Susanne Viktoria Haupt
10. September 2012

Einmal Indie und zurück…

Das Verhör: „Modern Void“ von Black As Chalk

Ansprechendes Ecken- und Kanten-Design: „Modern Void“ von Black As Chalk, CD-Cover

Während es anderen schwerfällt, ein Buch oder einen Film in seine Einzelteile zu zerlegen, ergeht es mir in der Regel so bei Musik. Deswegen hatte ich auch etwas Furcht, als das neue Black As Chalk-Album auf meinem Schreibtisch landete und sich mehr als bereit zeigte für eine anständige Rezension. Vor allem, da die Jungs dieser Göttinger Band kommenden Samstag zusammen mit Fibre und Kneeless Moose ein Konzert im Kulturzentrum Faust geben. Als ich die CD jedoch in mein Abspielgerät einlegte, kam mir ein Gedanke: Annabel. Damals, zu Zeiten meiner Oberstufe, drückte ich gemeinsam mit einer jungen und liebreizenden Dame die Schulbank, die nahezu wie eine wandelnde Ausgabe der Musikzeitschrift Visions daherkam und auch noch heute wahrscheinlich mehr über das Musik-Genre Indie-Rock weiß, als so manch anderer. Annabel kam mit Franz Ferdinand, Muse, Arctic Monkey, The Hives, The Killers, Mando Diao, Maximo Park und Oasis daher. Annabel fuhr und fährt quer durch Europa auf Festivals, arbeitete bei kleinen Indie-Musik-Labels, reiste durch England auf den Spuren des Brit-Pops, investierte Energie in die Organisation des Dockville-Festivals und als ich sie neulich auf dem BootBooHook-Festival traf, da kannte sie die meisten Bands und wippte im angesagten Jeanskleid lässig zur Musik. Oh Annabel, was haben wir uns gegenseitig nur für unendlich viel Musik vorgespielt. Du gabst mir Indie-Rock’n’Roll, ich versuchte dir Grunge und Punk beizubringen. Warum ich beim Hören dieser CD an meine liebe, gute Freundin denken muss? Weil sie ihr gefallen dürfte.

Zwischen Robert Smith und amtlicher Arcade Fire-Stimmung

Der Opener „Onshore“ klingt ein wenig nach Muse mit einem Hauch Arcade Fire, letzteres vornehmlich aufgrund des Orgel-Einsatzes. Ein Track, der zwar nicht ganz so gitarrenlastig ist wie die meisten Songs von Muse, aber das Gefühl, dieses melancholische „Aufbruch-Freiheit-Feeling“, schlägt wie die Gesangslinie deutlich in die musesche Richtung. „The Cutter“ wiederum hat was von den Arctic Monkeys und The Strokes, nur eben nicht so glattgebügelt. Allgemein kommen die Songs durch kleine Orgeleinlagen stets ein wenig kantiger daher. Obendrein liegt im neuen Black As Chalk-Album eine ordentliche Prise 1980er drin. Während „The Way“ mit seinen Riffs noch deutlich an Franz Ferdinand angelehnt ist, kommt der Titel-Track „Modern Void“ schließlich sanfter als die anderen Songs um die Ecke und lässt durch den dominanten Einsatz der Gesangsstimme ganz klar an Robert Smith denken. Kurz ist man versucht, die Band des Abkupferns und wahllosen Zusammenwürfelns erfolgreicher und vergangener Sounds schuldig zu sprechen, aber Black As Chalk wissen erneut zu überraschen: Urplötzlich durchfließt eine zarte Klavierspur den Song, die einen dann doch wieder milde stimmt und sagen lässt: „ruhig weiter so Jungs“.

Einen guten Schluss muss man können…

Die Neugierde sollte man sich beim Hören des Albums ohnehin bewahren, denn „Galatea #9“ ist irgendwie ganz anders, als die vorangegangenen Stücke, auch wenn zumindest bei der Verfasserin dieser Zeilen das forcierte Gefühl der tiefen Melancholie auszubleiben scheint. Macht nichts, das schieben wir mal getrost auf das Alter und der damit einhergehenden Abhärtung. Der Song „Rainbow“ hat mich schließlich sogar ganz kurz an „Billy Talent“ erinnert, aber das kann auch nur eine klitzekleine Verwirrung durch die Erinnerungen an alte Tage sein. Der letzte auf dem Album verzeichnete Song „Offshore“ ist eine Art Glockenspiel-Pendant zu „Onshore“, dass dank Einsatz dieser lieblichen Töne etwas Verträumtes und Abschließendes mit sich bringt. Doch Obacht, zu Ende ist „Modern Void“ deswegen trotzdem nicht, verwöhnt einen doch noch der Überraschungstrack Nummer 14, der einmal mehr zeigt, warum ein Schlagzeug ein herrliches Instrument ist. Und sich entgegen aller Erwartungen auch einfach nur sanft durch die Ohren schlängeln darf, anstatt fett aufzutrumpfen und das Innenohr zu zerschlagen. Als zweites Album in fünf Jahren Bandgeschichte eine durchaus passable Leistung und wirklich gut abgemischt. Meckern kann man keinesfalls und anstatt sich mehrere Indie-CDs hintereinander reinzuziehen, reicht es mir einfach Black As Chalks neues Album anzuhören und zu bemerken, dass aus Göttingen tatsächlich gute Musik kommt, die den internationalen Größen dieses Genres schon sehr nahe kommt. Und auch wenn Indie dieser Tage ein sehr dehnbarer Begriff geworden ist, lohnt es sich sich daran zu erinnern, was Indie eigentlich mal war. Der Begriff kommt nämlich keinesfalls von einem Röhrenjeans-Hersteller oder gar einem Jutebeutel-Frabrikanten, sondern von dem Wort „Independent“. Und Independent-Rock war einmal das, was eben nicht über ein großes Major-Label läuft. Mit Timezone Records und ihrem Sound sind Black As Chalk also defintiv auf dem richtigen Weg, dieser Musiksparte und ihren Fans wahrlich gerecht zu werden.

Black As Chalk: „Modern Void“, CD, 13 Songs plus Bonus Track, Timezone Records

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Kategorien: Musik

2 Kommentare

  1. Bel sagt:

    Wow, ich glaub, ich brauch die CD! 😀 Gibts die bei 25 Music? 🙂

  2. Betty sagt:

    Das ist mal eine Kritik, die sich sehr schön liest und bei der man den Eindruck hat, dass sich jemand richtig Gedanken gemacht hat. Finde ich toll! @BEL: Ab den 21.09. bekommst du das neue Black as Chalk Album „Modern Void“ in jedem gut Sortierten CD-Handel oder hier: blackaschalk@web.de .

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