Henning Chadde
23. Januar 2007

Von den Sturmwellen der Liebe

Literarisches Geschlechterdoppel: Das Autorenpaar Antje Herden und Jan Off

Einen eigenen Roman zu schreiben gilt unter Literaten als Königdisziplin und schwere Herausforderung. Einen Roman allerdings zu zweit in Angriff zu nehmen, ihn zwischen den unterschiedlichen Sichtweisen der Geschlechter hin und her wandern zu lassen und schließlich zu einem mitreißend stimmigen Ganzen zusammenzuführen – das dürfte einem Romanprojekt die Kaiserkrone aufsetzen. Das Darmstädter Autorenpaar Antje Herden und Jan Off konnte das nicht schrecken. Mit „Weißwasser“ legten sie 2006 im jungen Braunschweiger Verlag German Publishing ihr erstes gemeinsames Buch vor. Im Mittelpunkt stehen die Minenfelder der Liebe und die Schwierigkeiten einer modernen Beziehung.

Jan Off und Antje Herden

Nicht nur literarisch ein Doppel: Jan Off und Antje Herden

Generation zwischen Lebensentwürfen und Verantwortung

Anna ist Werbegrafikerin, Mitte dreißig und führt mit ihrem Freund Magnus eine scheinbar glückliche Beziehung. Als sie erfährt, dass Magnus sie betrügt, flieht Anna Hals über Kopf nach Portugal an den Urlaubsort ihrer Kindheit, um Abstand zu finden. Doch auch hier sitzt sie bald zwischen allen Stühlen. Sie trifft ihre alte Jugendliebe wieder, und ihr bester Freund ist ihr nachgereist, denn auch er wittert endlich seine Chance auf die große Liebe. Schließlich taucht der reumütige Magnus auf der Bildfläche auf, und das (Gefühls-)Chaos nimmt nicht nur in Annas Kopf einen dramatischen Lauf. Denn es stellen sich viele Fragen, die über das Arrangement einer Beziehung hinaus gehen und an den Lebensentwürfen der heutigen Mediengeneration zwischen Praktika, Prekariat, bürgerlichen Träumen und der Verantwortung für sich selbst rütteln.

Buchcover "Weißwasser"

Zwei Seiten: „Weißwasser“, Buchcover

Melancholisch und mitreißend

In ihrem Doppelroman erzählen Antje Herden und Jan Off jeweils aus weiblicher und männlicher Sicht melancholisch und unterhaltsam von den Unsäglichkeiten, Träumen und Stolperfallen einer modernen Beziehung. Wenn das Literatenduo Herden/Off seine jeweiligen Protagonisten gegeneinander antreten lässt, ist für zwei Dinge auf jeden Fall gesorgt: Kontroverser Diskussionsstoff und beste Unterhaltung. Und natürlich stellt man sich die Frage nach der viel beschworenen Authentizität. Wie viel eigene Partnerschafts-Erfahrung steckt denn nun eigentlich in „Weißwasser“, oder ist es gar ihr eigenes Leben? Antje Herden und Jan Off werden diese Spekulationen sicherlich augenzwinkernd zu nehmen wissen. Literarische Antworten zum Geschlechterkrieg haben sie auf alle Fälle. Und als gestandene Schriftsteller gilt auch bei ihnen der alte Ehrenkodex frei nach Wittgenstein: „Wovon man nicht reden kann, davon soll man schweigen“. Herden und Off schweigen nicht. Denn sie wissen, wovon sie reden.

  • Antje Herden und Jan Off: „Weißwasser“
  • 256 Seiten, 11,80 Euro
  • German Publishing
  • ISBN-10: 3936281076

Antje Herden und Jan Off live in Hannover:
Donnerstag, 25. Januar 2007, Faust-Warenannahme, Beginn: 20 Uhr, Eintritt: 6 Euro

(Foto: Pressefoto)

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Kategorien: Literatur

Ein Kommentar

  1. stefan heuer sagt:

    Liebe Leute, nicht entgehen lassen!! Nicht die Lesung, nicht das Buch. Ihr habt Freunde mit Liebeskummer? Dann schenkt ihnen das „Weißwasser“ – das klärt nicht nur einige Fragen, es lenkt auch wunderbar ab!

    Alligator in der Brandung

    Weniger Süßigkeiten essen, mit dem Rauchen aufhören, öfter mal im Haushalt helfen, sich öfter als bisher bei der Oma blicken lassen – was gibt es nicht alles für gute Vorsätze, vorzugsweise geäußert in der Silvesternacht. Dass viele Vorsätze verworfen und letztendlich vergessen werden, ist bekannt; umso erfreulicher, dass einige auch umgesetzt werden!
    Einer, der es tatsächlich wahrgemacht hat, ist der aus Braunschweig stammende und seit einiger Zeit „der Liebe wegen“ in Darmstadt lebende Jan Off. Bekannt als Verfasser solch misanthropischer Werke wie „Hanoi Hooligans“ oder „Kreuzigungs-Patrouille Karasek“, kündigte er bereits vor geraumer Zeit die Veröffentlichung eines in ernsthafteren Bahnen geführten Romans an – und genau den legt er nun vor!

    Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Antje Herden, welche mir bislang noch nicht ins literarische Bewusstsein gerutscht war, erzählt er in dem beim noch jungen Verlag German Publishing erschienenen Doppelroman (die gleiche Geschichte, einmal geschildert vom männlichen Protagonisten, einmal aus der Sicht der weiblichen Protagonistin) „Weißwasser“ die Geschichte von Magnus (Architekturstudent, Ende 20) und Anna (Werbegraphikerin, Mitte 30), die eine scheinbar glückliche Beziehung führen. Als Magnus sich auf ein sexuelles Abenteuer mit einer Bekannten von Anna einlässt, flüchtet diese nach Portugal, dorthin, wo sie vor vielen Jahren die Urlaube mit der Familie verbrachte. Ein bester Freund, der ihr wie auch Magnus nachreist, sowie eine Urlaubsliebe aus vergangenen Zeiten machen das Gefühlschaos perfekt.

    Die Story ist, um es mit den Worten des großen Poeten Stephan Sulke zu sagen, im Grunde schrecklich simpel. Antje Herden und Jan Off erzählen keine verzwickte, keine verkopft konzipierte Geschichte. Diese Tatsache macht die Gedanken und das Handeln der Personen erfrischend authentisch und nachvollziehbar. Der Reiz liegt nicht in Irrungen und Wirrungen innerhalb der Handlung, sondern vielmehr in der geschlechtlichen Gegensätzlichkeit, mit der die gleichen Dinge aufgenommen und beurteilt werden. Obwohl die gleichen Vorkommnisse beschrieben werden, klingen sie in Offs (männlicher) Version doch deutlich anders als in Antje Herdens weiblicher Wiedergabe. Das größte Vergnügen verspricht, sich parallel durch die beiden Versionen zu lesen und die beiden „Wirklichkeiten“ direkt miteinander zu vergleichen!

    Unterschieden sich die jüngeren Kurzgeschichten von Jan Off bereits deutlich vom prosaischen Frühwerk und brachten teilweise sogar politisch motivierten Inhalt, so markiert der Roman „Weißwasser“ einen vorläufigen neuen Gipfel in seinem sprachlichen Vermögen. Jan Off mit Antje Herden ist Farin Urlaub ohne die (restlichen) Ärzte: ernster, nicht bierernst, nachdenklich, konkreter, elaborierter und gleichzeitig weitaus homogener in seiner Sprache.

    In beiden Versionen arbeitet das Buch mit starken Bildern. Stärkstes Symbol ist eine in Annas Wohnung an der Wand befindliche Alligatorenhaut, von der Magnus behauptet, er habe sie vom Amazonas mitgebracht. Eine Lüge, er war nie dort und kennt den südamerikanischen Kontinent nur aus Erzählungen – eine Lüge als Symbol für eine auf Unwahrheiten fußende Beziehung. Mehr als konsequent, dass sich die Alligatorenhaut nach der Rückkehr aus Portugal von der Wand löst und auch nicht mehr so leicht zu befestigen ist…

    Die Bezeichnung „Liebesroman“ dürfte beim Großteil der männlichen Leserschaft negativ besetzt sein – gegen ein Protokoll der weiblichen Psyche aber sollte sich niemand grundsätzlich sperren! Ein schönes Buch, von dem es eigentlich eine Fortsetzung geben sollte!

    stefan heuer.

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