Susanne Viktoria Haupt
17. September 2012

Beklemmende Seeleneinblicke

Seitenansicht: „Zungen aus Stein“ von Sylvia Plath

Wurde zur Kultfigur der Frauenbewegung stilisiert: Silvia Plath, Buchcover von „Zungen aus Stein“

Es gibt viele Schriftsteller, die erst postum ihre Bekanntheit erlangt haben. Beispielsweise Georg Büchner oder aber auch Franz Kafka, dessen meiste Schriften in den Jahren nach seinem Tode von Max Brod veröffentlicht wurden. Genauso verhielt es sich auch bei der amerikanischen Schirftstellerin und Lyrikern Sylvia Plath. Zwar erlangte sie schon Bekanntheit zu Lebzeiten durch diverse Gedicht-Veröffentlichungen, aber erst nach ihrem Freitod im Jahre 1963, die Veröffentlichung ihres lyrischen Spätwerkes, unter anderem in der Gedicht-Sammlung „Ariel“, Tagebücher sowie die Neuauflage ihres Romans „Die Glasglocke“ im Jahre 1971 wurde Plath zu einer Kultfigur der Frauenbewegung. In „Die Glasglocke“, das als ihr größter kommerzieller Erfolg gilt, und starke autobiographische Züge beinhaltet, zeichnet die Autorin das gesellschaftliche Dilemma auf, in dem sich Frauen in den 1950er-Jahren bewegten. Gefangen zwischen der allgemeingültigen Vorstellung, dass eine Frau nur darauf zu warten hat, einen gutsituierten Mann zu heiraten, um ihm und den zukünftigen Kindern dienlich zu sein, und dem eigenen Willen nach Karriere und Freiheit, verfängt sich die Protagonistin Esther Greenwood in Zweifeln, Sackgassen, Lebenskrisen und Depressionen. Eine Tortur, die Plath selbst erlebt hat und die sie an ihre persönlichen und seelischen Grenzen getrieben hat.

In ihrem Erzählband „Zungen aus Stein“, das die Frankfurter Verlagsgesellschaft nun anlässlich ihres 80. Geburtstages neu herausgegeben hat, legt Plath ihren Blick sehr auf die Thematik des Verlustes. In den einzelnen, relativ kurzen Erzählungen erzählt die Autorin auf bedrückende Weise über den Verlust der Kindheit und der Leichtigkeit, den Verlust des Vaters und anderer nahestehender Personen sowie über ihre ersten sexuellen Erfahrungen. Traurig und mit depressiver Grundstimmung fängt Plath kleine Szenarien ein, in denen ihre Charaktere selten glücklich, aber auch nie wirklich traurig, sondern eher von beißender Leere durchsetzt sind. So fühlt sich das junge Mädchen in „Ein Tag im Juni“ überfordert von ihrer aufkeimenden Sexualität und den damit zusammenhängenden neuen Empfindungen, die aus ihrer Sicht sie selbst zu einem berechenbaren Wesen machen. Meist findet die Handlung im engsten Kosmos statt, im kleinen Familien- oder Freundschaftskreis, was eine noch beklemmmendere Stimmung beim Leser hervorruft. „Zungen aus Stein“ gibt einen weiterer tiefen Einblick in Sylvia Plaths Seele, ihre Abgründen und ihre tiefe, namenlose Traurigkeit. Dabei besitzen die von ihr präferierten Themen häufig – wie beispielsweise im Hinblick auf den Verlust des Vaters – deutliche autobiographische Nuancen und sind literarisch hochwertig ausgearbeitet.

Sylvia Plath: „Zungen aus Stein“, Erzählungen, 300 Seiten, Frankfurter Verlagsanstalt, ISBN-13: 978-3627100216, 14,90 Euro

„Seitenansicht“ erscheint in Kooperation mit der Buchhandlung Decius.

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Kategorien: Literatur

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