Susanne Viktoria Haupt
3. September 2012

Mäandern durch die Achtziger

Seitenansicht: „Nichts Weißes“ von Ulf Erdmann Ziegler

„Finden Sie nicht auch“, ruft Marleen über das Autodach hinweg, „dass ‚runde Ecken‘ ein total blödes Wort ist?“ – „Nichts Weißes“ von Ulf Erdmann Ziegler, Buchcover

Marleen Schuller ist ein Kind der 1970er- und 1980er-Jahre, wie wir es literarisch bisher selten kennengelernt haben. Jenseits von Begrifflichkeiten wie Mauerfall, Wiedervereinigung, Emanzipierung oder gar Nachkriegszeit erleben wir das Aufwachsen einer besonderen jungen Dame in gar nicht allzu entfernter Vergangenheit. Die Eltern sind kreative Köpfe in der Werbebranche im nordrhein-westfälischen Neuss, doch während Petrus, der Vater, sich plötzlich nach Poona zu den Bhagwans verabschiedet und fortan in Orange versucht, Demokratie zu wagen, erschafft Mutter Lore Illustrationen für Tschibo-Dosen. Marleens ältere Schwester Johanna zeigt sich eher konservativ-katholisch, ihre jüngere Schwester Christina greift derweil nach den Sternen und lebt ihre Sexualität aus. Der jüngere Bruder Linus wiedrum dient mehr oder weniger eher als anekdotische Anspielung auf „Die Peanuts“ und versinkt etwas im weiblichen Zirkel der Familie Schuller. Die Abwesenheit des Vaters und der damit verbundende Schmerz sind nicht das Fass, das Ulf Erdmann Ziegler in seinem dritten literarischen Werk aufmacht, sie erscheint eher als Beispiel für einen Lebenslauf der damaligen Zeit. Viel mehr ist „Nichts Weißes“ ein Gesellschaftsroman, im Mittelpunkt die Figur der Marleen, die sich – trotz ihrer Legasthenie, oder gerade deswegen – der Welt der Buchstaben verschrieben hat. Es ist ein beliebtes literarisches Stilmittel, seine Protagonisten genau das lieben zu lassen, wofür sie theoretisch ungeeignet erscheinen. Glücklicherweise schafft Ziegler es jedoch, in jeder Hinsicht gekonnt, zu befürchtende Klischee-Inseln zu umschiffen.

Aufbruch in die Freiheit

Nach dem Abitur geht die 19-jährige Marleen im Jahr 1984 für ein Praktikum nach Nördlingen und kauft sich unterwegs das gleichnamige Buch von George Orwell, das sie Abend für Abend in ihrer kleinen Wohnung in der bayerischen Stadt liest. Ihr Praktikum, welches sie bei einem Verleger absolviert, der sich noch der alten Drucktechnik bedient, führt sie kurzfristig nach Mailand, aber viel paasiert dort nicht. Und es ist angenehm, dass Ziegler derlei Passagen nicht bedeutungsschwanger auflädt. Bald findet sich Marleen an der Kunsthochschule in Kassel wieder, um sich der Typographie zu widmen. Mit Elan und Zielstrebigkeit versucht sie die Welt der Buchstaben und die Welt der Schrift ganzheitlich zu verstehen und zu begreifen, eckt aber auch mit den Gepflogenheiten an der Kunsthochschule an. Zustände, die einmal mehr Klischees ankratzen, aber abermals auf angenehme Weise nicht in Satire oder Abwertung münden. In Kassel lernt sie auch den gleichaltrigen, grüblerischen Franziskus kennen, der seinem Namen alle Ehre macht. Von seinen Darstellungen, Arbeitsweisen und kleinen Vorträgen sehr angetan, verliebt sich Marleen und schnell wird aus beiden ein Liebespaar. Als Marleen von einem Tag auf den anderen von Franz verlassen wird, bleibt bei ihr die Frage, wieviele Leben er parallel geführt hat. Während ihrer universitären Zeit und dem Unterricht bei hochgradigen Koryphäen der Visuellen Kommunikation – so der neue Begriff für Gestaltung – konfrontiewrt sie der Kontakt zur befreundeten Spanierin Esmeralda, die während der Studienzeit unkeusch wird, auch immer wieder mit dem Katholizismus. Der Zwiespalt zwischen religiösen Traditionen und Denkweisen und Marleens eigenen weltlichen Sichtweise wird nicht überstrapaziert, wenn auch von Ziegler immer wieder deutlich betont.

Die Geschichte einer Familie exemplarisch für eine Generation

Neben Marleens Werdegang wird auch stets der ihrer Familie im gesellschaftlichen Rahmen beleuchtet. Angefangen bei Petrus‘ Zeit als Aktivist auf den traditionellen Ostermärschen, auf denen für Frieden und gegen Atomkraft demonstriert wurde, bis hin zu seiner Anstellung in einer bedeutenden Werbe-Agentur, die schließlich die Einführung des Tampons mitbegleitet. Oder das Aufwachsen der Kinder in eine Neubau-Siedlung in Neuss, in der es nicht mehr um Traditionen, sondern um das Neue geht. Neue Autos, neue Elektrogeräte, Abkehr von der Religion, mit der sich die von Geburt an fromme Tochter Johanna sichtlich schwer tut, dann eine Zeit, in der der Vater häufiger nach Kalifornien reist, wo die Weihnachtsbäume mit künstlichem Schnee verziert werden, und eine Kindheit zwischen Levi’s und Fruit-of-the-Loom-T-Shirts. Das Reisen für den Beruf und die „Verinternationalisierung des Unternehmen“ stehen als zentrales Merkmal innerhalb der Rückblenden. Eine Zeit, in der die Menschen beginnen, Autos wegen der Umweltbelastung zu meiden, aber das kerosinbetankte Flugzeug paradoxerweise noch als verträglich erachten. Deutlich zeichnet sich so der Beginn der Globalisierung ab. Den Winter im warmen Florida verbringen? Eine Option, die sich für den weltoffenen Vater als attraktiv darstellt, bis er seine Bestimmung in den Armen der Bhagwan-Jünger findet. Marleen wiederum, immer ihr Vorhaben der perfekten Schrift vor Augen, treibt es nach Paris und mitten hinein in die Arbeitswelt der End-Achtziger, die durch neue Technologien und Ansprüche einem starken Wandel unterliegen, wodurch sich Marleen zunehmend ihren eigentlichen Vorhaben und Träumen entzieht.

Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2012

Ulf Erdmann Ziegler widmet sich in „Nichts Weißes“ auf besondere Art und Weise einer Periode, die zwar oft als Aufbruchszeit definiert wurde, jedoch stets unter der Schwere von historischen Begrifflichkeiten oder fehlender Ernsthaftigkeit nicht selten eine einseitige literarische Bebilderung fand. In diesem Roman allerdings herrscht nahezu Klischee-Freiheit. Ziegler nimmt die Leser mit auf eine Reise durch die Zeit, aber auch durch die Orte, die Marleen begegnen, und charakterisiert diese auf ungewöhnliche Art und Weise. So ist Kassel beispielsweise „eine Stadt, deren freundliches Lächeln die zweifelhafte Perfektion dritter Zähne blicken ließ, ein Biss ohne Nerven“ und Paris „keine Stadt, sondern eine Maschine“. Sein Erzählton, der sich an mancher Stelle auch direkt an die Leser richtet, ist sehr ernüchternd und wirkt auf eigentümliche Weise bedrückend, nahezu beklemmend durch seine sanfte und subtile Offenheit. Der Einzug der neuen Medien, wie wir sie heute kennen, wird genau skizziert, ohne dabei anklagend zu wirken. Am Beispiel der Protagonistin Marleen Schuller zeigt sich schließlich passgenau, wie sich die Menschen mit solch einschneidenden Veränderungen arrangiert haben. „Nichts Weißes“ – ein treffender Roman über einen Wandel, deren tiefgreifende Einschnitte in Familie und Arbeitswelt selten so poetisch und wertfrei dargelegt wurden. Ulf Erdmann Zieglers Roman wurde für den Deutschen Buchpreis 2012 nominiert – und das keinesfalls ohne Grund. Überaus lesenswert.

Ulf Erdmann Ziegler: „Nichts Weißes“, Roman, 259 Seiten, Suhrkamp Verlag, ISBN-13: 978-3518423264, 19,95 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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