Susanne Viktoria Haupt
8. September 2012

„Poetry Slam ist eindeutig der Fast-Food-Bereich“

Charmant, mit einer Vorliebe für das Groteske: Gerrit Wilanek liest am 14. September beim Kulturkiosk. Vorher muss er sich den Fragen der langeleine-Redaktion stellen

Lies für die Kunst alles stehen und liegen: Gerrit Wilanek

langeleine.de: Gerrit, Deine Vita ist geprägt durch den kürzlichen Ausstieg aus Deinem Beruf. Wie kam es zu dem Entschluss für die Kunst alles stehen und liegen zu lassen?

Gerrit Wilanek: Ich habe sieben Jahre für dieses Firma gearbeitet. Ich empfand mich als überzahlt und unterfordert. Unterfordert in dem Sinn, dass eigene Gedanken nicht erwünscht waren. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Effizienz und Umsetzung standen da im Fokus. Dabei gingen meine persönlichen Werte mit denen des Unternehmens immer weiter auseinander. Ich fühlte mich fremd, gefangen in einem kapitalistischen Hamsterrad. Und wurde so selbst immer mehr zum Zombie-Hamster. Da wurde es Zeit für Veränderung. Ich überdachte mein Konsumverhalten, entschied mich vegan zu leben und beschloss, dass die Kunst einen größeren und authentischeren Teil in meinem Leben ausfüllen soll. Schließlich bereuen die wenigsten Menschen auf dem Sterbebett, dass sie zu wenig Zeit im Büro verbracht haben.

ll: Was hat sich seit dem Ausstieg getan und hast Du das Gefühl, dass es die richtige Entscheidung war?

Wilanek: Ja. Die Entscheidung war richtig. Jeden morgen, wenn ich aufstehe, freue ich mich über diesen Weg. Ich sehe die Welt jetzt mit anderen Augen. Mit meinen Augen. Das Leben fühlt sich echter an. So wie frischgemahlener Fairtrade-Kaffee in frostig-kühler, aber freier Morgenluft, wenn Ihr mir diesen Vergleich gestattet. Ich treffe nun meine eigenen Entscheidungen und vertrete nur noch meine eigene Meinung. Ohne die Kommunikationszwänge eines Konzerns. Ich habe weniger Geld und die Zukunft ist ungewiss und ich finde das großartig. In einer Welt voller Möglichkeiten ist Sicherheit ohnehin nur eine Illusion. Ich habe mir vorgenommen: Was immer Du beruflich tust, Du musst dahinter stehen. Unabhängig vom Geldbeutel. Es gab eine Zeit, da fühlte ich mich in trügerischer Sicherheit legitimiert, weil meine Kleidung gewisse Labels trug. Mein Füllfederhalter aus einem bestimmten Haus stammte. Oder mein Auto Xenon-Scheinwerfer hatte. Heute kommt mir das alles so lächerlich und weit weg vor. Nur Spielzeug für Schafe, die glauben Hirten zu sein. Im übrigen wollte ich Schriftsteller sein, seitdem ich Kind war. Sobald ich genug Buchstaben kannte, habe ich die Schreibmaschine meines Großvaters mit grausamster Zwei-Finger-Technik malträtiert.

Nimmt sich gerne auch mal selbst auf die Schippe oder den Besen: Gerrit Wilanek

ll: Wo findest Du Inspiration zu Deinen Texten?

Wilanek: Da gibt es drei Quellen. Erstens: es gibt Geschichten, die sind einfach in mir drin und wollen raus. Keine Ahnung wo die herkommen. Zweitens: eine andere Quelle sind Alltagsbeobachtungen. Die Beobachtungen male ich dann in meinem Kopf zu Grotesken aus. Heute morgen beispielsweise war ich beim Bäcker. Eine Kundin konnte sich partout nicht entscheiden welche Brötchen sie nehmen soll. Leicht genervt dachte ich darüber nach, was ich anstelle der Bäckereifachverkäuferin täte. Also, ich hätte der Kundin wahrscheinlich ein Spinnenbrötchen angeboten. Und ich hätte darauf bestanden, dass sie es zumindest einmal probiert! Das gebietet die Höflichkeit. Schließlich hätten wir gerade Spinnenwochen. Mit vielen Spezialitäten: Spinne im eigenem Netz. Spinnenbein-Salat und Spinnen-Ei-Kaviar von der Krim. Schließlich muss es ja nicht immer Wiesenhof sein. Und natürlich günstiges Spinnenfleisch aus Hamburg. Aus artgerechter Haltung. Von der Spinnenplage aus der Hafencity, falls sich da jemand noch dran erinnert. Aber ich schweife ab… Drittens: meine letze Quelle entspringt Trauer und Wut. Ich würde mich selbst als einen politischen Menschen bezeichnen. Wenn ich mich so umschaue, denke ich, die Welt sei verrückt geworden. Parasitärer Kapitalismus. Rücksichtslose Ressourcenvernichtung. Alltäglicher Rassismus. Massentierhaltung. Und all das legitimiert durch die Public-Relation großer Unternehmen und den Luftblasen von Politikertalks. Ich will versuchen diesen Bergketten Sandkörner entgegen zu schleudern. Allerdings gelingt dies allenfalls subtil. Der erhobene Zeigefinger funktioniert nicht, es sei denn man heißt Xavier Naidoo. Drum versuche ich es mit Humor. Auch nehme ich mich selbst stets gern auf die Schippe und nicht allzu ernst.

ll: Dieses Jahr ist Dein erster Roman herausgekommen. Welche neuen Projekte und Ideen stehen bei Dir nun in Planung?

Wilanek: Derzeit arbeite ich an einem neuen Prosa-Projekt. Die Story spielt in einer fiktiven Stadt zwischen Hannover und Hamburg. Ein Obdachloser wird von einer geheimnisumwitterten Frau angesprochen, die ihn glaubhaft darlegt, dass er in einer anderen Welt ein Held ist. Und sie habe eine weite Reise auf sich genommen um ihn dafür zu danken. So schnell wie diese Frau auftaucht verschwindet sie auch wieder. Doch sie hinterlässt ihm ein Geschenk: Wahrnehmung. Zuvor quasi unsichtbar, beachten ihn die Menschen nun. Werfen Geld in seine Mütze und sprechen ihn an. So entdeckt er bald eine Welt von ungeahnten Möglichkeiten. Aber schnell schon wird er merken, dass diese Wahrnehmung eine gefährliche Droge ist mit der gedealt und für die getötet wird. Zusammen mit der Punkerin Tara macht sich der Protagonist auf die Suche nach der geheimnisvollen Frau und nach Antworten. Dabei verstricken sich die beiden tief in einen Machtkampf, der um die Zukunft dieser Stadt tobt.

Wilanek: „Beim Poetry Slam ist die Gewürzauswahl zwar eingeschränkt, dafür wird am Chili nicht gespart“

ll: Was ist für Deine Entwicklung als Autor und Slam Poet am wichtigsten?

Wilanek: Wenn man Literatur wie eine Küche sieht, dann ist Poetry Slam eindeutig der Fast-Food-Bereich. Es ist lecker, schnell und als Autor an jeder Ecke zu bekommen. Köstliche Wahrnehmung der eigenen Texte. Und das Beste: man ist in so einem öffentlich Schnellimbiss immer unter Leuten. Im Gegensatz zum Kochen von aufwendiger Prosa am heimischen Herd mit raffinierten Kräutern. Beim Poetry Slam ist die Gewürzauswahl zwar eingeschränkt, dafür wird am Chili nicht gespart. Und nach dem Auftritt stellst du dich direkt auf die Waage und schaust wohin die Wertungsnadel ausschlägt. Gleichwohl hält so eine Mahlzeit nicht lange satt. Und das meine ich nicht nur im kulturellen Sinn. Neben Fahrtgeld und gelegentlich Gagen kommt finanziell wenig rum. Aus meiner Sicht muss man sich irgendwann entscheiden. Entweder findet man einen Agenten und fasst Fuss im Kabarett oder man entwickelt sich zum Romancier. Ich sehe mich eindeutig im zweiten Bereich.

ll: Was können die Zuschauer beim Kulturkiosk von Dir erwarten?

Wilanek: Ich will vielseitig beim Kulturkiosk auftischen. Neben der ein oder anderen Poetry-Spezialität, werde ich auch Schmankerln aus meinem Roman „Alles in Ordnung“ servieren. Als bekennend vegan lebender Mensch werde ich mich natürlich über mich und meines Gleichen lustig machen. Besonders freue ich mich auf’s Dessert bei dem mich Kai-Olaf Stehrenberg bei einem Text-Arrangement an der Gitarre begleiten wird. Wir werden ein lukullisches literarisches Dinner miteinander teilen. Und ich freue mich jetzt schon auf die Tortenschlacht!

ll: Lecker! Herzlichen Dank für das Gespräch, Gerrit!

Nicht verpassen:

Gerrit Wilanek serviert am Freitag, dem 14. September, beim Kulturkiosk von langeleine.de sein kreatives und literarisches Abendessen.

(Fotos: Pressefotos)

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Kategorien: Literatur, Menschen

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