Henning Chadde
4. September 2012

„In erster Linie ist es wichtig, mit geöffneten Schleusen durch die Welt zu gehen…“

Kreativ-Universen, collagiert: Der Künstler und Gallerist Nils Schumacher zu Gast beim Kulturkiosk. Ein Interview

Künstlerischer Freigeist mit Bodenhaftung und Vision: Nils Schumacher

langeleine: Nils, Du bist Gitarrist, Sänger, Lyriker, Künstler, Tagebuch- und Collage-Artier, Galerie-Betreiber, begeisterter Literatur- sowie Musik-Fan, Synchronsprecher und Aufnahmeleiter beim Film. Dein Kreativ-Universum ist scheinbar unendlich. Verlierst Du da nicht manchmal den Überblick, oder beflügeln sich Deine Interessen gegenseitig?

Nils Schumacher: Nun ja, ich sag mal so: Wenn die Motivation, die Lust am Machen, stimmt, ist es gar nicht so schwer, das Ganze unter eine Hutschachtel zu bekommen. Wobei Du bedenken musst, dass alles natürlich nicht gleichzeitig passiert, sondern gut organisiert sein will. Mit anderen Worten: Zeitmanagement ist das A und O bei all den Sachen, die ich mache. Da bleibt dann sogar noch Zeit für Reisen oder einen schönen Abend mit lieben Menschen. Sonst würde ich ja durchdrehen. Und, wie Du es ja bereits in Deiner Frage andeutest, ist es bei mir eher wirklich so, dass sich meine Aktivitäten gegenseitig befruchten. Nehmen wir zum Beispiel meine Arbeit als Galerist und als Arbeiter im Atelier – da liegen die Dinge geographisch wie intellektuell nicht so weit auseinander. Und da ich mit meiner Band Rauschabstand improvisierte Free Noise-Musik, sozusagen musikalische Collagen „on the spot“ erschaffe, sieht mich mein Proberaum auch nur zweimal im Monat. Es gibt halt kein Repertoire, das wir zweimal in der Woche totproben müssen. Man wird ja auch nicht jünger…

Nils Schumacher: „Lange her ist nicht vorbei“, Tagebuch-Collage, Triptichon, 2009, hier: rechter Teil

ll: Als Mitbetreiber der kleinen aber feinen Galeria Lunar mit angeschlossenem Atelier hast Du Deine veranstalterische und schaffenstechnische Heimat gefunden. Wie sieht Dein Arbeitsalltag als Künstler und Galerist aus?

Schumacher: Die Galeriearbeit ist seit nunmehr fast vier Jahren gut geölt. Will sagen: der Rhythmus der Vernissagen und Finissagen und die damit verbundene Pressearbeit und Atelierbesuche, die mich teilweise bis nach Dresden, Essen, Wien oder, wie demnächst, nach Frankreich führen, stimmt und ist überschaubar. Hinzu kommen da ja noch Konzerte und Lesungen in der Galerie, die für mich organisatorisch gesehen nicht so arbeitsintensiv sind wie die Ausstellungen. Außerdem habe ich im Durchschnitt zwei bis vier Veranstaltungen im Monat. Das muss auch so sein, sonst kannst Du den Laden dichtmachen. Es ist eben auch die Regelmäßigkeit, die sich die Leute merken. Und sie kommen gerne zu uns. Die Arbeit im Atelier dagegen geschieht mitunter fast täglich. Ich sehe das Atelier im Hinterhof der Galerie als mein zweites, kreatives Wohnzimmer. Und wenn ich dann manchmal so gegen 22.30 Uhr von der Arbeit komme, überlege ich mir eigentlich immer: gehe ich jetzt geradeaus nach Hause oder biege ich nochmal ab ins Atelier. Du ahnst es schon: Letzteres ist eigentlich die Regel. Und dann geht so eine Session dann oft bis drei Uhr in der Früh, muss ich doch erst um 12 oder 14 zur Arbeit. Das ist ganz praktisch.

Auf dem Weg zur Textreduktion in der Collage: Nils Schumacher, Collage, freigestellt mit Texteinschub

ll: Gestartet bist Du als Künstler mit umfangreichen Tagebuch-Collagen und -illustrationen, gerne auch mit Texteinschüben. Nun hast Du Dich komplett der reinen Kunstform der Collage verschrieben. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Schumacher: Ich habe irgendwann gemerkt, dass die Collagen keine Texte mehr benötigen, da sie auf den graphischen Bildaufbau nur noch eine störende Wirkung erzielt haben. Da habe ich mir, frei nach Daliah Lavi, gedacht: „Worte zerstören, wo sie nicht hingehören“. Was natürlich bei meinen älteren Tagebuchcollagen, die alle 2009 entstanden sind, nicht der Fall war. Da entwickelten sich die Collagen ganz klar aus der Arbeit am Text, da ich in dieser Phase keine Lust mehr hatte, rein textlich in meinen Tagebüchern zu arbeiten, sondern auch mit Bildern zu operieren, wobei sich ein gewisser Einfluss durch den von mir unendlich verehrten Lyriker Rolf-Dieter Brinkmann nicht verleugnen lässt. Es war, wenn man so will, eine Phase für mich eine neue Sprache des Ausdrucks zu finden. Dass es sich jetzt mittlerweile so entwickelt hat dass ich Text und Collage trenne, darüber bin ich sehr zufrieden.

ll: Wie und wo findest Du Deine künstlerische Inspiration?

Schumacher: Oh, Mann, das ist ein weites Feld, kann ich Dir sagen. In erster Linie ist es wichtig mit geöffneten Schleusen durch die Welt zu gehen, sich nicht wegzustöpseln oder ständig auf irgendein Display zu starren, als käme dabei ein Weltbild zustande. Meine kleine Kamera, die ich meist dabei habe, hilft mir dabei ungemein, das, was mir für meine Arbeit brauchbar erscheint, festzuhalten. Dann stöbere ich natürlich gerne in Zeitungen, Magazinen, Büchern oder Katalogen um an Material zu kommen. Dabei kommt gnadenlos alles unter’s Messer, was gefällt – sogar antiquarisch wertvolle Biologie – oder Physikbücher. Daneben inspirieren mich natürlich auch der Besuch von Ausstellungen und die Beschäftigung mit Literatur, Musik und guten Filmen. Auch der Austausch mit befreundeten Künstlern ist ein wichtiger Bestandteil. An dieser Stelle wären die Malerin Iris Schmitt und der Künstler Klaus Weiße zu nennen. Mit Iris teile ich nämlich nicht nur mein Gehirn sondern auch das Atelier. Klaus wiederum hat im Mai und Juni bei uns ausgestellt und dabei meine Arbeiten kennengelernt. In der Folge versorgte er mich mit exquisitem Bildmaterial aus der ehemaligen Sowjetunion, was zur Folge hatte, dass ich nun bereits seit fast drei Monaten an einer serialen Arbeit sitze, die mir riesigen Spass macht und die ich im Oktober bei der Ausstellung „EX+“ in der Theatergalerie in der List zusammen mit Arbeiten von Iris präsentieren werde. Du siehst: Die gegenseitige inspirative Befruchtung von Galerie- und Atelierarbeit scheint zu funktionieren. Ich hoffe, dass das so bleibt.

Reduce to the max: Collage von Nils Schumacher, textfrei, 2011

ll: Deine bisher schönste Ausstellung?

Schumacher: Schwer zu sagen, da ich hinter allen Ausstellungen gestanden habe, die ich in meiner bisherigen Laufbahn als Galerist präsentiert habe. Würde ich was anderes behaupten, würde ich mich ja selbst in die Pfanne hauen. Das überlasse ich lieber anderen. Ich sage mal so: Die Ausstellungen von Christian Junghanns, Iris Schmitt, Klaus Weiße und Vera Burmester fallen mir an dieser Stelle als erstes ein, ohne dabei die anderen schmälern zu wollen, obwohl es zwei Ausstellungen gab, die ich mir hätte sparen können. Ich nenne aber keine Namen. Was meine eigene Kunst angeht, so war unbestritten die EXPORT–Ausstellung, gemeinsam mit Nils Loof, Marco Finkenstein, Carsten Rahlfs und Iris Schmitt zwischen November 2010 und Januar 2011 im Lichthof des Verwaltungsgerichts, das absolute Highlight. Leider ist die Künstlergruppe EXPORT ja seit knapp einem Jahr nicht mehr aktiv, was ich immer noch sehr bedauere. Aber dafür gibt es ja bald die Ausstellung „EX+“ mit Arbeiten von Iris und mir, auf die ich mich sehr freue.

ll: Wo siehst Du Dich mit Deiner Kunst in zehn Jahren?

Schumacher: Keine Ahnung, wenn es gut läuft, irgendwo zwischen Hannover und New York. Aber ich halte es da eher frei nach dem alten Wehner: „Am wichtigsten ist immer die tagespolitische Aktualität. Alles andere ist graue Theorie.“

ll: Zuletzt: Ein Besuch Deiner Ausstellung beim Kulturkiosk lohnt sich, weil…

Schumacher: …man da Bilder sieht, die man noch nie gesehen hat.

ll: Vielen Dank für das Gespräch, Nils.

Nicht verpassen:

Nils Schumacher präsentiert am Freitag, dem 14. September, beim Kulturkiosk von langeleine.de eine Auswahl seiner aktuellsten Collagen und besten Tagebucharbeiten.

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Kategorien: Kunst, Menschen

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