widerstandsliedern wählen können – ein Archiv des Protestes sozusagen. Wir entscheiden uns für zwei Songs von Manu Chao und Gogol Bordello, wohlwissend, dass wir diese wohl kaum zu hören bekommen werden, da bereits Dutzende von Besuchern vor uns eine andere Wahl getroffen haben. Im ersten Stock erwarten uns schließlich das einzige Mal am heutigen Tage Schlangen, denn die Menschen drängeln sich vor Geoffrey Farmers Werk „Leaves Of Grass“, bei dem der kanadische Künstler Hunderte von Fotos aus dem weltberühmten „Life-Magazin“ auf Grashalme geklebt und so ein Kaleidoskop des zwanzigsten Jahrhunderts entstehen lassen hat.

Wir ziehen weiter ins Ottoneum, eigentlich ein Naturkundemuseum, nun aber ebenfalls Teil der Documenta. Als erstes sehen wir Goldbarren aus Kompost. Sie stammen von der amerikanischen Künstlerin Claire Pentecost, die ein neues Wertesystem auf Grundlage lebendigen Ackerbodens vorschlägt – einer Währung, die jeder durch Kompostieren selbst herstellen kann. Ebenso beeindruckend, aber weitaus musealer ist eine Arbeit von Marc Dion im Obergeschoss. Dion hat dort die Architektur für ein neues Kabinett entworfen, das Carl Schildbachs Holzbibliothek beinhaltet. Schildbach hatte die sogenannte Xylothek mit insgesamt 530 Bänden zu einheimischen Baum- und Straucharten zwischen 1771 bis 1779 geschaffen und dabei jedes Objekt mit getrockneten oder aus Wachs nachgebildeten Pflanzenteilen versehen. Ein bisschen erschwert wird der Besuch des Ottoneums wie auch schon zuvor der der Neuen Galerie durch die Tatsache, dass neben den Werken der Dokumenta auch noch Teile der Dauerausstellung zu sehen sind. Ein Umstand, der aber von den Machern der Documenta so gewollt ist. Wir benötigen eine Pause und gehen einen Milchkaffee trinken.

Ansichten eines Baums: Giuseppe Penones „Idee di Pietra“ steht inmitten der wunderschönen Karlsaue

Die Außenbereiche der Documenta sind alleine die Reise wert

Natürlich ist auch das Fridericianum, seit jeher Nabelpunkt der Documenta, ein Ziel unseres Besuches. Hier entdecken wir die eingangs erwähnten Ziegelsteine des tschechischen Künstlers Tamás St. Turba, Lee Millers Fotografien neben denen ihres einstigen Liebhabers Man Ray, kleine Baktrische Prinzessinen in Vitrinen und diverse andere Kunstwerke aus aller Welt. Ein bisschen konzeptlos erscheint uns diese Zusammenstellung, und zeitgenössisch ist sie auch nicht in allen Teilen, doch beeindrucken viele der Werke durch die Kraft der Geschichte, die sie erzählen. Am besten gefallen uns die im ersten Stock ausgestellten gewebten Wandteppiche der autodidaktischen norwegischen Künstlerin Hannah Ryggen und die im zweiten Stock befindlichen Bilder des amerikanischen Provokateurs Llyn Foulkes, die dem politischen Anspruch der Documenta 13 vollauf gerecht werden.

Das Highlight haben wir uns für den Schluss des Tages aufgehoben: Wir schlendern an der Orangerie vorbei durch die Karlsaue, einer wunderschönen eineinhalb Quadratkilometer großen Parkanlage mitten im Herzen Kassels. Auch sie ist Teil der Documenta und beherbergt mehr als 50 frei zugängliche Objekte unter freiem Himmel. Wir bestaunen Giuseppe Penones Installation „Essere fiume“, die aus einem großen Stein besteht, der auf einem Baum liegt, und wandern durch arabische Zeltdörfer. Ansonsten entspannen wir uns und lassen es uns auf der großen Wiese gut gehen. Schließlich entdecken wir einen kleinen Apfelbaum, Kunstwerk 54. „Ist das Kunst?“, fragen wir uns, und recherchieren, dass der Künstler Jimmie Durham gemeinsam mit Documenta-Chefin Christov-Bakargiev zwei Bäume gepflanzt hat, einen „Arkansas Apple Tree“ und einen von einem Priester im Konzentrationslager Dachau gezüchteten, um so eine Verbindung zwischen deutscher und amerikanischer Geschichte herzustellen. Wir kaufen uns ein lecker belegtes Brot am Verkaufsstand für vegetarische Produkte, geschmiert von der Künstlergruppe AND AND AND, und genießen die Abendsonne. Auch das ist Kunst.

Die Documenta 13 ist noch bis zum 16. September täglich von 10 bis 20 Uhr zu besichtigen. Tageskarten kosten 20 Euro, ermäßigt 14 Euro, während Dauerkarten für 100 beziehungsweise 70 Euro zu erwerben sind. Kinder bis 10 Jahre erhalten freien Eintritt. Wer Geld sparen möchte, kann Abendkarten für 10 Euro nutzen, mit denen man die Documenta ab 17 Uhr betreten kann, oder die Außenbereiche der Documenta, zum Beispiel die Karlsaue, besuchen, die alleine schon die Reise wert sind.

Documenta 13
d13.documenta.de

Fahrtzeit von Hannover-Stadtmitte: ca. 100 Minuten
Ausflugsdauer: ca. 8-10 Stunden

(Fotos: Jörg Smotlacha)

„Mit dem Quicar in die Region. Ausflugstipps der langeleine-Redaktion“ erscheint mit Unterstützung von Quicar – Share a Volkswagen.


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Kategorien: Kunst, Lokalitäten

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